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Reinhold Messner (S. 89-90)
Berge versetzen
Von den Erfahrungen eines Grenzgängers profitieren
Reinhold Messners Abenteuer spiegeln Erfolge und Niederlagen im Grenzbereich des Möglichen wider. In diesem Beitrag vermittelt er, wie wichtig es ist, sich immer wieder neue Ziele zu setzen, wie man sich mental auf ein Projekt vorbereitet und wie man das Scheitern als Chance nutzt. Schon bei Ihrem nächsten anspruchsvollen Ziel können Sie seine Anregungen umsetzen – und sich inspirieren lassen, sich mutig ins Ungewisse zu wagen. Immer wieder neu aufbrechen In den Himmel ragende Berge sind ein greifbares Ziel, die Verkörperung der Herausforderung. Es gibt nicht viele Menschen, die zu ihren Gipfeln hinauf möchten.
Aber für einige, zum Beispiel für mich, ist ein Berg wie der K2 – der zweithöchste Berg der Welt, der als besonders schwer zu besteigen gilt – vor 25 Jahren das Ziel schlechthin gewesen. Vom Mount Everest ganz zu schweigen. Ich bin immer dem nachgegangen, was mir am meisten Freude gemacht hat, und habe, weil ich meiner Begeisterung folgen konnte, ein zufriedenes Leben führen können. Was ich tat, machte ich mit ganzer Konzentration.
Ich lebte und lebe zwischen Selbstverschwendung – ich habe immer all meine Energie, Mittel und Zeit in das jeweilige Projekt gesteckt – und der möglichen Selbstzerstörung, dem Tod bei einer meiner Expeditionen. Dass ich erfolgreich geworden bin, liegt meiner Ansicht nach daran, dass ich nach jedem Scheitern öfter als jeder andere wieder aufgestanden bin und es noch einmal versucht habe – ein drittes, ein viertes Mal, bis ich es endlich geschafft hatte. Ich habe in meinem Leben immer wieder etwas Neues begonnen, weil ich nur dann stark bin, wenn ich mit Neugierde an meine Ziele herangehe. Meine erste Lebensphase verbrachte ich zwischen den steilen Felsgraten der Dolomiten, in der vertikalen Welt sozusagen. Dort bin ich aufgewachsen, dort wurde ich zum besessenen Felskletterer.
Die zweite Phase wurde eingeleitet durch einen Unfall: Ich erfror mir nach einer Expedition am Nanga Parbat die Füße, einige meiner Zehen mussten amputiert werden. Dadurch hatte ich nicht mehr die Geschicklichkeit zum Klettern, und damit ist mir ein Teil meiner Begeisterung für diese Tätigkeit abhanden gekommen. Als nächstes widmete ich mich den höchsten Bergen der Welt. Dort ist das Klettern sekundär, es kommt mehr auf Ausdauer, Willenskraft, Logistik und Leidensfähigkeit an. Man trägt schwere, plumpe Stiefel, schleppt viel Ausrüstung und steigt langsam hinauf in die Todeszone, die 8 000-Meter-Region. Dort oben ist der Sauerstoffpartialdruck so gering, dass man kaum noch Leistung bringen kann und es sich anfühlt, als wäre das Hirn mit Watte gefüllt.
Lange haben mich diese großen Berge fasziniert. Diese zweite Lebensphase hat mich auch bekannt gemacht, weil ich die Gipfel des Himalaja in einem neuen, durch seine Einfachheit revolutionären Stil – so wenig Ausrüstung wie möglich – gemeistert habe. Mit gut 40 Jahren hatte ich alle höchsten Gipfel der Welt bestiegen. Aber ich war noch zu jung, um mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher auf eine Rente zu warten, die ich mangels Einzahlungen sowieso nicht bekommen hätte. Ich stellte mir sofort eine neue Aufgabe und durchquerte zu Fuß Eis- und Sandwüsten, darunter die Antarktis.
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