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2. Das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten (S. 47-48)
Schickt mir eure Müden, eure Armen, eure gebeugten Massen, die frei zu atmen sich sehnen, den unglücklichen Auswurf eurer wimmelnden Gestade. Schickt sie mir, die Heimatlosen, Sturmgepeitschten: Ich lass mein Licht leuchten neben dem goldenen Tor.
Diese Zeilen schrieb eine junge amerikanische Dichterin des 19. Jahrhunderts, Emma Lazarus, nachlesen kann sie jeder auf einer Tafel am Fuße der Freiheitsstatue.Für Millionen entmutigter Europäer – und später Flüchtlinge aus anderen Ländern – war Amerika der Ort, an dem sie ihre desolate Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen konnten. Es war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Die ersten 200 oder mehr Jahre lang lagen Mythos und Realität der amerikanischen Chancenvielfalt so nah beieinander, dass sie nicht in Zweifel gezogen wurde. Das Leben war hart für die Einwanderer. Es gab kaum soziale Unterstützung in der neuen Welt. Wer andererseits den festen Willen zum Erfolg hatte, mit Fleiß an die Arbeit ging und sich im Sinn der amerikanischen Ethik disziplinierte, hatte ziemlich gute Chancen auf ein besseres Leben – wenn nicht für sich selbst, dann zumindest für die Kinder.
Sozialer Aufstieg
Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war der soziale Aufstieg das Kernstück des Amerikanischen Traums. Dann begann dieser Traum sich aufzulösen, zunächst ganz langsam, dann in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren immer schneller. Heute können die USA nicht mehr behaupten, das leuchtende Beispiel für sozialen Aufstieg zu sein. Das bedeutet nicht, dass es für Amerikaner wie für neue Zuwanderer keine Möglichkeiten mehr gibt. Aber die ungehinderte Aufwärtsmobilität, um die die Welt Amerika beneidete, gibt es nicht mehr.
Das Merkwürdige an der heutigen Situation ist der Rollentausch, der im letzten Vierteljahrhundert zwischen der Neuen und der Alten Welt stattgefunden hat. Noch vor 100 Jahren blutete Europa aus – Millionen notleidender Seelen riskierten Leib und Leben, um ihr Glück auf einem neuen Kontinent zu versuchen. Diese Emigranten waren unsicher, aber auch voller Hoffnung. Größtenteils flohen sie vor einer langen Tradition der ererbten Anrechte und der Klassengegensätze, die die Reichen an der Macht und die Armen unterdrückt hielten. Sie verließen einen Kontinent, wo das Verhalten davon bestimmt war, dass jeder den ihm zugewiesenen Platz im Leben zu kennen und zu akzeptieren hatte, und kamen in ein neues Land, wo von jeder Person erwartet wurde, dass sie ihrem Traum folgte und ihren Weg machte.
Jetzt ist Amerika das Land, in dem die soziale Durchlässigkeit nach oben schwindet und Millionen von Menschen es immer schwieriger finden, ihre Träume auszuleben. Und doch ist der große amerikanische Mythos vom sozialen Aufstieg noch immer lebendig, obwohl sich die Anzeichen häufen, dass der einst großartige Traum für viele ein unbarmherziger Alptraum geworden ist. Und was ist mit der Alten Welt, jenem an Kasten gebundenen und über Klassen definierten Fegefeuer, vor dem viele Millionen Menschen in den amerikanischen Garten Eden flohen? Allmählich wird sie zum neuen Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr Emigranten als je zuvor entscheiden sich für Europa statt für Amerika. Sie spüren, dass sich das Blatt irgendwie gewendet hat und die Lebensqualität und die Aussichten auf ein besseres Leben in Europa zumindest genauso groß sind wie in Amerika. Hier, an vorderster Front der sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, machen wir die ersten der vielen Differenzen aus, die den älteren Amerikanischen Traum vom neuen Europäischen unterscheiden. Die Zahlen sprechen für sich.
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