dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Die Nadel - Roman

von: Ken Follett

Bastei Lübbe AG, 2009

ISBN: 9783838700601 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 5,99 EUR

Exemplaranzahl:


  • Kein Sterbenswort - Roman
    Hummeldumm - Das Roman
    Der 3. Grad - Women's Murder Club - - Thriller
    C++ lernen und verstehen. Die Sprache und ihr Strukturen
    Lernen - Gehirnforschung und die Schule des Lebens
    Die 2. Chance - Women's Murder Club - - Thriller
    Dreifach - Thriller
    Die Tore der Welt - Roman
  • Die Arena
    Der Rächer - Roman
    Kochen mit dem Wok: Meeresfrüchte
    HÜTTE - Das Ingenieurwissen

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Die Nadel - Roman


 

ERSTER TEIL – KAPITEL 1


Es war der kälteste Winter seit fünfundvierzig Jahren. Die Dörfer waren eingeschneit, und die Themse war zugefroren. An einem Tag im Januar verspätete sich der Zug von Glasgow nach London sogar um 24 Stunden. Der Schnee und die Verdunklung ließen das Autofahren immer gefährlicher werden: Die Zahl der Unfälle verdoppelte sich, und die Menschen erzählten sich Witze darüber, daß es gefährlicher sei, mit einem Austin Seven nachts durch Picadilly zu fahren, als mit einem Panzer durch den Westwall zu stoßen.

Als der Frühling endlich kam, war es herrlich. Sperrballons trieben majestätisch am hellen, blauen Himmel, und Soldaten auf Heimaturlaub flirteten mit Mädchen in ärmellosen Kleidern auf den Straßen von London.

London wirkte kaum wie die Hauptstadt eines Landes, das sich im Krieg befand. Natürlich gab es Anzeichen dafür. Henry Faber, der mit dem Rad von Waterloo Station nach Highgate fuhr, bemerkte sie: Haufen von Sandsäcken vor wichtigen öffentlichen Gebäuden, Anderson-Schutzräume in den Gärten der Vorstädte, Propagandaplakate über Evakuierung und Luftschutz. Faber fielen diese Dinge auf – er war weit aufmerksamer als ein durchschnittlicher Eisenbahnangestellter. Er sah Scharen von Kindern in den Parks und schloß daraus, daß die Landverschickung ein Fehlschlag gewesen war. Ihm entging nicht die Zahl der Autos, die trotz der Benzinrationierung auf der Straße fuhren, und er las, welche neuen Modelle die Autofirmen ankündigten. Faber wußte, was es bedeutete, daß Arbeiter zur Nachtschicht in die Fabriken strömten, in denen wenige Monate zuvor die Tagschicht kaum genug zu tun gehabt hatte. Vor allem beobachtete er die Truppenverschiebungen per Eisenbahn: Alle Papiere gingen über sein Büro. Daraus ließ sich eine Menge erfahren. Heute hatte er zum Beispiel einen Stoß Formulare abgestempelt, die ihn vermuten ließen, daß eine neue Expeditionsstreitmacht zusammengezogen wurde. Er war sich recht sicher, daß sie aus rund hunderttausend Mann bestehen und für Finnland bestimmt sein würde.

Es gab Anzeichen, ja, aber das Ganze hatte etwas Komisches an sich. Im Radio machte man sich über den Bürokratismus der Kriegsverordnungen lustig, in den Luftschutzbunkern wurde gemeinsam gesungen, und modebewußte Frauen trugen ihre Gasmasken in eigens von Modeschöpfern entworfenen Behältern. Man unterhielt sich über den Sitzkrieg. Er überstieg, wie ein Kinofilm, die eigene Erlebniswelt, war aber zugleich trivial. Und bislang hatte sich noch jeder Fliegeralarm als blinder Alarm erwiesen.

Faber sah die ganze Sache anders – aber er war auch ein ganz anderer Mensch.

