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Allmen und die Libellen

von: Martin Suter

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257600568 , 208 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

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Allmen und die Libellen


 

[61] Zweiter Teil

1

Allmen schlief noch, als Carlos ihm den Tee brachte. Das war nichts Außergewöhnliches, denn es war fünf vor sieben, Carlos trat seine Arbeit als Gärtner jeweils um sieben Uhr an.

Carlos kam aus Guatemala. Allmen hatte ihn kurz nach dem Tod seines Vaters beim Besuch eines Freundes kennengelernt. Er wohnte bei dessen Eltern in Antigua, in einer Kolonialvilla mit vielen zauberhaft bepflanzten Patios. Eines Tages kam dieser propere, höfliche Gärtner und bat ihn sehr gewunden, ihn in seine Heimat begleiten zu dürfen. Allmen hatte kurz zuvor die Villa Schwarzacker erstanden und sich die Zeit bis zur Beendigung der Renovierung mit einer Reise durch Mittel- und Südamerika vertrieben, auf deren letzter Station er sich damals befand. Die Villa brauchte einen Gärtner, und er sagte kurzentschlossen ja. Carlos besorgte sich einen Pass und begleitete Allmen als [62] Tourist. Wenn er sich bewährte, würde Allmen die Sache mit der Aufenthaltsbewilligung regeln, lautete die Abmachung.

Carlos bewährte sich, aber die Sache mit der Aufenthaltsbewilligung hatte Allmen unterschätzt. Nach drei Monaten sah er sich gezwungen, seinen Gärtner zum Flughafen zu fahren und sich schweren Herzens von ihm zu verabschieden. In drei Monaten würde er ihn wieder für weitere drei Monate einfliegen lassen.

Wenige Stunden nach diesem Abschied stand Carlos wieder vor dem Tor der Villa. Er war nicht geflogen. Und ab sofort illegal im Land. Er wohnte im Gärtnerhaus bei Kost und Logis und bezog viertausend Franken im Monat – von der Hälfte konnte seine vielköpfige Familie zu Hause komfortabel leben.

Im Laufe der Zeit war Allmens finanzielle Situation immer prekärer geworden, sein Personalbestand immer kleiner und dadurch das Pflichtenheft von Carlos immer dicker. Zuletzt war er nicht mehr nur der Gärtner, er kochte, servierte, bügelte, putzte, reparierte, improvisierte, log für Allmen und wurde immer unentbehrlicher.

An jenem Abend, als er Carlos eröffnete, dass er die Villa verkaufen, ins Gärtnerhaus ziehen und sich von ihm trennen müsse, nickte dieser nur, [63] sagte: »Muy bien, Don John« und zog sich ins Gärtnerhaus zurück.

Aber am nächsten Morgen, als Allmen am Frühstückstisch saß und Carlos ihm Kaffee nachschenkte, sagte er in seiner formellen Art: »Una sugerencia, nada más.«

Das hieß »eine Anregung, mehr nicht« und bedeutete das Gegenteil. Carlos würde ihm einen sehr ausgereiften Plan unterbreiten, von dem er nicht abzubringen sein würde. Diesmal lautete er: Allmen wird ihn als Gärtner und Hauswart an den Käufer vermitteln, und er, Carlos, wird in die Mansarden des Gärtnerhauses ziehen und weiterhin für Don John arbeiten.

Die Idee gefiel Allmen. Er könnte den unentbehrlichen Carlos behalten, ohne die viertausend Franken im Monat bezahlen zu müssen, zu denen er sich in finanziell unabhängigeren Zeiten hatte hinreißen lassen. Er bezog den Betrag als Pauschale für Garten und Hauswartung in die Verhandlungen um das Gärtnerhaus mit ein. Nach kurzem Widerstand war K, C, L & D Treuhand auch mit dieser Zusatzkondition einverstanden. So scharf war die Firma auf die repräsentative Villa Schwarzacker.

Carlos arbeitete seither für seinen Chef gegen Kost und Logis. Im Giebel des Gärtnerhauses befanden sich zwei Personalmansarden und ein [64] winziges zweites Bad für deren Bewohner. Je nach Allmens finanzieller Lage erhielt er darüberhinaus einen Zuschuss in Form von größeren oder kleineren Trinkgeldern.

Allmen trank seinen Tee aus und stellte die Tasse zurück auf den Nachttisch. Normalerweise streckte er sich danach noch einmal aus, um ein Stündchen oder zwei weiterzudösen. Denn in diesen Morgenstunden waren die Träume am intensivsten. Und er hatte am Morgen keine Termine, außer dem mit sich selbst um zehn Uhr dreißig im Viennois.

Aber an diesem Morgen stand er gleich nach dem Tee auf. Er beeilte sich im Bad, kleidete sich mit der gewohnten Sorgfalt und betrat kurz nach acht die Bibliothek. Milchiges Licht fiel in den großen Raum, vom Rasen stieg der Nebel auf und verhüllte die Konturen der Parkbäume.

Auf dem Teppich vor einer der Regalwände waren ein paar Bücher gestapelt. Allmen hatte sie noch in der Nacht ausgeräumt, um Platz für die Glasschale zu machen. Das nasse schwarze Handtuch hatte er eigenhändig in den halbvollen Abfalleimer geworfen, den Müllsack herausgenommen, zugebunden und für Carlos vor die Tür gestellt, der ihn dann im Container entsorgen würde.

Da stand sie nun, seine Libellenschale, im vom Nebel gefilterten Morgenlicht. Noch zauberhafter, [65] noch geheimnisvoller als in der Vitrine ihres rechtmäßigen Besitzers.

