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Fluch der wilden Jahre - Türks zweiter Fall

von: Robert Hültner

btb, 2009

ISBN: 9783641030919 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:


  • Das schlafende Grab - Kommissar Türks erster Fall
    Schwarzkittel - Palzkis zweiter Fall. Ein Pfalz-Krimi.
    Erfindergeist - Palzkis dritter Fall. Ein Pfalz-Krimi.
    Verblendung - Roman
    Vergebung - Roman
    Verdammnis - Roman

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Fluch der wilden Jahre - Türks zweiter Fall


 

KAPITEL 1
Irgendetwas war hier faul.
Die beiden Männer standen gelangweilt an der Ecke zur Gasse des alten Zerwirkgewölbes in der Altstadt. Betont gleichgültig musterten sie die vorbeigehenden Passanten. Ihre Mienen waren ausdruckslos, ein wenig herablassend. Hin und wieder trafen sich ihre Blicke und ruhten für Sekundenbruchteile ineinander, ohne sich etwas zu sagen zu haben.
Waren sie mit jemandem verabredet? Mit auswärtigen Geschäftspartnern, die sie in das nahe gelegene Hofbräuhaus auszuführen hatten? Mit ihren Frauen, die sich beim Stadtbummel zum Shoppen ausgeklinkt und dabei die Zeit vergessen hatten?
Türk verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt. Da war es wieder, dieses innere Alarmsignal. Dieses stete Misstrauen. Die Polizisten-Macke eben, die wieder drauf und dran war, ihm seinen freien Tag zu versauen, den er doch mit einem Spaziergang durch die Altstadt verbringen wollte, ganz entspannt. Er hatte das Viertel innerhalb des ersten Stadtmauerrings vor kurzem wieder für sich entdeckt und herausgefunden, dass es nicht, wie er befürchtet hatte, bis in den letzten Winkel von Scharen lärmender Touristen belagert war.
Natürlich war vieles nicht mehr, wie er es in Erinnerung hatte, und wie er es erlebt hatte, als er während seiner Ausbildung in einem winzigen Appartement in der Maderbräu-Straße wohnte. Die verwinkelten Innenhöfe der Gebäude am Platzl waren öffentlich und hatten keine Geheimnisse mehr. Aus dem kleinen Café in der Ledererstraße war ein turbulenter, von Italo-Pop durchpulster Szene-Treff geworden. Der Kaffee war in Ordnung, doch das einst verschwiegene Hinterzimmer, in dem nicht nur er, sondern so manche Prominenz aus den nahe gelegenen Kammerspielen mit der jeweils Angebeteten geturtelt hatten, war zu einer kühlen Lounge umgemodelt worden, in der sich schlaffe Yuppies auf unbequemen Sitzen flezten.
Beruhigend war, dass zumindest das Weiße Bräuhaus sich nicht von der überdrehten Modernisierungshast hatte anstecken lassen. Wenig hatte sich in der Einrichtung des Gasthauses geändert. Noch immer waren es die bodenständigen, mit robustem Humor ausgestatteten Kellnerinnen, die über diesen Ort herrschten und das Menschengewühl energisch wie machtvolle Fregatten durchpflügten.
Aber natürlich war es wieder vergeblich gewesen, sich vorzunehmen, an diesem Tag nicht an den Job zu denken. Zwar wäre Türk nichts eingefallen, was ihm in letzter Zeit an seiner Arbeit in der 29er-Inspektion besonders auf die Nerven gegangen wäre. Er hatte sich – als Streifenbeamter im wenig aufregenden Münchner Osten – längst eine gewisse Gelassenheit zugelegt. Die Einsätze unterschieden sich nur unwesentlich voneinander. Immer wieder bestätigte sich ihm, was er schon immer vermutet hatte: Die Menschheit war, was ihr Konfliktverhalten und ihre moralische Festigkeit betraf, eher einfach gestrickt. Welcher Schicht die jeweiligen Kontrahenten angehörten, war dabei nahezu egal. Der emeritierte Philologen-Feingeist konnte übergangslos zum mordbereiten Neandertaler mutieren, wenn er den Fußball eines Nachbarjungen in seinem Garten entdeckte, wie auch die mildherzigste Witwe, deren Haus die vorweihnachtlichen ›Misereor‹-Sammler vermutlich nie ohne ordentliche Spende verließen, sich zur flammenden Thusnelda auswachsen konnte, wenn es darum ging, das Aufstellen von Asylantenbaracken in der Nachbarschaft zu verhindern. Und so manch angesehenes Parteimitglied, dessen staatstragende Rechtschaffenheit über jeden Zweifel erhaben schien, ließ sich, in sträflicher Überschätzung seiner Bedeutung und seines Einflusses, von der Aussicht, seine Finanzen aufbessern zu können, zu strafbarer Mauschelei verführen.
