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Sterbezeit - Kommissar Kirchenberg ermittelt 4 - Roman

von: Norbert Horst

Goldmann, 2009

ISBN: 9783641032043 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 6,99 EUR

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Sterbezeit - Kommissar Kirchenberg ermittelt 4 - Roman


 

DIENSTAG

07 Uhr 49


03.07.73 Leipnitzweg 16

Mord im Obdachlosenmilieu. Täter und Opfer kannten sich

von Trinkgelagen. Täter erstach Opfer mit 10 Stichen.
 

03.08.73 Stadtpark

Auffinden einer männlichen Leiche mit erheblichen Kopfverletzungen.

Mord nach Zechanschlussraub.
 

31.08.73 Sporthafen

Weiblicher Torso im Wasser. Opfer war von der Schule

nicht nach Haus gekommen. War zu Täter in den Pkw gestiegen.

Sexualmord.

Geschädigt: Gabriele Groß.
Genau, so hieß die. War das ein Aufstand damals an der Schule, nur Presse und Polizei, eine Woche lang, mindestens. Das ging durch alle Blätter und nur das eine Thema, beim Bäcker, im Hausflur oder an den Mülltonnen, überall. Wer war denn MK-Leiter? Riepe. Nicht mehr kennengelernt. Von dem haben sie noch erzählt, manchmal. Aber der war schon weg 89.
05.09.73 Ingsener Feld
Altenkamp geht vorbei, zügig, mit wedelnden Armen.
»Moin, Heinz.«
Keine Antwort, seine Bürotür fällt ins Schloss.
Ernst dahinter, langsamer, hat einen gelben Pappordner in der Hand.
»Moin, Ernst.«
Seine Füße bleiben draußen, er lehnt sich in den Raum.
»Morgen, Konni.«
»War irgendwas mit Heinz, oder kam mir das nur so vor?«
»Ne, ne, war schon was. Der hat von Helmut gerade erfahren, dass er keine der beiden A-Zwölfer-Stellen kriegt, die diesen Monat gekommen sind.« Er zieht einmal die Luft tief ein.
»Ach du Scheiße. Der hatte doch die Schnittchen bestimmt schon bestellt.«
»Das Gefühl hatte ich auch.« Wink mit der Pappe, er geht.
Der dicke Heinz. Eigentlich wär er auch dran gewesen. Das trifft ihn, das trifft ihn bestimmt richtig.
05.09.73 Ingsener Feld

Auffinden eines weiblichen Neugeborenen. Das Kind hatte

gelebt, Tod durch Ersticken.
Damals auch schon. Manchmal hat man den Eindruck, das ist heute mehr geworden mit den toten Neumenschen.
19.10.73 An der Brücke

Passanten gaben Hinweise auf Leichengeruch aus Pkw

auf Parkplatz. Im Kofferraum wurde die Leiche eines erschossenen

Mannes gefunden.
Das Klacken kündigt ihn an.
»Guten Morgen. Sorry, etwas verspätet. Ich hatte noch kurz einen Termin bei der Gruppenleiterin.«
»Morgen.« Man hat einen Termin bei der Gruppenleiterin, soso. Es ist eben schon wichtig, den richtigen Leuten einen guten Morgen zu wünschen. Noch bist du nicht im höheren Dienst, Freund.
»Was liegt an? Neuigkeiten?« Er reckt den Hals, sieht auf den Schreibtisch.
»Das hier ist unsere MK-Kladde, darin stehen in Kurzform alle Mordkommissionen und Leichenfunde seit 1945, ausgenommen eindeutige Selbsttötungen. Zwar nur in Stichworten, aber es reicht, um zu wissen, worum es ging, wer das Opfer war und wer der Täter, wenn sie geklärt wurden. Wenn man mehr braucht, muss man halt im Keller nachsehen.«
»Wäre das nicht sinnvoller in ein paar Dateien im Computer?«
»Wäre es, aber irgendwer müsste dann die Zeit haben, das zu übertragen. Bei teilweise fünfhundert Überstunden tut sich das keiner der Kollegen an. Ich habe jetzt zur Sicherheit ab 1963 durchgesehen, ob wir irgendwann einen Knochenfund oder unvollständigen Leichenfund oder was Ähnliches hatten, das zu unseren Händen passen könnte. Bis auf den Fund eines Oberschenkelknochens im Wald am Kanal im Jahre«, wo ist der Zettel?, »68 war nichts dabei. Wenn du willst, kannst du den Rest übernehmen, dann kann ich ein paar Mails schreiben und Telefonate führen. Lernst du das auch mal kennen.«
»Klar.« Er nimmt den Ordner. »Ich geh zu mir, hab ich mehr Ruhe.« Er wirft einen ersten Blick, blättert. »Wenn ich was finde, wo finde ich dann die Akten dazu?«
»Wenn du was findest, kommst du am besten erst mal zu mir, und wir gehen gemeinsam in den Keller.«
Er will noch was sagen, überlegt es sich, geht.
Kurz nach acht, vielleicht ist Ayse schon auf.
E-Mail, neu.
Sehr geehrte Frau Demir,

Bezug nehmend auf unser gestriges Erörterungsgespräch,

affektive Defizite bei der gegenseitigen Wahrnehmung in

traditionellen Lebensformen betreffend, möchte ich noch

einmal verstärkend mitteilen, dass es dem Verfasser auch

unter Anwendung neuester mentaler Reproduktionstechniken

nicht möglich ist, sich einer derartigen Ausschüttung

positiver Stresshormone, induziert durch die Anwesenheit

Dritter, zu erinnern, wie bei unmittelbarem, interpersonellem

Kontakt mit der Adressatin.

