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5 Die neuen Wissenschaften (S. 112-113)
Nach der Beantwortung der Begründungsfrage wird es möglich, sich einem Leitgedanken zuzuwenden, den Descartes in den Principia in einem Bilde ausdrückt. In dem der französischen Übersetzung vorangestellten Schreiben an Claude Picot heißt es: »Die ganze Philosophie ist einem Baume vergleichbar, dessen Wurzel die Metaphysik, dessen Stamm die Physik und dessen Zweige alle übrigen Wissenschaften sind, die sich auf drei hauptsächliche zurückführen lassen, nämlich auf die Medizin, die Mechanik und die Ethik« (AT IXII. 14).
Schon mit seinem Discours beansprucht Descartes keineswegs, eine bloße Methodenlehre entwickelt oder gar den vollen Umkreis des zu Begründenden abgeschritten zu haben, wohl aber so etwas wie eine »Nachricht« von seinem Vorgehen zu geben, die den Wert der Methode zu erkennen erlauben soll (an Mersenne, März 1637; AT I.349 / Briefe 77). Das Ziel wird an einem Arbeitstitel deutlich, den er in einem früheren Brief nennt, nämlich: »Projekt einer universellen Wissenschaft, die unsere Natur zu ihrem höchsten Vollkommenheitsgrad zu erheben vermag« (an Mersenne, März 1636; AT I.339 / Briefe 75); den Beleg für die Fruchtbarkeit sollten bereits die dem Discours beigefügten Anlagen als Beispiele liefern.
In den Meditationes tritt dies scheinbar zurück, tatsächlich aber schreibt Descartes: »diese sechs Meditationen enthalten alle Grundlagen meiner Physik« (an Mersenne, 18. Januar 1641; AT III.297 f. / Briefe 233). Doch der An- spruch geht darüber hinaus; selbst die Principia erfüllen ihn noch nicht, weil nur Teile – von der Grundlegung der Physik und Mechanik über Vorstellungen des Kosmos bis hin zu den besonderen Mischungsformen der Materie – zur Darstellung kommen; was aber ausgespart bleibt, ist die Besonderheit lebender Körper, die einerseits ausgedehnt, andererseits der Empfindungen fähig sind. Descartes hatte seit der Zeit des Discours immer angekündigt, diese Problematik behandeln zu wollen; in den Passions de l’Âme wird ein Teil eingelöst, während ein anderer, die Fortführung des Traité de l’Homme in der Description du Corps Humain, nicht vollendet werden sollte.
Dennoch bilden alle Teile des Werks, von der Mathematik und Physik über die Medizin bis zur Ethik, eine Einheit, die erst das Anliegen Descartes’, seine Stoßrichtung und letztlich auch die nachfolgende Wirkungsgeschichte verständlich machen: Wurzel, Stamm und Geäst bilden nicht je für sich, sondern nur zusammen den lebensfähigen Baum der Erkenntnis.
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