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Banker

von: Dick Francis

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257600070 , 368 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

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Banker


 

[28] Das erste Jahr

Juni

Gordon rief drei Wochen später an und klang völlig gesund und wohlauf. Ich warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, der stumm und leer dastand, weil der ganze Papierkrieg jetzt auf meinem stattfand.

»Judith und ich wollten Ihnen danken…«, begann er.

»Wirklich nicht nötig«, sagte ich. »Wie geht es Ihnen?«

»Verlorene Zeit. Es ist lächerlich. Na, egal, wir haben eine halbe Loge in Ascot für nächsten Donnerstag angeboten bekommen. Wir dachten, es könnte Spaß machen… Wir haben sechs Plätze. Möchten Sie hinkommen? Als unser Gast natürlich. Als ein Dankeschön.«

»Liebend gerne«, sagte ich. »Aber…«

»Kein aber«, unterbrach er. »Wenn Sie Lust haben, regelt Henry das. Er kommt selbst mit. Er fand auch, daß Sie einen freien Tag verdient hätten, Sie brauchen sich also nur noch zu entschließen.«

»Dann käme ich sehr, sehr gern.«

»Gut. Wenn Sie keinen Cut haben, seien Sie unbesorgt. Wir sind nicht in den königlichen Logen.«

»Wenn Sie einen tragen… ich habe den meines Vaters geerbt.«

»Aha. Gut. Also dann. Donnerstag ein Uhr, zum Lunch. Ich schicke Ihnen die Eintrittskarten ins Büro. Judith und ich freuen uns beide sehr, daß Sie kommen können. Wir sind sehr dankbar. Sehr.« Er klang plötzlich halb verlegen und brach mit einem Klicken die Verbindung ab.

Ich hätte gern gewußt, wie weit er sich noch an die weißen [29] Gesichter erinnerte, aber mit Alec und Rupert und John sämtlich in Hörweite war es unmöglich gewesen zu fragen. Vielleicht würde er es mir bei den Rennen erzählen. Vielleicht auch nicht.

Zum Pferderennen ging ich jetzt nur noch selten, obwohl ich als Kind unzählige Nachmittage damit verbracht hatte, in der Nähe der Totalisatorschlangen zu warten, während meine Mutter in genüßlicher Qual auf ihre Dutzende von Ahnungen und Goldgruben und Fallgruben und Ferner-Liefen setzte und tonnenweise Geld verlor.

»Ich hab’ gewonnen!« verkündete sie dann strahlend den Umstehenden, indem sie ein unbestreitbares Siegticket schwenkte: Und das Bündel Miese aus demselben Rennen wurde in eine Tasche gestopft und später weggeworfen.

Mein Vater gab zur gleichen Zeit in der Bar Drinks aus. Ein liebenswürdiger, spendabler Säufer, mit mehr Gutmütigkeit als Verstand. Gegen Abend nahmen sie mich dann glücklich miteinander kichernd in einem samt Fahrer gemieteten Rolls mit nach Hause, und bis ich schon recht alt war, zweifelte ich nie daran, daß dieser zufriedene Wohlstand auf Fels gebaut war.

Ich war ihr einziges Kind gewesen, und sie hatten mir eine sehr gute Kindheit geschenkt in dem Sinne, daß ich, wenn ich an Ferien dachte, Yachten auf warmen Meeren oder Weihnachten in den Alpen meinte. Der Bösewicht jener Zeit war mein Onkel, der dann und wann über uns herfiel, um düstere Warnungen darüber auszustoßen, daß sein Bruder (mein Vater) einen Beruf ergreifen müsse.

Mein Vater jedoch konnte sich zur »Geldrafferei« nicht entschließen und besaß ohnehin keine echten Fähigkeiten in irgendwelcher Richtung. Er, der keinerlei Sinn für Arbeit hatte, verachtete im stillen die anderen. Er wurde seines Lebens in süßem Nichtstun niemals müde, und wenn er sich niemandes Respekt verdiente, gab es andererseits auch wenige, die ihn verabscheuten. Ein schwacher, freundlicher, unintelligenter Mann. [30] Als Vater nicht schlecht. Zu viel mehr aber nicht zu gebrauchen.

Er erlag einem Herzanfall, als ich neunzehn war, und damals wurde der Sinn der düsteren Warnungen offenbar. Er und meine Mutter hatten von dem ererbten Kapital meines Großvaters gelebt, und es war nicht mehr viel davon übrig. Gerade genug, um mich durch das College zu schleusen; wenn man achtgab, genug, um meiner Mutter ein kleines Einkommen auf Lebenszeit zu sichern.

Nicht genug allerdings, um ihre Wettgewohnheiten zu finanzieren, die sie nicht aufgeben wollte oder konnte. Eine Menge weiterer düsterer Warnungen blieb unbeachtet, so daß schließlich, während ich auf längst verlorenem Posten noch tapfer kämpfte, indem ich (ausgerechnet!) für einen Buchmacher arbeitete, der Gerichtsvollzieher bei uns an die Tür klopfte.

In fünfundzwanzig Jahren hatte meine Mutter offensichtlich den größten Teil einer halben Million Pfund verspielt; alles war draufgegangen für Pferde, schnelle und langsame. Das hätte mir wohl ganz und gar den Rennsport verekeln können, doch seltsamerweise hatte es das nicht. Ich erinnerte mich daran, wie sehr sie und Vater sich amüsiert hatten: Und wer wollte sagen, es sei ein schlecht durchgebrachtes Vermögen?

»Gute Neuigkeit?« fragte Alec, indem er meinen zweifellos ambivalenten Gesichtsausdruck musterte.