Er bog mit seinem Rad in die Archway Road und beugte sich ein wenig vor, um die Steigung besser zu bewältigen; seine langen Beine pumpten so unermüdlich wie die Kolben einer Lokomotive. Für sein Alter war er sehr fit. Er war neununddreißig, was er allerdings verschwieg; er log fast in allem, um sich nicht unnötig zu gefährden.

Faber begann zu schwitzen, während er den Hügel nach Highgate hochstrampelte. Das Haus, in dem er wohnte, war eines der am höchsten gelegenen Londons, deshalb hatte er es sich ausgesucht. Es war ein viktorianischer Ziegelbau am Ende einer Terrasse von sechs gleichartigen Bauten. Die Häuser waren hoch, schmal und finster – wie der Geist der Männer, für die sie gebaut worden waren. Jedes besaß drei Stockwerke und ein Untergeschoß mit einem Dienstboteneingang. Für das gehobene Bürgertum des 19. Jahrhunderts war ein Dienstboteneingang unverzichtbarer Bestandteil, selbst wenn man keine Diener hatte. Faber war zynisch, was die Engländer anging.

Nummer sechs hatte Mr. Harold Garden gehört, dem Besitzer von Garden’s Tea and Coffee, einer kleinen Firma, die während der Weltwirtschaftskrise pleite ging. Da er nach dem Prinzip gelebt hatte, daß Zahlungsunfähigkeit eine Todsünde ist, war dem bankrotten Mr. Garden nichts anderes übriggeblieben, als zu sterben. Das Haus war alles, was er seiner Witwe hinterlassen hatte, die nun Zimmer vermieten mußte. Sie hatte Spaß an ihrer Rolle als Hauswirtin, obwohl die Etikette ihres gesellschaftlichen Standes verlangte, daß sie so tat, als schäme sie sich dessen ein bißchen. Faber hatte ein Zimmer mit Dachfenster im Obergeschoß. Er wohnte dort von Montag bis Freitag und erzählte Mrs. Garden, daß er das Wochenende bei seiner Mutter in Erith verbringe. In Wirklichkeit hatte er eine weitere Hauswirtin in Blackheath, die ihn Mr. Baker nannte und ihn für den Handelsreisenden einer Papierwarenfirma hielt, der die ganze Woche unterwegs war.

Er schob sein Rad unter den finsterabweisenden, hohen Vorderzimmerfenstern vorbei den Gartenpfad hinauf. Dann stellte er es in den Schuppen und kettete es mit einem Vorhängeschloß am Rasenmäher an – es war nämlich verboten, ein Fahrzeug unverschlossen abzustellen. Die Saatkartoffeln in den Kisten, die überall im Schuppen standen, trieben Keime. Mrs. Garden pflanzte jetzt auf ihren Blumenbeeten Gemüse an – ihr Beitrag zum Krieg an der Heimatfront.

Faber betrat das Haus, hängte seinen Hut an den Ständer im Flur, wusch sich die Hände und ging hinein zum Abendessen. Drei der anderen Mieter aßen schon: ein pickeliger Junge aus Yorkshire, der unbedingt Soldat werden wollte, ein Süßwaren-Vertreter mit Geheimratsecken und sandfarbenem Haar und ein pensionierter Marineoffizier, der nach Fabers Überzeugung an Altersschwachsinn litt. Faber nickte ihnen zu und setzte sich.

Der Vertreter erzählte gerade einen Witz. »Der Staffelführer sagte:›Sie sind entschieden zu früh zurück!‹ Da drehte sich der Pilot um und sagte: ›Warum? Ich habe meine Flugblätter bündelweise abgeworfen. War das nicht richtig?‹ Da meinte der Staffelführer: ›Um Gottes willen, Sie hätten jemanden verletzen können!‹«

Der Marineoffizier lachte gackernd, und Faber lächelte. Mrs. Garden kam mit einer Teekanne herein. »Guten Abend, Mr. Faber. Wir haben schon ohne Sie angefangen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«

Faber bestrich eine Scheibe Vollkornbrot dünn mit Margarine und sehnte sich für einen Moment nach einer Scheibe fetter Wurst. »Ihre Saatkartoffeln können gepflanzt werden«, sagte er.

