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Kapitel 3 Der Talent-TÜV (S. 59-60)
Albert Einstein kam keineswegs als brillanter Denker zur Welt. Selbst das Weltgenie schlechthin musste zunächst lernen, also die mühsame Kraxelei auf die hohen Schultern seiner Vorgängerriesen vollbringen. Das tat er früh, und er nahm sich die Zeit dafür, die er zu brauchen glaubte. Dennoch: Dass er daraufhin etwas leistete, wozu viele Menschen grundsätzlich ebenfalls in der Lage wären, ist für jeden Laien nur schwer zu glauben. Dumm nur, dass es sich so auch in der dafür hauptsächlich zuständigen Wissenschaft, der Psychologie, verhält: Man weiß es nicht, man glaubt vielmehr.
Er sei bereit, »sein Haus darauf zu verwetten«, dass jede eminente Begabung eine starke genetische Komponente enthalte, polterte Thomas Bouchard zur klassischen Frage nach Anlage oder Umwelt. Der Psychologe von der Universität von Minnesota in Minneapolis hatte 1990 eine noch heute wegweisende Studie über die starke Erblichkeit des Intelligenzquotienten bei eineiigen Zwillingen veröffentlicht. Der mittlerweile emeritierte Professor ist eine graue Eminenz des Nature-Lagers, der an der bestimmenden Rolle der Gene nicht rütteln lässt. Doch seine wissenschaftlichen Gegner rührt das kaum.
»Eine erstaunlich feste Überzeugung angesichts des gänzlichen Fehlens belastbarer Fakten aus Studien«, konterte Kollege K. Anders Ericsson von der University of Florida in Tallahassee trocken. Ericsson, ein in den USA arbeitender Schwede, Jahrgang 1947, ist einer der Hauptvertreter der Nurture-These. Und er bezweifelt auch gar nicht, dass das menschliche Erbgut für die Entwicklung des Gehirns und sein tägliches Funktionieren unverzichtbar sind. Natürlich kann ein Pferd oder ein Hund nicht sprechen, auch wenn man das Tier noch so intensiv trainiert. Ihm fehlt schlichtweg die genetische Anlage, die es zum Sprechen befähigen würde. Ebenso fehlt Schimpansen die Begabung zu abstraktem Denken oder gar höherer Mathematik.
Doch es geht, so Ericsson, bei der Anlage-Umwelt-Auseinandersetzung nicht um die Unterschiede zwischen Menschen und Tieren, sondern um diejenigen zwischen verschiedenen Menschen. Und für diese sind nicht qualitativ unterschiedliche Erbanlagen verantwortlich zu machen, die eine Begabung verleihen. Wenn es sie geben sollte, so sind sie bislang nicht identifiziert. Entscheidend sind aus Ericssons Sicht vielmehr der Übungsfleiß und die innere Motivation, ein Ziel zu erreichen. Das Patt der Anlage- und Umwelt-Parteien scheint unauflösbar. In einem Grundsatzartikel warf 1998 eine Gruppe um Genie-Forscher Howe aus Exeter die ketzerische Frage auf, ob angeborene Talente womöglich nichts weiter seien als ein populärer Mythos: ein Eindruck von Außergewöhnlichkeit zwar, den viele gewinnen, der aber nicht zutreffend sein müsse.
Über Seiten hinweg listete das Trio alle möglichen Befunde auf. Die Berichte über frühreife Wunderkinder wogen sie genauso ab wie das Zustandekommen des absoluten Gehörs oder eines fotografischen Gedächtnisses. Diesen Ergebnissen stellten sie Nurture-Belege entgegen, wonach Menschen ohne erkennbares Talent Grandioses erreicht hatten, einfach indem sie Lerngelegenheiten nutzten. Am Ende ihrer Analyse kamen die drei Psychologen zu dem Schluss, dass sich für das Konzept von der angeborenen Begabung keine tragfähigen Anhaltspunkte finden ließen. Wenn es Derartiges auch geben möge, sie würden, beteuerten sie, dafür keine stichhaltigen Beweise erkennen.
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