»Gordon fühlt sich besser.«

»Hm«, sagte er verständnisvoll. »Das sollte er auch. Drei Wochen frei wegen ›Grippe‹…«Er grinste. »Bißchen überzogen.«

Ich gab ein unverbindliches Grunzen von mir.

»Wir wollen froh sein, wenn er zurückkommt, was?«

Ich blickte in sein belustigtes, spöttisches Gesicht und sah, er wußte ebensogut wie ich, daß ich, wenn Gordon erschien, um sein Reich wieder in Besitz zu nehmen, keineswegs nur erfreut sein würde. Gordons Arbeit zu leisten, hatte mich nach dem [31] ersten atemberaubenden Sprung mit starken Gefühlen von Kraft und Gesundheit erfüllt; ich war Treppen hinaufgerannt, hatte im Bad gesungen und alle Symptome einer Liebesaffäre gezeigt; und wie so manche Liebschaft konnte das die Rückkehr des Ehemanns nicht überstehen. Ich fragte mich, wie lange ich wohl auf eine neue Chance dieser Art warten mußte und ob ich das nächste Mal ebenso berauscht sein würde.

»Glaub nicht, ich hätte es nicht bemerkt«, sagte Alec. Seine Augen flimmerten blau hinter der goldgerahmten Brille.

»Was bemerkt?« fragte Rupert und hob den Kopf über Papieren, die er seit neunzig Minuten blind anstarrte.

Zurück vom Tod und der Beerdigung seiner hübschen Frau, hatte Rupert noch immer einen verschleiert abwesenden Blick und neigte dazu, laufenden Gesprächen hinterherzuhinken. In den zwei Tagen seit seiner Rückkehr hatte er keine Briefe geschrieben, keine Anrufe getätigt, keine Entscheidungen getroffen. Aus Mitgefühl mußte man ihm Zeit lassen, und Alec und ich erledigten weiterhin heimlich seine Arbeit, ohne daß er es mitbekam.

»Nichts«, sagte ich.

Rupert nickte zerstreut und sah wieder herunter, ein Automat in seinem zehrenden Kummer. So schmerzlich, dachte ich, hatte ich nie jemand geliebt. Ich hoffte auch wohl, daß ich es niemals würde.

John, der ebenfalls frisch zurückgekommen war, allerdings aus dem Urlaub, glühte von einem noch roten Sonnenbrand und hatte Mühe, die grellen Details seiner sexuellen Abenteuer in die kurzen Pausen zu packen, während denen sich Rupert im Waschraum befand. Weder Alec noch ich schenkten Johns Heldensagen jemals Glauben. Aber Alec fand sie immerhin lustig. Ich nicht. Mir schien da ein Element von Frauenhaß verborgen, als sei jede besungene Inbesitznahme (real oder nicht) ein Ausdruck von Gehässigkeit. Er gebrauchte nicht direkt das Wort Besitz. Er sagte »vernascht«, »gepimpert« und »hab’ ich’s der [32] Kleinen besorgt«. Ich mochte ihn nicht besonders, und er hielt mich bestimmt für einen eingebildeten Affen; wir waren höflich im Büro und gingen nie zusammen zum Lunch. Er war von uns allen der einzige, der Gordons Rückkehr ungeduldig entgegensah, denn er konnte seine Bestürzung nicht verhehlen, daß ich es war, der die leeren Schuhe ausfüllte, und nicht er.

»Natürlich, wenn ich hier gewesen wäre…«, sagte er mindestens einmal am Tag. Alec berichtete, man hätte ihn gegenüber Gordons Beinah-Gleichgestelltem drüben im Gang äußern hören, daß jetzt, wo er, John, zurück sei, Gordons Arbeit ihm übertragen werden solle.

»Hast du es selbst gehört?« fragte ich überrascht.

»Sicher. Und ihm wurde in deutlichen Worten erklärt, daß der Boss persönlich dir das grüne Licht gegeben hat und daß er, John, gar nichts daran ändern kann. Unser Casanova war ziemlich eingeschnappt. Meint, das wär’ doch alles nur, weil du bist wer du bist und so weiter.«

»Scheiß auf ihn.«

»Lieber du als ich.« Er lachte leise in seine Schreibunterlage und griff zum Telefon, um Förderer für eine Kanalisations- und Kläranlage in Norfolk zu finden.

»Wußtest du«, sagte er im Plauderton, während er eine Nummer wählte, »daß es so wenige Rieselfelder in West-Berlin gibt, daß sie den Ost-Berlinern was bezahlen, um den Überschuß loszuwerden?«

»Nein.«Ich wollte es auch nicht unbedingt wissen, doch wie üblich war Alec voller unnützer Informationen und besessen von dem Drang, sie weiterzugeben.

»Die Ost-Berliner nehmen das Geld und laden das Zeug auf dem offenen Ackerland ab. Unbehandelt, wohlgemerkt.«

»Sei doch still«, sagte ich.

»Ich hab’s gesehen«, sagte er. »Und gerochen. Absolut widerlich.«

[33] »Es war vermutlich Dünger«, sagte ich, »und was hast du in Berlin getrieben?«

»Besuch bei Nofretete.«

»Die mit dem einen Auge?«

»Mein Gott ja, ist es nicht ein Schock? Oh… hallo…« Er bekam Verbindung mit seiner potentiellen Geldquelle und erklärte viel zu lange und mit einer gewissen Wonne die Notwendigkeit zusätzlicher Einrichtungen zur Rückverwandlung des Abwassersumpfes, der die Seen und Flüsse im Südosten ruinierte. »Natürlich kein Konflikt mit einem Wasserwerk zu befürchten.« Er hörte zu. »Dann nehm’ ich Sie rein, ja? Gut.« Er kritzelte eifrig und legte...