Er beeilte sich mit dem Essen. Die anderen diskutierten darüber, ob Chamberlain entlassen und durch Churchill ersetzt werden solle. Immer, wenn Mrs. Garden etwas sagte, blickte sie Faber an und schien auf seine Reaktion zu warten. Sie hatte ein gerötetes Gesicht und war ein bißchen übergewichtig. Obwohl sie in Fabers Alter war, trug sie die Kleidung einer Dreißigjährigen. Faber hatte schnell gemerkt, daß sie nach einem neuen Mann Ausschau hielt. Er beteiligte sich nicht an der Diskussion.

Mrs. Garden drehte das Radio an. Es summte eine Weile, dann sagte ein Sprecher: »Hier ist der BBC Home Service. It’s That Man Again!«

Faber kannte die Sendung. Regelmäßig trat ein deutscher Spion namens Funf auf. Faber entschuldigte sich und ging auf sein Zimmer.

Nach der Sendung It’s That Man Again blieb Mrs. Garden allein im Wohnzimmer zurück. Der Marineoffizier war mit dem Vertreter in den Pub gegangen, und der Junge aus Yorkshire, der fromm war, in eine Gebetsstunde. Sie saß mit einem kleinen Glas Gin im Wohnzimmer, betrachtete die Verdunklungsvorhänge und dachte an Mr. Faber. Wenn er nur nicht soviel Zeit in seinem Zimmer verbringen würde! Sie brauchte Gesellschaft, und zwar seine.

Solche Gedanken weckten Schuldgefühle in ihr; um diese zu beschwichtigen, dachte sie an Mr. Garden. Bilder der Erinnerung kamen in ihr hoch, vertraut, aber so verschwommen wie eine alte Filmkopie mit ausgeleierter Spule und einem unverständlichen Tonstreifen. Obwohl sie sich gut daran erinnern konnte, wie es war, ihn bei sich im Zimmer zu haben, konnte sie sich nur mit Mühe sein Gesicht oder seine Kleidung oder seine Bemerkungen zu den Kriegsnachrichten des Tages vorstellen. Er war ein kleiner, flinker Mann gewesen, erfolgreich im Geschäft, wenn das Glück ihm lächelte, und erfolglos, wenn nicht, zurückhaltend vor anderen und von unersättlicher Zärtlichkeit im Bett. Sie hatte ihn sehr geliebt. Wenn dieser Krieg erst einmal richtig angefangen hatte, würde es viele Frauen in ihrer Lage geben. Sie goß sich einen weiteren Drink ein.

Mr. Faber war so ruhig – das war das Problem. Er schien keine Laster zu haben. Er rauchte nicht, er roch nie nach Alkohol, und er verbrachte fast jeden Abend in seinem Zimmer und hörte im Radio klassische Musik. Außerdem las er viele Zeitungen und machte lange Spaziergänge. Sie vermutete, daß er trotz seiner niederen Stellung sehr klug war. Seine Beiträge zum abendlichen Gespräch im Eßzimmer waren immer etwas durchdachter als die der anderen. Sicher könnte er eine bessere Stelle bekommen, wenn er es versuchte. Doch offenbar interessierte ihn das nicht.

Das gleiche galt für sein Aussehen. Er hatte eine gute Figur, war hochgewachsen, mit recht muskulösem Nacken und breiten Schultern, ohne ein Gramm Fett. Er hatte lange Beine, ein kräftiges Gesicht mit hoher Stirn, nicht zu kurzem Kinn und hellblauen Augen; es war nicht hübsch wie das eines Filmstars, doch ein Gesicht, das einer Frau gefällt. Sein Mund allerdings war klein und dünnlippig. Sie stellte sich vor, daß er grausam sein konnte. Mr. Garden war zu jeder Grausamkeit unfähig gewesen.

Trotzdem gehörte Mr. Faber auf den ersten Blick nicht zu den Männern, nach denen eine Frau sich umdrehen würde. Die Hose seines alten, abgetragenen Anzugs war immer ungebügelt – sie hätte das mit Freuden für ihn getan, doch er bat sie nie darum –, und er trug immer einen schäbigen...