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Krieg der Klone - Roman

von: John Scalzi

Heyne, 2009

ISBN: 9783641029500 , 432 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 8,99 EUR

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Krieg der Klone - Roman


 

1
An meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag tat ich zwei Dinge. Ich besuchte das Grab meiner Frau. Dann ging ich zur Armee.
Der Grabbesuch war das weniger dramatische dieser beiden Ereignisse. Kathy liegt auf dem Friedhof Harris Creek, eine knappe Meile von meinem Haus entfernt, in dem wir unsere Kinder großgezogen haben. Sie auf dem Friedhof zu begraben war schwieriger, als es vielleicht hätte sein sollen. Keiner von uns beiden hatte damit gerechnet, eine Bestattung zu benötigen, sodass wir keine Vorkehrungen getroffen hatten. Es kann ziemlich beschämend sein, mit einem Friedhofsverwalter darüber diskutieren zu müssen, dass die eigene Frau keine Reservierung für ihr Begräbnis gemacht hat. Schließlich hat mein Sohn Charlie, der zufällig Bürgermeister ist, ein paar Hebel in Bewegung gesetzt und die Grabstelle besorgt. Es hat seine Vorteile, der Vater eines Bürgermeisters zu sein.
Also das Grab. Einfach und schlicht, mit einer kleinen Tafel statt einem großen Grabstein. Der krasse Gegensatz zu Sandra Cain, die genau neben Kathy liegt. Ihr eher übergroßer Grabstein aus poliertem schwarzem Granit ist mit ihrem Schulabschlussfoto und einem sentimentalen Zitat von Keats verziert, in dem es um Tod und Jugend geht. Typisch Sandy. Kathy hätte sich darüber amüsiert, wenn sie wüsste, dass sie mit ihrem großen dramatischen Grabstein direkt neben ihr parkt. Ihr ganzes Leben lang hat Sandy in einem eifrigen Wettstreit mit Kathy gelegen. Wenn Kathy mit einer Torte zum Kuchenverkauf kam, schleppte Sandy mindestens drei an und kochte in stiller Wut, wenn Kathys Kuchen zuerst verkauft war. Kathy hätte versucht, das Problem zu lösen, indem sie vorsorglich einen von Sandys Kuchen kaufte. Doch es war immer schwer zu sagen, ob die Sache für Sandy dadurch besser wurde.
Ich vermute, Sandys Grabstein ist so etwas wie das letzte Wort in der Angelegenheit, ein Abschluss, der sich nicht mehr übertreffen lässt, weil Kathy ja schon tot war. Andererseits erinnere ich mich nicht, dass irgendwer jemals Sandys Grab besucht hätte. Drei Monate nach ihrem Dahinscheiden verkaufte Steve Cain das Haus und zog nach Arizona, mit einem Lächeln, das so breit war wie die Interstate 10. Einige Zeit später schickte er mir eine Postkarte. Er war dort mit einer Frau zusammengezogen, die vor fünfzig Jahren ein Pornostar gewesen war. Nachdem ich diese Information erhalten hatte, fühlte ich mich eine Woche lang unsauber. Sandys Kinder und Enkel wohnen eine Stadt weiter, aber sie könnten genauso gut nach Arizona gezogen sein, wenn man bedenkt, wie oft sie das Grab besuchen. Seit der Beerdigung wurde Sandys Keats-Zitat vermutlich von niemand anderem mehr gelesen, nur noch von mir, wenn ich auf dem Weg zu meiner Frau daran vorbeikam.
Auf Kathys Schild stehen ihr Name (Katherine Rebecca Perry), ihre Lebensdaten und die Worte GELIEBTE FRAU UND MUTTER. Immer wieder lese ich diese Worte, jedes Mal, wenn ich sie besuche. Ich kann nicht anders, denn diese vier Worte fassen treffend ein ganzes Leben zusammen. Sie verraten nichts weiter über Kathy, wie sie ihre Tage zubrachte oder welcher Arbeit sie nachgeging, welche Interessen sie hatte oder wohin sie gerne verreiste. Man erfährt nicht, was ihre Lieblingsfarbe war oder auf welche Weise sie ihr Haar am liebsten trug, welche Partei sie wählte oder was für eine Art Humor sie hatte. Die Worte sagen nichts über sie aus, außer dass sie geliebt wurde. Und so war es. Sie selbst hätte es als völlig ausreichend empfunden.
Diese Besuche sind mir ein Gräuel. Ich verfluche die Tatsache, dass meine Frau nach zweiundvierzig Jahren Ehe gestorben ist, dass sie an jenem Samstagmorgen eben noch in der Küche stand und eine Schüssel mit Waffelteig anrührte, während sie mir von der Putzaktion des Bibliotheksausschusses am Vorabend erzählte, und im nächsten Moment lag sie am Boden, vom Schlaganfall geschüttelt. Es ist mir ein Gräuel, dass ihre letzten Worte »Wo zum Teufel habe ich die Vanille hingetan?« lauteten.
Ich verfluche die Tatsache, dass aus mir ein alter Mann geworden ist, der auf den Friedhof geht, um bei seiner verstorbenen Frau zu sein. Als ich noch (beträchtlich) jünger war, hatte ich Kathy immer gefragt, was der Sinn des Ganzen sein soll. Ein Haufen aus Knochen und verwesendem Fleisch, der einmal ein Mensch war, ist kein Mensch mehr, sondern nur noch ein Haufen aus Knochen und verwesendem Fleisch. Der Mensch ist nicht mehr da, zum Himmel oder zur Hölle gefahren oder sonstwohin oder gar nicht mehr existent. Man konnte genauso gut ein Stück Rindfleisch besuchen. Wenn man älter geworden ist, sieht man es immer noch genauso. Aber es ist einem egal. Es ist alles, was man noch hat.
So sehr ich den Friedhof hasse, bin ich trotzdem froh, dass es ihn gibt. Meine Frau fehlt mir. Auf dem Friedhof fällt es mir leichter, den Verlust zu empfinden, an einem Ort, wo sie immer nur tot war, leichter als an all den anderen Stellen, wo sie gelebt hat.
Ich bin nicht lange geblieben. Ich bleibe nie lange. Nur bis ich wieder die Wunde spüre, die nach fast acht Jahren immer noch frisch ist. Außerdem erinnert sie mich daran, dass ich noch andere Dinge zu tun habe, als ein alter Trottel zu sein, der auf einem Friedhof herumsteht. Sobald ich die Wunde wieder spürte, machte ich kehrt und ging, ohne mich noch einmal umzuschauen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich das Grab meiner Frau besuchte, aber ich wollte nicht zu viel Mühe darauf verwenden, mich daran zu erinnern. Wie gesagt, war der Friedhof der Ort, wo sie immer nur tot war. Es bringt nicht allzu viel, sich daran zu erinnern.
 
