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Verdauung und Ernährung - Die Bedeutung der Ernährung (S. 258-259)
Die Lebendigkeit des menschlichen Leibes äußert sich besonders in zweifacher Weise. Fast alle Organe werden durch den in ihnen tätigen Lebensleib fortwährend neu gebildet. Diese natürliche Regeneration, die auch den Heilungsprozessen zugrunde liegt, vollzieht sich in den verschiedenen Organen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit – besonders rasch in den Verdauungsorganen, etwas weniger schnell in Lunge und Leber und noch langsamer in der willkürlichen Muskulatur.46 So werden die betreffenden Organe in einer bestimmten Zeit, d.h. in einem bestimmten Rhythmus, bis in die letzte Faser ihrer Gewebe erneuert.
Außerdem greift das Atmen in das Leben der Organe ein. Es bewirkt, dass unentwegt organische Substanz verzehrt wird. Auch dieser Prozess hat von Organ zu Organ eine unterschiedliche Intensität, die zudem mit der Tätigkeit der Organe schwankt. So benötigen die Organe fortwährend einen Zustrom von verschiedenen Substanzen aus dem Blut, den sie nach ihrem Bedarf regeln (s. das Kapitel «Blut, Blutkreislauf und Herz»).
Dieser Bedarf an Substanz wird uns als Hunger bewusst. Und wenn der Wassergehalt des menschlichen Leibes um 0,5 Prozent des Körpergewichts geringer wird, d.h. wenn ein Erwachsener mit einem Gewicht von 70 kg 350 ml Wasser verliert, sei es durch die natürliche Ausscheidung, durch Schwitzen oder in der Folge von Diarrhoe, dann empfi ndet er diese leichte Austrocknung seines Leibes als Durst. Die Empfi ndungen von Hunger und Durst, die aus den unterbewussten Lebensvorgängen unseres Leibes aufsteigen, werden zum Antrieb für die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme.
In der Regel empfi ndet man den Hunger im Magen. Muss der Magen operativ entfernt werden, verschwindet das Hungergefühl aber keineswegs. Nun steigt es aus dem Blut als dem Träger der organischen Substanzen und aus den Organen selbst auf. So kann man durch Beeinfl ussung der inneren Atmung in den Geweben der Organe das Hungergefühl steigern und abschwächen. Diese Tatsachen weisen darauf hin, dass das Leben im Magen, im Blut und in den anderen Organen von seelischen Kräften durchwirkt ist. Denn Hunger und Durst sind seelische Erlebnisse; durch sie wird der physiologische Bedarf an Substanz als Bedürfnis bewusst. In den Empfi ndungen von Hunger und Durst nimmt die Seele des Menschen unmittelbar an den Lebensprozessen der Organe teil, soweit es die Erneuerung der Substanzen im sogenannten Baustoffwechsel und Betriebsstoffwechsel betrifft.
Eine Behandlung von Verdauung und Ernährung sollte aber nicht nur die Aufnahme und Verarbeitung der Nahrung und die Erneuerung der Substanzen in den Organen betrachten, sondern auch die Bedeutung dieser Prozesse für die menschliche Persönlichkeit. Bei der Hungerstudie, die A. Keys in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit einer Anzahl junger Männer durchführte, verringerte sich deren Körpergewicht um 25 Prozent. Dabei kam es durch die unzureichende Ernährung zu charakteristischen Veränderungen vor allem des Willens- und des Gefühlslebens. Die betroffenen Menschen litten unter Müdigkeit und apathischen Zuständen, das heißt, ihr Wille war geschwächt. Es traten Schwindelzustände auf, in denen der Mensch im Willen die sichere Kontrolle über seine Haltung verliert. Die Schwächung des Willens bzw. des Ich äußerte sich auch in einer mangelnden Beherrschung des Gefühlslebens und des Bewusstseins: in gesteigerter Erregbarkeit und Reizbarkeit, in übermäßigen Schwankungen des Gefühls und in Störungen der Aufmerksamkeit und Auffassungskraft (s. Gniech 1996, S.23).
Eine ausreichende Ernährung ist also nicht nur die Voraussetzung für den normalen Ablauf der Lebensprozesse in den Organen; sie ist auch die Bedingung dafür, dass der Mensch durch dieses Stoffwechselleben die Kräfte seines Willens ohne Schwächung betätigen kann. Bei den Fragen der Verdauung und Ernährung hat man also die Bedeutung des Seelischen in den Regungen von Hunger, Durst, Sättigung usw. zu berücksichtigen, ebenso die Beziehung zum weiteren Umfang der geistig-seelischen Persönlichkeit. Im Vergleich mit dem seelischen und geistigen Leben in den vielfältigen Regungen des Gemüts und dem Verarbeiten der Eindrücke durch das Denken sind Essen und Trinken und alles, was sich daran anschließt, aber relativ periphere Betätigungen. Diese Vorgänge dienen dem äußerlichsten Bereich im Wesen des Menschen, dem Erhalt des physischen Leibes.
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