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6 Spieglein, Spieglein an der Wand (S. 108-110)
Barbara, Mitte dreißig, ist eine Frau mit Stil und Klasse – sagen zumindest ihre Freunde. Sie hat eine gute Figur und versteht es, ihre Vorzüge durch geschickte Kleidung und individuelles Styling hervorzuheben oder ihre (vermeintlichen) Schwachstellen zu kaschieren. Barbaras größte Vorzüge sind ihre schier endlos langen Beine und die kräftigen, glänzend braunen, halblangen Haare. Doch sie selbst hält ihre Beine für viel zu dick, insbesondere die Waden (dass sie keine normalen Stiefel mit Reißverschluss bekommt, ist ja wohl Beweis genug), deshalb trägt sie nur selten kurze Röcke oder Kleider, und wenn doch, dann nur mit dunklen Strümpfen und hohen Absätzen, das streckt optisch.
Auch mit ihrer Haarpracht ist Barbara nicht ganz glücklich, muss sie sich doch täglich mit deren Zähmung abplagen. Außerdem kann sie sich nie entscheiden, ob sie sie nun länger wachsen oder wieder abschneiden lassen soll, deshalb sind sie stets entweder zu kurz zum Hochstecken oder zu lang und unpraktisch für Barbaras Sportaktivitäten. Doch Beine und Haare sind ja längst nicht alle Schwachpunkte, die sie im Visier hat. Barbara findet ihren Busen zu klein und zu schlaff (wird mit Push-ups kaschiert), ihre Taille zu füllig (bloß nie betonen) und den Ansatz von Cellulitis an ihren Oberschenkeln geradezu widerlich (schade, dass es die guten alten Badeanzüge mit Bein nicht mehr gibt).
Tapfer kämpft Babara gegen den fortschreitenden körperlichen Verfall an. Seit einem halben Jahr ist sie Mitglied im Fitnessstudio und geht auch einigermaßen motiviert zweimal in der Woche hin, außerdem hat sie sich Joggingschuhe zugelegt – na ja, die sehen noch relativ neu aus, aber wenn sie erst ein bisschen mehr Kondition hat, wird sie es mit dem Laufen bestimmt probieren. Was die theoretische Seite von Schönheit und Fitness angeht, ist Barbara Expertin. Kein Lifestyle-Magazin im Fernsehen, keine neue Wellness-Zeitschrift lässt sie sich entgehen. Kein Schönheits-, Fitness- oder Modetrend, den Barbara verpasst! Da macht ihr keiner was vor, und glücklicherweise ist sie es aus ihren Berufsleben ge wöhnt, realistisch, analytisch und problemorientiert zu denken und zu handeln, also optimiert sie ihr Äußeres so gut es geht.
Und das manchmal aufkeimende schlechte Gewissen, dass sie für ihren Optikfimmel, wie ihre Freundin es nennt, zu viel Geld und Zeit investiert, beruhigt Barbara mit dem Hinweis, dass (Lebens-)Qualität eben nicht zum Nulltarif zu haben ist. Im Vergleich zu anderen Leuten, wie ihrer Kollegin Xenia, die sich gerade für tausende Euro Fett absaugen ließ, findet Barbara, dass sich ihre Aufwendungen doch im Rahmen halten. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie Barbara und vielen Frauen: Sie fokussieren stets auf Ihre (vermeintlichen) Nachteile und übersehen Ihre Vorzüge.
Der Spiegel ist eher Feind als Freund, Sie sind unzufrieden mit Ihrem Aussehen und/oder Ihrer Figur. Die Phrasen von den inneren Werten können Sie nicht mehr hören? Dann sollten Sie Ihre Erwartungshaltung an Ihr äußeres Erscheinungsbild relativieren und diesen zentralen Bereich Ihres Lebens durch praktikable Tipps und Tricks entstressen.
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