Hochachtungsvoll

Kirchenberg, KHK
Senden.
Ayse steht auf, macht Kaffee, setzt sich vor den Bildschirm, in ihren Augen noch die Nacht, in ihren Haaren noch ihr Schlafgeruch, liest die Nachricht, muss lächeln. Hoffentlich.
So, erst Einwohnermeldeamt oder Vermisste? Erst die Vermissten.
Edda müsste da sein.

09 Uhr 25


Der enge Rock lässt nur Geishaschritte zu, in ihrer Hochsteckfrisur steckt ein silberner Kamm, glänzt wie Perlmutt. Die geht wie übern roten Teppich, sieht auch so aus. Was hat die für einen Namen gesagt? Wohlbrink? Oder Wollbrink? Wer so geht, sollte Monroe heißen.
Links an der Wand alle Bänke besetzt, ein paar Männer stehen, die Klamotten von den meisten sehen aus wie C & A aus dem Secondhandshop. Einige glotzen, folgen ihr mit dem Kopf, das Staunen verdrängt die Mutlosigkeit, nur für einen Moment.
Eine Tür fliegt auf.
»Verdammte Scheiße, was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid.« Seine Glatze glänzt rot, die Jacke spannt überm Bauch, er geht noch einmal ins Zimmer. »Ich habe mir nicht zwanzig Jahre das Kreuz kaputt malocht, um mich jetzt von euch Wichsern so behandeln zu lassen.«
Der Bewerber macht ein paar schnelle Schritte hinterher, ist schon im Zimmer. Was macht der?
»Irgendwelche Probleme?«
Die Sachbearbeiterin sitzt hinterm Schreibtisch, atmet mit offenem Mund, lässt den Dicken nicht aus den Augen.
»Was willst du Arschloch denn? Hat dich einer gerufen?« Er geht auf den Bewerber zu, vorgestreckter Kopf.
»Mal langsam, immer mit der Ruhe.« Er baut sich vor ihm auf. »Ich habe gefragt, ob es irgendwelche Probleme gibt.«
Daran erkennt man echt den Bullen, ist so’ne richtige Polizistensitte, immer sofort für alles zuständig.
»Es geht schon«, die Sachbearbeiterin hat rote Flecke am Hals, belegte Stimme. »Herr Spengler war mit einer Maßnahme nicht einverstanden.«
»Nicht einverstanden, Maßnahme.« Er kommt wieder in Fahrt. »Wenn ich irgendwo am Arsch der Welt Sechsjährige für’n Hungerlohn Fußbälle nähen lasse und dafür fünf Millionen im Jahr einstreiche, sagt keine Sau was. Und ich muss mich für fünfzig Euro rechtfertigen.«
»Das klären wir aber in einem anderen Ton, haben wir uns verstanden?« Diesen Kommandojargon hat der wirklich im Blut.
»Was geht dich das überhaupt an, verpiss dich doch einfach.«
»Polizei.« Er hält ihm den Ausweis hin. »Mich geht das sehr wohl was an.«
»Na, toll.« Die Glatze geht zurück, zeigt Wirkung. »Alles eine Wichse, ist doch alles eine Wichse.« Trudelt Richtung Ausgang, verschwindet.
»Kleinen Augenblick noch.« Er will hinterher.
»Lass ihn.«
»Der hat mich beleidigt.«
»Lass ihn, ist eh’ne arme Sau.«
»Das war’ne Beleidigung. Der wusste, dass ich Polizist bin.« Energischer. »Sollen wir uns so was bieten lassen?«
»Er ist’ne arme Sau. Es hilft nichts.«
Scharfer Blick, leises Nicken, hinter seiner Stirn arbeitet es.
»Darüber reden wir noch.« Mit gestrecktem Zeigefinger.
»Ich glaube, wir sind hier nicht mehr vonnöten, meine Herren. Soll ich Ihnen jetzt die Räume zeigen?« Frau Wohlbrink mit friedenstiftendem Lächeln, geht vor.
Der Bewerber stiefelt nebenher, scheint sauer zu sein. Soll er.
»So, hier haben wir den Raum mit den Mikrofiches.«
Sie schließt auf, Regale mit Hängeordnern bis zur Decke. Rechts in der Ecke der Tisch mit dem Riesenbildschirm, daneben ein paar Ordner.
»Sie kennen sich damit aus?« Sie bestätigt das Nicken. »Gut, hier die Ordner sind nach Jahren geordnet, bis 1987 eben, die Personendaten auf den Folien dann alphabetisch. Eigentlich ganz einfach.« Sie sieht von einem zum anderen, alles klar. »Dann wollten Sie noch wissen, wer in den Jahren in den Häusern gewohnt hat?«
»Richtig. Wir würden gern in einem kleinen Umkreis um den Leichenfundort Befragungen durchführen, dazu müssten wir allerdings wissen, wer damals in den angrenzenden Häusern gewohnt hat.«
»Richtig«, sie erinnert sich, »hatte ich Ihnen ja schon am Telefon erklärt: Die Identifizierung über die Häuser, zumindest zu der Zeit, geht nur über Karteikarten. Die haben wir allerdings in einem Kellerraum, weil die noch in so einem alten Walzenschrank untergebracht sind.«
»Und dann müssten wir natürlich überprüfen, ob heute von den Leuten noch jemand hier wohnt.«
»Das geht dann aber online, können Sie oben bei mir machen.« Ein kleines kokettes Lächeln. »Ganz schön großer Aufwand, den Sie da betreiben.«
»Ist richtig, aber da sind ja auch irgendwem mal die Hände abgeschnitten...