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1. (S. 3-4)
Vandurs Tage als Patriarch waren gezählt. Er spürte es.
Ihn hielt dieselbe Aufregung, dieselbe Fahrigkeit, dieselbe Ungewissheit gefangen wie vor einhundertzwanzig Jahren, als er seinen Vater aus dem Amt gejagt hatte. Nur, dass er damals der Jäger gewesen war, nicht die hilflose Beute. In jenen Tagen hatte er Triumph verspürt, buchstäblich nach den Sternen gegriffen. Er war jung gewesen und stark. Er hatte nichts von den Niederlagen und Prüfungen geahnt, die das Leben für jeden bereithielt. Nichts war unmöglich erschienen, nichts und niemand hatte ihn aufhalten können.
Gegenwärtig erfüllten den Patriarchen nur noch Verbitterung und Leere. Vandur ertrug es nicht länger. Er sah den Respekt der Sippenangehörigen aus Blicken und Gesten schwinden, glaubte immer öfter in ihren Augen die Frage zu erblicken, wie lange er noch durchhalten würde. Ob er nicht längst ein elender alter Mann war, der sich an die glorreiche Vergangenheit klammerte, während mit jedem Tag die Kraft zusehends seine knochigen Finger verließ. Ein alter Mann, nicht würdig, die Sippe der Uhlmin anzuführen.
Der Patriarch legte den Raumanzug an, der ihn ein Leben lang begleitet hatte. Er roch nach seinem Schweiß, dem Schweiß der Sippe. Dann ging er nach draußen, in die Leere des Weltraums. Vielleicht würde sie die Leere in seinem Inneren vertreiben. Oder wenn das nicht, wenigstens die Angst vor dem unweigerlichen Ende. Das Außenschott glitt zur Seite, gab den Blick auf das All frei. Sterne standen in der Schwärze, unzählige leuch-tende Punkte. Und zwischen ihnen hing antriebslos die UHLM im Raum und wartete darauf, dass sich für sie eine Gelegenheit ergab, zumindest einen Teil ihrer Fracht gewinnbringend zu verkaufen. Vandur war klar, dass sie bald kommen musste, wollte er darauf hoffen, wenigstens für einige weitere Wochen Patriarch der Sippe zu sein. In den Labors des Schiffes gab es zwar immer etwas zu tun, weil die Substanzen, auf denen der Wohlstand der Sippe ruhte, neu zu mischen waren. Doch es handelte sich um Routinearbeit, nicht ausfüllend. Sie ließ mehr als genug Zeit für junge Heißsporne, auf den Gedanken zu kommen, man könnte seinerseits nach den Sternen greifen.
»Zentrale!«, sagte Vandur in das Funkgerät seines Anzugs.
»Ja?«, meldete sich Kithara sofort. Sie war seine einzige Tochter, ein flinkes und gewissenhaftes Mädchen. Folgsam.
Wenn es jemanden an Bord der UHLM gab, auf den er sich verlassen konnte, war es Kithara. Hätte das Schicksal es besser mit ihm gemeint, Kithara hätte sogar ...
Er schob den Gedanken weg. Die Dinge waren, wie sie waren.
»Ich beginne meinen Kontrollgang«, sagte Vandur. »Ich ...«, er brach den begonnenen Satz ab. »Abschluss neun Uhr dreißig Bordzeit.« Gewissenhaft, ja. Das traf auch auf ihn selbst zu. Bis zum bitteren Ende.
»Bestätige: Abschluss Kontrollgang neun Uhr dreißig«, kam die Antwort. Kitharas Stimme war wie immer. Piepsig – ihr fehlte der Resonanzkörper – und freundlich, dabei ganz auf die Sache konzentriert. Glaubte sie ihm etwa? Eigentlich war Kithara zu klug dazu.
Zugegeben, ein Kontrollgang war nicht die schlechteste Ausrede, auf die Vandur hätte verfallen können. Die UHLM war ein empfi ndliches Konstrukt, eine schrullige alte Dame, die sich im Lauf der Jahrhunderte immer weiter gestreckt hatte. Es war unter den Mehandor üblich, die Gewinne der Sippe in neue Schiffe zu stecken, ihre Zahl zu mehren. Die Patriarchen der Uhlmin-Sippe hatten einen anderen Weg gewählt: Sie hatten es als ihre vorrangigste Pfl icht angesehen, das einzige Schiff der Sippe zu erweitern. Vandur folgte dieser Tradition getreulich. Es war ihm gelungen, beinahe 300 Meter zur Länge der UHLM hinzuzufügen. Damit reihte er sich als einer der erfolgreicheren Patriarchen in die Galerie seiner Ahnen ein. Und – wären ihm nur noch ein oder zwei weitere Jahre vergönnt – er mochte zum erfolgreichsten Patriarchen überhaupt aufsteigen, es im Ansehen mit dem Urvater der Sippe aufnehmen. Damals, vor einhundertzwanzig Jahren, hatte ihn der Gedanke elektrisiert, hatte er nächtelang nicht geschlafen, während er sich zusammen mit seinem Zwillingsbruder Kampur ausmalte, wie sie Geschichte schrieben. Mittlerweile bedeutete er ihm nichts mehr.
Vandur betrat den Steg, der die gesamte Länge des Schiffs säumte. Die UHLM war eine Walze und folgte damit dem klassischen Design von Mehandor-Raumern. Auf den ersten Blick zumindest. Die UHLM war kein gewöhnlicher Frachter. Sie war riesig – ihre Länge erreichte beinahe 2800 Meter –, und besah man das Schiff aus der Ferne, erinnerte es an das Skelett einer Schlange. Innerhalb des festgefügten Rückgrats lebte und arbeitete die Sippe. Aus diesem Rückgrat wuchsen wie Rippen Halterungen für jene Tanks, deren Inhalt die Existenz der Sippe sicherte. Entlang des Rückgrats verlief ein unübersehbares Gewirr von Leitungen: die Verbindungen zwischen den Tanks und Labors. Die Leitungen waren gewachsen wie die Wurzeln eines uralten Baums, lagen in mehreren Schichten an. Auf dem Gewirr war der Steg festgemacht. Vandur ging los. Er hatte den Mikrogravitator des Anzugs abgeschaltet, um die Leichtigkeit der Null-Gravo-Umgebung zu spüren. Lediglich die Magnetstiefel hielten den Patriarchen an dem Schiff fest, verhinderten, dass der nächste Schritt ihn unwiderrufl ich ins All schleuderte. Vandur schritt langsam voran, musterte aufmerksam die Leitungsstränge auf der Suche nach Schäden. Lecks kamen die Sippe teuer zu stehen. Nicht nur, dass sie dadurch wertvolle Fracht verloren, oft gefährdeten die Substanzen das Schiff selbst. Von Zeit zu Zeit hielt er an, beugte sich über eine Leitung und betastete sie mit seinen behandschuhten Fingern. Er loggte sich in die Terminals ein, die in regelmäßigen Abständen angebracht waren und bei denen es sich um zusätzliche, autarke Kontrollsysteme handelte.
Der alte Patriarch überprüfte die Messwerte und gab sie in die Zentrale durch. Was er tat, war überfl üssig. Die Terminals meldeten die Messwerte in Echtzeit der Hauptpositronik. Aber die Kontrollen gaben ihm etwas zu tun, fl ößten ihm das Gefühl ein, dies wäre nur ein gewöhnlicher Gang.
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