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Der Gärtner von Otschakow

von: Andrej Kurkow

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257601527 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Der Gärtner von Otschakow


 

10

Der Wolkenbruch, der um Mittag begonnen hatte, zog sich mehrere Stunden hin und stellte, als er plötzlich aufhörte, die Bewohner von Irpen vor die einfache und unverrückbare Tatsache, dass der Abend da war. Ein Herbstabend ist nie lang, auf ihn folgt schnell, fast unmerklich, die Nacht. Diese anbrechende Nacht, von einem sternenlosen, bleiernen Himmel zugedeckt, versprach finster und undurchdringlich zu werden.

Igor legte das Buch weg, über dem er drei Stunden am Stück gesessen hatte, sah aus dem Fenster und dann auf die [83] Uhr. Wieder versank er in Nachdenken, wieder stellte er sich die Frage: War es nun ein betrunkener Traum oder eine andere, jenseitige Wirklichkeit gewesen? Er dachte an den Abend, der dem seltsamen Erlebnis vorausgegangen war. Dachte daran, wie er Kognak getrunken hatte, ehe Koljan anrief. Und was, überlegte er, wenn er nochmals dasselbe machte? Was, wenn er ein paar Gläschen Kognak trank und dann, später, wieder die Milizuniform anzog und in Richtung Busbahnhof loslief? Menschen wären bei diesem Wetter und um die Uhrzeit keine draußen, und wer würde schon auf ihn achten?!

Igor ging hinüber in die Küche, schenkte sich einen Kognak ein und trank ihn ohne Hast, darauf sofort ein zweites Gläschen. Nebenbei bemerkte er, dass auf der schwebenden Schale der mütterlichen Waage ein Fläschchen mit Herztropfen stand. Mit dem dritten Kognak kehrte er in sein Zimmer zurück. Trank einen Schluck, stellte das Gläschen weg und sah nach, ob die zwei sowjetischen Rubelpäckchen an ihrem Platz waren. Sie lagen in den Taschen der Uniformhose. Er trank noch ein Schlückchen. Im Mund wurde es warm, und die Wärme wanderte nach oben weiter, in die Nase, in den Kopf. Leichter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Wieder streckte Igor die Hand nach dem Gläschen aus, aber es war schon leer. Er begab sich in die Küche und füllte es.

Eine halbe Stunde später wogte wilde Kühnheit durch Igors Gedanken. Er lächelte sich selbst zu und trat mutiger zu der Milizuniform. Er zog sie an, streifte die Stiefel über, schnallte den Gürtel um und vergaß diesmal auch das Halfter mit der Pistole nicht, platzierte die Unifommütze auf dem [84] Kopf und griff nach dem runden Handspiegel. Er sah sich an, und noch heiterer wurde ihm zumute. ›Macht was her!‹, dachte er.

Kaum hatte sich das heimatliche Gartentor hinter ihm geschlossen, kaum wandte er sich Richtung Busbahnhof, da wurde es schon dunkler um ihn. Als wäre die Dunkelheit lebendig und versuchte, Igor in sich einzuhüllen. Aber an die Sohlen seiner Lederstiefel schlug vertraut der Asphalt, und die Beine gingen von selbst geradeaus, als brauchten sie keine Augen, die sie führten.

Ein paarmal beschlich Igor Furcht. Mal von hinten, mal von der Seite, worauf er stehenblieb und sich umsah, mehr auf sein Ohr vertrauend als den Augen. Aber ringsum war es still.

Nach einer Weile tauchte vor ihm ein kaum sichtbarer Lichtschein auf, ein Orientierungspunkt. Und nach weiteren zwanzig Minuten erkannte Igor das beleuchtete Tor der Otschakower Kellerei. Unter den Bäumen, zwanzig Meter davor, blieb er stehen. Was passierte jetzt wohl? Es würde sich doch nicht alles wiederholen? Wie in dem amerikanischen Film, in dem derselbe Tag sich endlos von Neuem abspielte und den Helden in den Wahnsinn trieb?

Und als würde die Wirklichkeit sich über Igors Befürchtungen lustig machen, ging das grüne Tor auf. An Igors Ohr drang das Kollern eines Motors, und er sah, wie ein alter, schon vertrauter Kleinlaster das Gelände der Kellerei verließ. Er fuhr heraus, bog nach rechts und fuhr weiter, von Igor fort, sich mit den Scheinwerfern den Weg leuchtend. Das Tor ging zu, und allmählich kroch die Stille unter das Licht der mächtigen Fabriklampen zurück. Genauer, die Lampen [85] strahlten hinter der Betonwand und dem grünen Tor, den Platz vor dem Tor erhellte eine Straßenlaterne.

Plötzlich knirschte das Tor wieder, öffnete sich ein wenig, und heraus schaute, genau wie gestern, ein Bursche mit einem seltsamen Sack auf der Schulter.

›Jetzt kommt er heraus, winkt dem Wächter zu, dann schließt sich das Tor und ein schwerer metallener Riegel klirrt!‹, sagte Igor sich vor. ›Darauf trete ich unter den Bäumen hervor und gehe auf den Jungen zu, er erschrickt, lässt den Sack zu Boden fallen und bittet mich, ihn nicht zu verhaften…‹

Und wirklich, der Bursche winkte dem Wächter zu, der Riegel klirrte und verschloss das Tor. Und unter den dunklen Bäumen trat Igor in der Milizuniform hervor, ging mit gespielt strengem, entschlossenem Schritt zu dem Burschen hin.

»Oh!«, sagte der da, und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. »Wohin sind Sie denn heute Morgen verschwunden? Ich hatte Ihnen Tee mit Wurst gebracht!«

Igor trat noch drei Schritte auf den Burschen zu, nur fehlte diesen letzten Schritten schon die Strenge und Entschlossenheit. Er blieb vor Wanja stehen und drückte dessen ausgestreckte Hand.

