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Handbuch Soziologie

von: Nina Baur, Hermann Korte, Martina Löw, Markus Schroer

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2009

ISBN: 9783531919744 , 505 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 26,96 EUR

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Handbuch Soziologie


 

Alter & Altern (S. 11)

Udo Kelle

1 Einleitung

Prozesse des Wachstums und der Reifung, des Alterns und des körperlichen Verfalls, denen wir als Menschen unterliegen, muss nicht nur jeder Einzelne von uns im Laufe seines Lebens bewältigen – hieraus ergeben sich auch Probleme für das gesellschaftliche Zusammenleben und die soziale Ordnung.

In allen bekannten Kulturen gibt es deshalb mehr oder weniger komplexe Regeln, um die biologische Tatsache des Alterns sozial zu bewältigen. Aus soziologischer Sicht ist das menschliche Altern deshalb mehr als ein biologisches Faktum, nämlich eine eigene soziale „Strukturkategorie“ wie Klasse und Geschlecht (Amann/Kolland 2008: 39), mit deren Hilfe ungleiche Verteilungen von Statuspositionen, Rechten, Pflichten, Ressourcen und Teilhabechancen zwischen Gesellschaftsmitgliedern gesellschaftlich legitimiert und soziologisch verstanden werden können.

Soziologische Analysen des Umgangs mit Alter und Altern in unterschiedlichen Gesellschaften und Zeiten sind zudem besonders gut geeignet, um die Bedeutung sozialen und kulturellen Wandels und die Veränderbarkeit sozialer Normen zu untersuchen. Auch die Thematik „Altern“ selbst hat in der letzten Zeit gesellschaftlich und wissenschaftlich an Bedeutung gewonnen.

Noch vor zwanzig Jahren galt die Soziologie des Alter(n)s als eine eher randständige „Bindestrichsoziologie“, der rapide demographische Wandel der letzten Jahrzehnte führte dann aber dazu, dass Altern zunehmend als ein gesamtgesellschaftlich relevantes und sozialpolitisch brisantes Problem (Backes 1997) thematisiert wird.

Arbeiten aus unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie der Lebenslauf- und Biographieforschung, der Demographie, der Familiensoziologie und der Sozialhistorik zeigen dabei die enge Verschränkung von Mikro- und Makroebene sozialwissenschaftlicher Beschreibung: Individuelles Altern auf der Mikroebene einerseits und das Altern gesamter Bevölkerungen, die „demographische Alterung“, auf der Makroebene andererseits sind in vielfältiger Weise aufeinander bezogen – was aus der Sicht einzelner Akteure als unausweichliches Schicksal erlebt wird, stellt sich aus soziologischer Perspektive dar als durch gesellschaftliche Regeln geprägt, die das „gute und richtige Altern“ definieren und das „Kollektivsingular Alter“ als „typisch neuzeitliche Erfindung“ erst hervorbringen (Saake 2006: 70).

In einer offenen Gesellschaft können gesellschaftliche Normen dieser Art immer auch zum Gegenstand von Kontroversen werden. Soziologen haben diese Kontroversen mit ihren theoretischen Arbeiten und empirischen Befunden beeinflusst, aber auch in den letzten zehn Jahren verstärkt die Beteiligung der eigenen Disziplin an öffentlichen Problemdiskursen kritisch reflektiert: ohne die statistischen Werkzeuge der Sozialwissenschaften wäre die „Überalterung“ kaum je als gesellschaftliches Problem diagnostiziert worden.

Und die Sozialwissenschaften haben die gesellschaftlichen Altersdiskurse nicht nur mit objektiven Daten versorgt, sondern auch mit Angeboten an „Welt- und Daseinsdeutungen“ (Tenbruck 1984), so etwa mit Konzepten eines „erfolgreichen Alterns“. Alter bzw. Altern ist systematisch mehrdeutig: auf der Mikroebene wird hiermit der Vorgang des Älterwerdens von Individuen ebenso bezeichnet wie eine bestimmte Lebensphase, das höhere Lebensalter. Auf der Makroebene bezieht sich der Begriff auf die Alterung ganzer Bevölkerungen.

Dieses Phänomen der demographischen Alterung stellt eines der typischen „kollektiven Explananda“ dar, die den Ausgangspunkt bilden für soziologische Erklärungsversuche (Esser 1999) und steht deshalb am Anfang des Kapitels. Daran anschließend werden Befunde der modernen Lebenslaufsoziologie zur Bedeutung des Alterns im gesamten Lebenslauf in verschiedenen Gesellschaften und historischen Zeiten diskutiert. Abschließend werden aktuelle theoretische Entwicklungen und empirische Erkenntnisse aus soziologischen Untersuchungen zum höheren Lebensalter dargestellt.