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1 Warum wir uns auf die neue Großmacht aus dem Süden einstellen sollten Unser Fehler: Wir unterschätzen Brasilien (S. 1)
Das Büro im Zentrum Rio de Janeiros war klein und mit alten Möbeln vollgestellt. Der Präsident – er hieß damals nicht CEO – orderte den obligatorischen cafezinho, indem er eine scheppernde Klingel unter seiner Schreibtischplatte drückte.
Er gab kein Interview, sondern hielt einen zweistündigen Monolog über deutsche Kultur, Infrastrukturprobleme Brasiliens, japanische Interessen in Südamerika, dazwischen Exkurse über Physik und Geologie – durchaus interessant, aber nicht gerade fokussiert auf seinen Konzern. Es ging weder um Umsätze, Gewinnentwicklung oder sonstige Geschäftsprognosen. Ob es diesen Konzern noch lange geben wird?, fragte ich mich damals. Das war Mitte der 90er.
Nur eine Dekade später ist der Konzern der zweitgrößte Bergbaukonzern der Welt. Die damalige Companhia Vale do Rio Doce heißt heute Vale. Kurz danach war ich erneut für einen Termin im Zentrum von Rio. Das brasilianische Außenministerium wollte mir die Stärken brasilianischer Konzerne vorführen und hatte dafür ein Interview mit einem Direktor des Ölkonzerns Petrobras organisiert.
Stundenlang, so schien mir, wanderte ich durch lange, dunkle Gänge im futuristischen Betonwürfel des Konzernsitzes. Scharen von Bediensteten schauten Fernsehen oder schwatzten mit Sekretärinnen, die sich die Nägel feilten. Der Direktor war nicht da. Keiner wusste Bescheid. Ich wurde von einem Assessor zum anderen geschickt.
Was aus diesem verschlafenen Staatskonzern noch wird?, dachte ich – und bin bis heute immer wieder überrascht, dass Petrobras einer der dynamischsten Ölmultis der Welt geworden ist. Mehrere riesige Ölfelder hat der Konzern vor der Küste Brasiliens entdeckt, sodass Brasilien in ein paar Jahren zu den acht größten Ölförderern weltweit gehören könnte. An der Börse war Petrobras zeitweise mehr wert als Microsoft.
So wie es mir vor zehn Jahren erging – so ähnlich, scheint mir, geht es derzeit vielen bei uns. Kaum ein Land unterschätzen wir heute so wie Brasilien. China und Indien trauen wir Hauptrollen bei der globalen Umwälzung in der Weltwirtschaft zu. Entsprechend ernst nehmen wir sie. Brasilien dagegen gestehen wir eine bessere Nebenrolle zu. Das ist ein Fehler. Denn die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt setzt gerade zum Sprung an zur Weltmacht.
Zwar wird auch Brasilien nun von der Wirtschaftskrise voll erfasst. Firmen streichen die Investitionen zusammen, die Arbeitslosigkeit steigt. Das Wachstum stagniert. Dennoch ist Brasilien weniger als die meisten anderen Volkswirtschaften von der weltweiten Krise betroffen. Brasilien hat gute Chancen, aus der jetzigen Wirtschaftskrise gestärkt hervorzugehen. Wenn sich die Weltwirtschaft wieder stabilisiert, dann wird Brasilien einer der Emerging Markets sein, der am schnellsten wieder anspringen wird.
Denn das Land verfügt über Trümpfe, die jetzt wichtig geworden sind: Es besitzt einen eigenen großen Binnenmarkt, der sich zunehmend auf ganz Südamerika erstreckt. Seine Unternehmen sind solide aufgestellt: Es gibt private und staatliche Kontrolleure, inländische und ausländische Eigentümer.
Das gilt auch für das Bankensystem: Trotz der weltweiten Finanzkrise kam nicht eine Bank ins Schlingern. Mehr noch: In anderen Ländern denken die Regierungen noch darüber nach, wie sie die staatlichen Milliardenkredite zu den richtigen Unternehmen kanalisieren können. Brasilien hat seine staatliche Entwicklungsbank BNDES, die das schon immer macht – die Regierung konnte einfach den Hahn der staatlichen Gelder für ihre Banken öffnen.
Es existiert ein gesunder Mix aus Rohstoffkonzernen, Dienstleistern und verarbeitender Industrie – von Kleinstbetrieben, einem breiten Mittelstand bis zu Großkonzernen.
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