»Oder mussten Sie zu Ihrem Auftrag?«, erriet der Bursche und rückte seinen rutschenden Weinschlauch zurecht.

»Und du, schon wieder?« Igor wies mit einer Kopfbewegung auf den Wein.

»Also… wir hatten uns doch… geeinigt… ich kann auch jetzt gleich die Unterschrift…«

»Schon gut!« Igor winkte ab, verstimmt und aus dem [86] Konzept gebracht sowohl von dieser seltsamen Parallelwirklichkeit als auch von seinen eigenen, nicht ganz erfüllten Erwartungen.

»Gehen wir zu mir, ich habe schon etwas Interessantes für Sie gefunden!«, fuhr der Bursche, freundschaftlich lächelnd, fort.

»Du bist doch Wanja Samochin?«, fragte Igor, um sich endgültig davon zu überzeugen, dass das, was jetzt mit ihm geschah, die Fortsetzung der letzten Nacht war.

»Eben der! Kommen Sie!«

Und sie schritten durch die Dunkelheit, wie beim letzten Mal. Nur sah Igor sich nicht mehr überall um, sondern ging ruhig hinter Wanja Samochin her, der auf der Schulter mühelos seinen Schlauch mit dem gestohlenen Wein trug.

So leise sie konnten, betraten sie Wanjas Haus. Wanja führte Igor in dasselbe Zimmer mit demselben altmodischen Sofa.

»Ziehen Sie sich aus, machen Sie es sich bequem, ich bin gleich wieder da!«, flüsterte er.

Zwei Minuten später kehrte er mit einem Glas Wein zurück, wieder bis an den Rand gefüllt.

»Hier, auf die Nacht!«, sagte er leise. »Für einen tiefen Schlaf!«

Igor saß, noch angezogen, auf dem Sofa. Nur die Mütze hatte er abgenommen.

Etwas flüsterte ihm ein, dass diese Parallelwirklichkeit, sobald er sich hinlegte und einschlief, verschwinden würde, und dann fände er keine Antwort mehr auf die Fragen, von denen es mit jeder Minute mehr gab.

Er nahm Wanja Samochin das Glas aus der Hand, trank den Wein aus und hatte auf der Zunge wieder denselben [87] scharfen, säuerlichen Geschmack. Dann bedeutete er Wanja mit einer Kopfbewegung, sich zu ihm aufs Sofa zu setzen.

Wanja setzte sich.

»Was wolltest du mir also Interessantes erzählen?«, fragte Igor ihn.

»Aber ich… habe ja noch nichts unterschrieben!«

»Dann nimm ein Papier und schreib!«, sagte Igor.

Wanja erhob sich, verließ das Zimmer und kam gleich darauf mit einem Heft und einem blechernen Tintenfässchen wieder, in dem ein Füllfederhalter hin- und herschwankte. Er setzte sich an den ovalen Tisch mit dem Tischtuch.

»Diktieren Sie, Genosse Leutnant!«, bat er.

Igor zögerte. Dieses Mal fand er irgendwie nur allzu langsam in die Rolle eines Milizleutnants des Jahres 1957 hinein.

»Gut, schreib!«, sagte er nach einer Pause. »Ich, Iwan, Vatersname, Samochin, bin einverstanden, freiwillig zusammenzuarbeiten…«

Wanja Samochin beugte sich über das Heft und kratzte mit der Feder, die er hin und wieder in das Tintenfässchen tunkte.

Igor wartete, bis das Kratzen aufhörte. Wanja hob den Kopf und sah den Milizionär fragend an.

»Freiwillig zusammenzuarbeiten mit den Organen der Miliz«, fuhr Igor fort. »Und bin bereit, ihnen, unter Einsatz meines Lebens, im Kampf gegen verbrecherische Elemente zu helfen…«

Wanja sah plötzlich auf, Bestürzung und Verlegenheit im Gesicht.

»Stimmt was nicht?«, fragte Igor.

»Mein Leben einzusetzen habe ich nicht versprochen«, [88] sagte Wanja leise. »Also, helfen kann ich, aber das mit der Lebensgefahr – nein-nein. Meine Mutter hat ein schwaches Herz…«

»Gut«, seufzte Igor. »Schreib ohne die Lebensgefahr, einfach helfen…«

»Ihnen zahlt man für die Gefahr ja einen Zuschlag und gibt Ihnen eine Waffe!« Wanja warf, ehe er sich wieder seinem Blatt zuwandte, einen vielsagenden Blick auf das Pistolenhalfter des Milizionärs.

»… ihnen im Kampf gegen verbrecherische Elemente zu helfen«, wiederholte Igor. »Ort, Datum, Unterschrift.«

Nachdem er unterschrieben hatte, riss Wanja das Blatt sorgsam aus dem Heft, faltete es doppelt und reichte es Igor.

Sachlich nahm Igor die Erklärung an sich und schob sie in die Brusttasche seines Hemdes.

»Dann gehe ich jetzt schlafen?«, fragte Wanja.

»Ach, vielleicht…«, überlegte Igor laut.

»Was ›vielleicht‹?«, fragte Wanja vorsichtig.

»Vielleicht spazieren wir ein bisschen durch die Stadt. Und du zeigst mir die Sehenswürdigkeiten?«

»Was für Sehenswürdigkeiten?«, fragte Wanja betreten.

»Zum Beispiel das Haus dieses Fima Tschagin.«

»Wie, Sie kennen es nicht?« In der Stimme des Burschen klang mehr als einfach Verwunderung – eine plötzliche Herablassung, als hätte er auf einmal erkannt, dass er...