Nein, auch in München war man nicht gesetzestreuer als an irgendeinem anderen Fleck dieser Erde. Der erfahrene Kollege Öttl hatte es neulich auf den Punkt gebracht, als er meinte, dass er diesbezüglich zwischen München und Palermo die Hand überhaupt nicht umdrehe. Dass die Stadt dennoch ein verhältnismäßig sicheres Pflaster schien, hatte gewiss nichts mit der besänftigenden Wirkung des voralpenländischen Klimas oder mit einer vom Bierkonsum beförderten Behäbigkeit, geschweige denn mit südländischer Gelassenheit oder gar Liberalität zu tun. Sondern mit der schlichten Logik: Wer schon hat, braucht nicht zu klauen. Und viele – wenn auch beileibe nicht alle – Münchner hatten. Noch hielt sich die Arbeitslosigkeit in Grenzen, noch konnten, zumindest in den von alteingesessener Bevölkerung geprägten Vierteln, viele Notlagen durch ein solides nachbarschaftliches Netz abgemildert werden, und noch ließ sich der eine oder andere Investor vom sorgsam gepflegten Image der Kulturhaftigkeit und Lebensleichtigkeit bezirzen. Für pompöse hochkulturelle Spektakel mochte dieses Bild gerade noch zutreffen, für den Alltag aber immer weniger. Schon gab es ganze Straßenzüge in der Innenstadt, in denen man vergeblich nach einer Metzgerei suchte, dafür aber von einem neckischen Frisörlädchen in den anderen stolpern konnte. Auch mit dem Bäcker- und Konditorenhandwerk war es erschütternd bergab gegangen. Deren Auslagen bestachen zwar durch überbordende Opulenz, das darin Angebotene aber schon lange nicht mehr durch seine einst gerühmte Qualität.
Türk gönnte sich diese gelegentlichen Granteleien. Dabei war es ganz egal, worüber er sich aufregte. Was konnte er schon daran ändern? Nichts. Aber er war für jede Gelegenheit dankbar, seine Gefühle ein wenig aufwallen lassen zu können – dann spürte er sie wenigstens. Meist gelang es ihm, sich mit seinem Alltag abzufinden. Dann war er mit sich im Reinen. Doch das schaffte er immer seltener.
Gelegentlich fühlte er eine schmerzliche Gereiztheit. Er ahnte, dass es gerade die Ereignislosigkeit seines Lebens war, die ihn in diesen Zustand versetzte. Nagte vielleicht doch noch an ihm, dass er nicht freiwillig auf seinen Posten als Streifenbeamter geraten war? Dass er mindestens das Gehalt eines Kripo-Kommissars beziehen würde und sich damit ein paar Annehmlichkeiten mehr leisten könnte, wäre er nicht vor einem halben Jahr degradiert worden?
Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich damit abgefunden hatte. Er sah ein, dass niemand außer ihm selbst für seine Degradierung verantwortlich zu machen war. Er hatte damals eben eine Entscheidung gefällt, die seinen Vorgesetzten und damit dem Disziplinarausschuss nicht gefallen hatte. Aber er hatte sie fällen müssen, weil er sich sonst nicht mehr im Spiegel hätte ansehen können. Dafür hatte er bezahlt, und damit basta.
Türk blieb stehen. Umständlich kramte er nach einer Packung Zigarretten. Schließlich fand er sie in der Innentasche seines Blousons, entnahm ihr eine Zigarette und stippte sie wie abwesend auf den Handrücken. (»He; du wolltest aufhören«, moserte seine innere Stimme, um postwendend zu parieren: »Ist ein Sonderfall, halt’s Maul«.)
Was stimmte hier nicht?
Dass die zwei Männer – hochgewachsen und sportlich schlank der eine, etwas kleiner und stämmig der andere – so gelassen nicht waren, wie sie mit ihren betont desinteressierten Mienen demonstrierten? Dass die beiden nicht leger in sich ruhten, dass sie stattdessen federnd und in kaum kaschierter Sprungbereitschaft verharrten?
Die Hand schützend vor das Feuerzeug haltend, zündete sich Türk die Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug. So umständlich, wie er sie hervorgezogen hatte, verstaute er Packung und Feuerzeug wieder in seinen Taschen, ohne die beiden Männer aus den Augenwinkeln zu lassen.
Machte er sich gerade wieder einmal zum Narren? Wieso sollten zwei Mitt-Dreißiger nicht einfach in einer Altstadtgasse stehen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen können, während alles um sie herum in Bewegung war? Macht man sich heutzutage schon verdächtig, wenn man nicht in Eile war, nicht auf ein Ziel zuhastete? Und das ausgerechnet in München, der Stadt der Gemütlichkeit?
Doch um zur aussterbenden Spezies des genießerischen Flaneurs zu zählen, waren die Bügelfalten ihrer Hosen zu scharf gezogen. Männer mit makellosen Bügelfalten aber stehen nicht einfach herum. Sie haben Termine, machen Geschäfte, haben keine Sekunde ihres Lebens zu verschenken, geraten in Panik, wenn Umstände sie zum Nichtstun zwingen.
Nein. Die beiden Männer führten etwas im Schilde. Und sie waren – ja, verdammt, sie waren ihm nicht sympathisch.
Nur: Was hatten sie vor? Ein Verbrechen am helllichten Tag etwa? Vor Hunderten von Zeugen? Was bedeutete es, dass durch den Torbogen am Ende der Gasse, der einen schmalen Blick auf die Burgstraße zuließ, die rasche Vorbeifahrt mehrerer Einsatzfahrzeuge zu sehen gewesen war? Dass die Passanten, die die Gasse jetzt von oben betraten, sich immer wieder neugierig nach hinten drehten? Dass ihre Gesichter ernst waren, ihre Schritte schneller wurden, als versuchten sie, einer unangenehmen Situation zu entkommen?
Als wäre sie an ihrem oberen Ende nun abgeriegelt worden, war die sonst so bevölkerte Gasse plötzlich menschenleer. Die beiden Männer hatten ihre Position nicht verlassen. Winzige Gesten jedoch verrieten, dass sich ihre...