 
 
Aber im Grunde war es auch nicht besonders dramatisch, zur Armee zu gehen.
Die Stadt, in der ich lebte, war viel zu klein für eine eigene Rekrutierungsstelle. Ich musste nach Greenville fahren, der Bezirkshaupstadt, um mich einzuschreiben. Es war ein kleines Büro an einer unscheinbaren Einkaufsstraße. Links davon gab es ein staatliches Spirituosengeschäft, rechts davon einen Tatoo-Salon. Wenn man diese Läden in der falschen Reihenfolge betrat, konnte man am nächten Morgen in großen Schwierigkeiten stecken.
Die Einrichtung des Büros war sogar noch unscheinbarer, sofern das überhaupt möglich ist. Sie bestand aus einem Schreibtisch mit einem Computer und einem Drucker, einem Menschen hinter dem Schreibtisch, zwei Stühlen davor und sechs weiteren Sitzgelegenheiten an der Wand. Auf einem kleinen Tisch vor diesen Stühlen lagen Rekrutierungsbroschüren und ältere Ausgaben von Time und Newsweek. Natürlich waren Kathy und ich zehn Jahre vorher schon einmal hier gewesen, doch ich vermutete, dass sich seitdem nichts an der Einrichtung geändert hatte, einschließlich der Zeitschriften. Der Mensch schien neu zu sein. Zumindest erinnerte ich mich nicht, dass der frühere Angestellte so volles Haar gehabt hatte. Oder Brüste.
Die Angestellte war damit beschäftigt, etwas in den Computer zu tippen, und blickte nicht auf, als ich eintrat. »Ich kümmere mich gleich um Sie«, murmelte sie. Es klang eher wie eine Pawlow’sche Reaktion auf das Öffnen der Tür.
»Lassen Sie sich Zeit«, sagte ich. »Ich sehe, wie voll es hier ist.« Dieser Versuch eines sarkastischen Scherzes wurde vollkommen ignoriert, genauso wie zehn Jahre zuvor. Es freute mich, dass ich immer noch gut in Form war. Ich setzte mich vor den Schreibtisch und wartete, dass die Rekrutierungsmitarbeiterin ihre wichtige Arbeit abschloss.
»Kommen oder gehen Sie?« Auch jetzt blickte sie nicht zu mir auf.
»Wie bitte?«
»Ob Sie kommen oder gehen?«, wiederholte sie. »Kommen Sie, um Ihre Bereitschaft zur Rekrutierung zu unterschreiben, oder gehen Sie, um Ihre Dienstzeit abzuleisten?«
»Ach so. Ich gehe.«
Diese Antwort veranlasste sie schließlich, mich anzusehen, und zwar durch eine ziemlich starke Brille. »Sie sind John Perry«, sagte sie.
»Genau. Wie haben Sie das erraten?«
Sie schaute wieder auf den Computermonitor. »Die meisten Leute, die zur Armee wollen, kommen an ihrem Geburtstag, obwohl sie danach noch dreißig Tage Zeit haben, sich offiziell einschreiben zu lassen. Heute haben wir nur drei Geburtstage. Mary Valory hat bereits angerufen, um zu sagen, dass sie nicht gehen will. Und Sie sehen nicht aus, als wären Sie Cynthia Smith.«
»Das freut mich zu hören.«
»Und da Sie nicht gekommen sind, um sich erstmals registrieren zu lassen«, fuhr sie fort, ohne auf meinen zweiten Versuch eines Scherzes einzugehen, »spricht einiges dafür, dass Sie John Perry sind.«
»Ich könnte einfach nur ein einsamer alter Mann sein, dem nach menschlicher Gesellschaft zumute ist.«
»So etwas passiert hier nur sehr selten«, sagte sie. »Die meisten Leute werden abgeschreckt, wenn sie nebenan die Jugendlichen mit den dämonischen Tattoos sehen.« Endlich schob sie die Tastatur zur Seite und schenkte mir ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. »Also gut. Dann weisen Sie sich bitte aus.«
»Aber Sie wissen doch schon, wer ich bin«, gab ich zu bedenken.
»Trotzdem wollen wir sichergehen.« Ihr Gesicht zeigte nicht die leiseste Spur eines...