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Himmlische Juwelen

von: Donna Leon

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257601916 , 304 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

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Himmlische Juwelen


 

[7] 1

Caterina Pellegrini zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich mit dem Rücken und dann mit dem Kopf dagegen. Ihre Beine zitterten, während die Anspannung allmählich nachließ, und nach einigen tiefen Atemzügen löste sich auch der Krampf in ihrer Brust. Am liebsten hätte sie vor lauter Freude sich selbst und die ganze Welt umarmt, doch sie bezwang, wie so oft in ihrem Leben, diesen heftigen Impuls, blieb mit hängenden Armen an die Tür gelehnt stehen und versuchte sich zu beruhigen.

Sie hatte unendliche Geduld gebraucht, aber es war geschafft. Sie hatte zwei Idioten ertragen, ihnen trotz ihrer Gier ins Gesicht gelächelt, Hochachtung geheuchelt und sie dazu gebracht, ihr den begehrten Job zu geben. Die beiden waren beschränkt, aber mächtig; sie waren unsympathisch, aber die Entscheidung lag bei ihnen; sie konnten Caterinas Fähigkeiten nicht einschätzen und hatten kein Verständnis für ihr Fachgebiet, doch der Auftraggeber waren nun einmal sie.

Und sie hatten ihn ihr gegeben, den begehrten Auftrag, und keinem der anderen Bewerber, in denen sie »Widersacher« gesehen hatte, so sehr hatten die letzten zehn Jahre ihres Berufslebens schon ihre Sprache infiziert. Als jüngste von fünf Schwestern hatte Caterina sich von klein auf durchzusetzen gelernt. Mit den Schwestern verhielt es sich wie in einem Stück von Goldoni: Da war Claudia, die Schöne; Clara, die Glückliche; Cristina, die Fromme; Cinzia, die [8] Sportliche; und als Letztgeborene Caterina, die Kluge. Claudia und Clara hatten gleich nach der Schule geheiratet, Claudia nach einem Jahr die Scheidung eingereicht und sich hochgetauscht, ein Anwalt, mit dem sie nicht groß harmonierte, während Clara mit ihrem ersten Mann zufrieden war und bei ihm blieb; Cristina hatte der Welt entsagt, war ins Kloster gegangen und hatte dann Theologie und Kirchengeschichte studiert; Cinzia hatte einige Medaillen bei Landesmeisterschaften im Tauchen gewonnen, dann geheiratet, zwei Kinder bekommen und Fett angesetzt.

 Caterina, die Kluge, hatte das liceo besucht, wo der Vater Geschichte lehrte und sie die Latein- und Griechischprüfungen alljährlich mit Auszeichnung bestand, während sie nebenher von ihrer Tante Russisch lernte. Danach hatte sie vergeblich ein Jahr lang Gesangsunterricht am Konservatorium genommen und anschließend zwei Jahre in Padua Jura studiert, was sie erst enttäuschend und dann nur noch langweilig fand. Die schönen Künste lockten noch immer, und so entschloss sie sich zum Studium der Musikwissenschaft, zunächst in Florenz und dann in Wien, und als ihr Doktorvater von ihren hervorragenden Russischkenntnissen erfuhr, besorgte er ihr ein zweijähriges Stipendium, um mit ihr Paisiellos russische Opern in Sankt Petersburg zu erforschen. Nach Wien zurückgekehrt, promovierte Caterina über die Barockoper. Der Doktorhut erfüllte ihre Familie mit Freude und Stolz und verhalf ihr nach nur einjähriger Suche zu einer Art innerem Exil im Süden, genauer gesagt zu einer Stelle als Dozentin für Kontrapunkt am Konservatorium Egidio Romualdo Duni in Matera. Egidio Romualdo Duni. Welcher Spezialist der Barockoper kannte [9] den Namen nicht? Für Caterina war er immer der »Duni, der auch komponierte«, der Mann, der seinen Opern dieselben Titel gegeben hatte wie jene von berühmteren oder begnadeteren Kollegen: Bajazet, Catone in Utica, Adriano in Siria. Duni. Er bedeutete ihr ebenso wenig wie den Intendanten an den Opernhäusern.

Die Doktorwürde der Wiener Universität, dann die Dozentenstelle am Konservatorium, wo sie Erstsemester in Kontrapunktik unterrichtete. Duni. Wochenlang hatte sie das Gefühl, sie könnte ebenso gut Mathematik unterrichten – so weit war ihr Thema vom Zauber der Gesangsstimme entfernt. Dieses Unwohlsein verhieß nichts Gutes, wie ihr schon bald nach ihrer Ankunft klar wurde. Doch erst nach zwei Jahren fasste sie den Entschluss, wieder aus Italien wegzugehen, diesmal nach Manchester, einem der führenden Forschungszentren für Barockmusik, wo sie vier Jahre lang forschte und als Lehrbeauftragte arbeitete.

Die Stadt selbst fand Caterina abstoßend hässlich, doch an der Uni fühlte sie sich durchaus wohl; sie beschäftigte sich mit den Werken – und in geringerem Maße auch mit dem Leben – einer Handvoll italienischer Musiker aus dem achtzehnten Jahrhundert, die in Deutschland Karriere gemacht hatten. Mit Veracini, Händels großem Rivalen; Porpora, dem Lehrer Farinellis; dem praktisch vergessenen Sartorio und mit Lotti, einem Venezianer, der so gut wie jeden unterrichtet hatte. Bald schon begann sie Parallelen zwischen dem Schicksal der Musiker und ihrem eigenen zu erkennen. Sie alle hatte es auf der Suche nach Arbeit und Ruhm, die sie in Italien nicht hatten finden können, in den Norden verschlagen. Wie etliche von ihnen hatte auch [10] Caterina Arbeit gefunden, und wie die meisten von ihnen litt sie an Heimweh und sehnte sich nach der Schönheit, der Luft und Leichtigkeit jenes Landes, das sie, wie sie erst jetzt erkannte, über alles liebte.

