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2. Reflexe (S. 37-38)
Es kann davon ausgegangen werden, daß viele Menschen in dem Maße bereit sind, sich für etwas zu engagieren, in dem für sie ein erwünschtes Ergebnis erklärbar und vorhersehbar ist. Weil dieses Kapitel verständlich werden läßt, wie das Autogene Training oder auch andere Entspannungsverfahren zuverlässig wirksam werden können, halte ich es für sehr wichtig.
In der Psychologie wird zwischen sogenannten angebore nen und erlernten Reflexen unterschieden. Die vererbten Reflexe bekommen wir in die Wiege gelegt. Sie sind kaum durch den Willen beeinflußbar und verlaufen in unbewußten Prozessen des Körpers. Erlernte Reflexe werden im Laufe des Lebens in g roßer Zahl eingeübt und erleichtern den Alltag ganz entscheidend . Beiden Arten ist gemeinsam, daß sie – durch einen Reiz ausgelöst – immer die gleiche, mit diesem Reiz verbundene Reaktion zeigen. Der wesentliche Vorteil eines solchen Reiz- Reaktions-Geschehens liegt in der Geschwindigkeit, in der es abläuft. Der auslösende Reiz muß nicht erst in das Bewußtsein gemeldet und von dort geprüft und genehmigt werden, sondern allein sein wahrgenommenes Auftreten genügt zur Auslösung der Reaktion.
Das Fehlen einer Wahlmöglichkeit beschleunigt diesen Vo rgang ebenfalls. Fliegt beispielsweise eine Mücke auf Ihr g eöffnetes Auge zu, so zieht das Gehirn nicht etwa in Erwägung, eventuell mit der Hand oder gar einer Fliegenklatsche der Gefahr beizukommen, sondern es wird auf jeden Fall das Lid geschlossen und somit der Zugang zum Auge versperrt . Begegnen Sie einer solchen Gefahr für die Gesundheit Ihres Auges öfters, wird das Großhirn vielleicht bewußt das Tragen einer Schutzbrille anordnen, der Reflex wird dadurch aber zunächst keineswegs ausgesetzt. Auch wenn Sie hinter einer sicheren Glasscheibe stehen und etwas bewegt sich unvermittelt auf Ihr Auge zu, wird der Reflex versuchen, Sie zu schützen. Selbst wenn Sie wissen, daß er unnötig ist, weil eine Mücke nunmal gegen eine Scheibe aus Glas wenig Chancen hat, kann der Reiz die Schutzreaktion wieder auslösen. Unser Alltag wird durch die Wirksamkeit einer großen Zahlerle rnter Reflexe überhaupt erst bewältigbar.
All die einfachen und komplexen Handlungen, die wir mit einer gewissen Häufigkeit und/oder Regelmäßigkeit tun, gehen überwiegend ohne bewußte Planung und ohne Beteiligung des bewußten Denkens von den Händen. Das beginnt schon morgens gleich nach dem Aufstehen bei unserem Griff zur Zahnbürste oder zum Handtuch, zur Seife und all den anderen Verrichtungen, die seit Jahren in immer der gleichen Weise von uns vorgenommen werden, und begleitet uns über den ganzen Tag. Der Ablauf jeglicher Handlung wird nach einer relativ kurzen Zeit der Einübung durch den unbemerkten Aufbau von Reflexen erleichtert und ganz wesentlich beschleunigt.
Wenn Sie sich an die Zeit zurückerinnern, in der Sie das Schreiben lernten, so sehen Sie sich vielleicht in einer Schulbank oder bei der Hausarbeit sitzen und mehr oder weniger mühevoll Buchstaben malen. Und das haben Sie einige Wochen und Monate sehr häufig getan, bevor es langsam zu einem befriedigenden Ergebnis wurde. Heute schreiben Sie seit vielen Jahren, ohne darüber nachzudenken, wie die einzelnen Buchstaben geschrieben werden:
«…links unten anfangen, dann schräg nach oben rechts, von dort einen halben Bogen, wieder zurück, in der anderen Richtung den Kreis schließen, in einer Geraden an der rechten Seite von oben nach unten und nach rechts in einem Bogen auslaufen lassen.» So könnten die Gedanken aussehen, die das Schreiben eines «a» kommentieren, wenn man es über bewußtes Denken lenken müßte. Das «a» ist nur einer von vielen Buchstaben die Sie im Laufe der ersten Jahre Ihrer Schulzeit erfolg reich eingeübt haben. Neben den Buchstaben gibt es aber auch noch viele Zahlen.
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