Ein angemessener Liebeslohn, fand Allmen.

Er setzte sich an den Flügel, steckte sich die leere Zigarettenspitze zwischen die Lippen und schluderte ein bisschen in seinem Songbook-Repertoire herum. Ein Sonnenstrahl drang durch die Nebeldecke, fand den Weg durch die Baumkronen und ließ für einen kurzen Moment in der gläsernen Bibliothek eine dünne Staubsäule aufleuchten.

Allmen war zufrieden mit sich und der Welt.

2

Auf allen Tischen der Nach-zehn-Uhr-Gäste standen um diese Zeit »Réservé«-Schilder, um die spärliche Laufkundschaft an die wenigen für sie vorgesehenen Tische zu verbannen.

Allmen saß behaglich bei seinem zweiten Kaffee und las unaufmerksam in der in einen hölzernen Halter gespannten Zeitung. Die Besprechung der Premiere von Madame Butterfly war eine Hymne. Erst jetzt fiel ihm auf, wie wenig er von der Aufführung mitbekommen hatte.

Aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass ein neuer Gast eingetreten war und sich drei Tische [66] weiter an den älteren Herrn wandte, der dort wie immer vier Stühle besetzt hielt.

Allmen sah von der Zeitung auf, um die Szene zu beobachten. Der neue Gast hatte ihm den massigen Rücken zugewandt und stand wie angewurzelt vor dem alten Stammgast. Dieser hatte angewidert begonnen, einen Stuhl frei zu machen. Gianfranco war an der Kaffeemaschine beschäftigt und bekam nichts mit von dem unerhörten Zwischenfall, sonst wäre er zu Hilfe geeilt.

Jetzt drehte sich der Mann um und setzte sich breitbeinig.

Dörig!

Allmen spürte wieder die Beklemmung in der Brust, die mit plötzlichen Erinnerungen an verdrängte Unannehmlichkeiten verbunden war. Er nickte Dörig erschrocken zu, aber der reagierte nicht. Saß nur da in seinem zu engen zugeknöpften Mantel und starrte ihn an. Als lebende Zahlungsaufforderung.

Allmen wandte sich wieder der Zeitung zu, aber er spürte den unverwandten Blick seines Gläubigers. Er bekam mit, wie Gianfranco an den Tisch trat und sich nach einem kurzen, halblauten Wortwechsel wieder entfernte, sich an der Lavazza zu schaffen machte und kurz darauf mit einer Tasse zurückkam.

[67] Dörig reagierte nicht, rührte die Tasse nicht an, starrte einfach weiter.

Allmen hob die Zeitung etwas an und linste ab und zu über deren Rand. Die Unannehmlichkeit blieb sitzen. Und mit ihr die Beklemmung in der Brust.

Zwölftausendvierhundertfünfundfünfzig Franken. So viel hatte er früher pro Nacht für Hotelsuiten ausgegeben, für ein Flugticket, für eine Einladung in einem anständigen Restaurant. Und jetzt machte ihm der Betrag Beklemmungen, Herzklopfen, Schweißhände.

Letzte Frist Mittwoch. Was war heute? Montag?

Jetzt kam Bewegung an den Tisch. Gianfranco stand dort, kassierte offenbar. Entfernte sich. Verächtlich.

Dörig stand auf und verließ das Café. Allmen sah ihm durch das Schaufenster nach.

Als hätte Dörig seinen Blick gespürt, blieb er brüsk stehen und wandte den Kopf.

Allmen konnte es nicht vermeiden, dass sich ihre Augen begegneten.

[68] 3

Ein Esstisch mit sechs Stühlen, beengt von einer Art-déco-Anrichte in schwarzem Schleiflack, nahm den größten Teil des Wohn-Esszimmers ein. Im anderen drängte sich eine Sitzgruppe aus einem Sofa und zwei Sesseln (zwei weitere lagerten in der Waschküche) um ein Clubtischchen, alles ebenfalls amerikanisches Art déco, dem früher eine seiner vielen Sammelleidenschaften gegolten hatte.

Schon wieder roch es nach Carlos’ Lieblingsessen, als Allmen den Raum betrat. Es war Carlos’ Art zu sagen, dass er Haushaltsgeld benötigte.

Als das Essen auf dem Tisch stand, wurde Allmen auch klar, wie dringlich die Mahnung war. Die Hackplätzchen fehlten, das Guacamole auch. Es gab nur Bohnen und Tortillas, das Menü der Armen in Guatemala.

Er verzehrte es ohne Kommentar. Auch Carlos kommentierte es nicht. Aber die Art, wie er es servierte, mit dem besten Geschirr und Besteck auf gestärktem Damast, war vielsagend genug.

Während der Siesta fand Allmen keinen Schlaf. Er starrte an die Decke und versuchte, das Bild von Dörig zu vertreiben, dieser geballten Ladung Aggressivität. Allmen war klar, dass er ihn mit nichts beschwichtigen konnte. Außer mit Geld. Aber das [69] bisschen Geld, über das er noch verfügte, brauchte er zur Vertuschung seiner Situation. Er konnte es sich auf keinen Fall leisten, damit Schulden zu bezahlen.

Eine Viertelstunde bevor er normalerweise aus der Siesta erwachte, stand er auf, ging in die Bibliothek und setzte sich an den Stutzflügel, Neuwert um die achtzigtausend Franken.

Er schlug erst ein paar seiner schlampigen Akkorde an, holte sich dann aber Noten aus dem Bücherregal und spielte, erst...