Die Rettung brachte, wie so oft, der Zufall. Die Gattin des Dekans ihrer Fakultät gab jährlich im Frühling ein Essen für die Mitarbeiter ihres Mannes. Ihr Chef betonte jedes Mal, dass zur Teilnahme kein Zwang bestehe: Kommen Sie, wenn Sie Zeit haben. Dienstältere wussten freilich, dass die Einladung einem Dekret von Iwan dem Schrecklichen gleichkam. Wer ihr nicht folgte, konnte jegliche Hoffnung auf Beförderung begraben; und wer sie annahm, verbrachte einen Abend in lähmender Langeweile. Heftige Wortwechsel, wüste Beschimpfungen oder gar Handgreiflichkeiten hätten für Abwechslung gesorgt, stattdessen war die Konversation bei Tisch von Zurückhaltung und einer schmallippigen Höflichkeit geprägt, die allerdings jahrzehntelanges sich Beäugen, Belauern und Karriereneid kaum zu übertünchen vermochte.

Caterina wusste, dass ihr Schmeicheln nicht lag, und beobachtete daher lieber schweigend das Treiben. Die meisten am Tisch sahen aus, als trügen sie die ungewaschene Kleidung breitschultrigerer Freunde. Dazu schäbige Schuhe. Und erst das Essen. Italienischen Kollegen gegenüber hatte sie schon manchmal gelästert, doch beim Thema Essen verschlug es ihr die Sprache.

Ihre Rettung war ein rumänischer Musikwissenschaftler, der, soweit Caterina das beurteilen konnte, die letzten drei Jahre vom Alkohol benebelt verbracht hatte. Dass er von morgens bis abends trank, hinderte ihn nicht daran, ihr auf [11] den Korridoren oder in der Bibliothek freundlich zuzulächeln, was sie jedes Mal gern erwiderte. Während seiner Vorlesungen war er erstaunlich nüchtern und überaus geistreich: Seine Interpretation der Metaphern in den Libretti von Metastasio war bahnbrechend, und seinen Darlegungen zur Korrespondenz des Wiener Hofpoeten Apostolo Zeno über die Gründung der Accademia degli Animosi folgten die Studenten mit offenen Mündern. Oft trug er schicke Kaschmirjacketts.

Am Abend ihrer Rettung saß der Rumäne ihr weinselig grinsend gegenüber beim Dinner des Dekans, und sie lächelte bereitwillig zurück, allein schon, weil sie sich fließend auf Italienisch verständigen konnten. Die meisten anderen am Tisch kannten Italienisch nur aus Opernlibretti, weshalb sie zu Liebessschwüren neigten, zu Schrecken und Reue, zuweilen gar dem Blutdurst verfielen. Caterina unterhielt sich mit ihnen lieber auf Englisch. Während sie die Anwesenden musterte, wurde ihr bewusst, wie treffend eine Wendung wie »Io muoio, io manco« ihre Gefühle in Worte fasste. »Traditore infame« wäre keine abwegige Bezeichnung für manche ihrer Kollegen. Und war nicht der Vorsitzende selbst »un vil scellerato«?

Der Rumäne stellte sein Glas ab – die Gabel erübrigte sich, da er sich mit fester Nahrung nicht aufhielt – und brach sein Schweigen, indem er auf Italienisch fragte: »Möchten Sie von hier weg?«

Caterina sah ihn neugierig an und fragte zurück: »Von diesem Essen oder der Universität?«

Er griff lächelnd zum Glas und sah sich nach einer weiteren Flasche um. »Der Universität«, sagte er klar und deutlich.

[12] »Ja.« Von ihrem Geständnis selbst überrumpelt, umklammerte sie ihr Glas.

»Ein Freund hat mir erzählt, die Fondazione Musicale Italo-Tedesca sucht jemanden vom Fach.« Er prostete ihr zu. Sein Lächeln war ein angenehmer Anblick, seine Zähne weniger.

»Die Fondazione Musicale Italo-Tedesca«, wiederholte sie. Zu Hause gab es so etwas Ähnliches. Irgendwelche Dilettanten, Amateure. Er musste eine Einrichtung in der deutschsprachigen Welt meinen.

»Die ist Ihnen bekannt?«

»Ich habe davon gehört«, log sie in demselben Tonfall, in dem sie auf die Frage antworten würde, ob sie von der Wanzenplage in New Yorker Hotels wusste.

Er trank sein Glas aus, hielt es sinnend hoch und fauchte zu ihrer Überraschung: »Italien.« Was war aus Italien? Das Glas? Oder der Wein?

»Geld«, fügte er in verführerischem Ton hinzu. »Eine Menge.« Ihm entging nicht, wie wenig Eindruck das auf sie machte, und sein Lächeln kehrte zurück, als seien sie sich einiger denn je. »Recherchen. Neue Dokumente.« Er merkte, wie sie darauf ansprang, und sah kurz in die Richtung des Dekans am Ende der Tafel. »Wollen Sie so enden wie er?«

Neugierig geworden, sagte sie aufmunternd: »Erzählen Sie mehr.«

Er ging nicht darauf ein, spähte vielmehr nach den Flaschen auf der Anrichte. Womöglich hatte er bereits jenen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab.

Er stellte sein leeres Glas neben das volle seiner rechten [13] Tischnachbarin, die sich angeregt...