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Gesundheit – die verkrustete Seguridad Social (S. 175-176)
Der Deutsche, sagt der Spanier, geht zum Arzt, wenn ihm das erste Haar ausfällt. Der Spanier, sagt der Spanier, begibt sich erst zum Arzt, wenn er eine Glatze bekommen hat. Alles, was zeitlich dazwischen liegt, ist ein Gemisch aus Bequemlichkeit und Fatalismus und einem täglich neu aufgelegten „ewigen Morgen", allseits bekannt als Mañana-Mentalität. Die ärztliche Grundversorgung bildet einen Teil der Sozialversicherung (Seguridad Social), die sich in jüngster Zeit immer neuer Mitgliederhöchststände rühmt, ihre Rückständigkeiten jedoch im Schneckentempo aufholt. Wenn überhaupt. Die medizinische Versorgung hängt an einem bürokratischen Wasserkopf und einem ausgeklügelt komplizierten System, das im Sinne des Staates und im Gegensatz zu Deutschland den Kostenüberblick und die zwischenzeitliche Verzweiflung Hilfebedürftiger sichert. Auf Kosten der Patienten. Man urteile selbst ...
Jeder Versicherte der Seguridad Social ist einem staatlichen Gesundheitszentrum (centro de salud) und dort seinem Hausarzt (médico cabecera) zugewiesen. Wer Schmerzen hat, lässt sich über die Telefon- und Terminzentrale ein Date beim médico cabecera geben. Umgeben von einem Sprechzimmer im einstelligen Quadratmeterbereich, beschränkt sich dessen Funktion zumeist auf eine verwalterische Tätigkeit. Er – oder sie – kann notfalls den Blutdruck messen, ein Stethoskop aufsetzen und ein paar Medikamente verschreiben, überlässt alles andere jedoch dem Spezialisten. Für diesen gibt es einen Überweisungsschein und – sollte es sich nicht um einen akuten Notfall handeln – einen extra Termin, zumal er in einem anderen Gesundheitszentrum sitzen kann.
Dieser separate Termin wird per Briefpost zugestellt und ist verpflichtend, Änderungen sind kompliziert. Nimmt man den Termin, sagen wir: bei einem Unfallchirurgen, wahr, verfügt dieser in neunundneunzig von hundert Fällen nicht über das adäquate Gerät, um eine Diagnose zu stellen, sagen wir: für einen mutmaßlichen Kreuzband- oder Meniskusriss. Also greift der Spezialist zum nächsten Überweisungsschein, der den Patienten in ein Spezialzentrum führt. Aber gemach, gemach, nicht sofort! Zunächst einmal darf man brav nach Hause gehen (oder humpeln) und per Briefpost auf den neuerlichen Bescheid des Spezialzentrums warten. Nach altbekanntem Schema: verpflichtend vorgegebener Termin, Änderungen kompliziert. Der Termin kann durchaus Monate entfernt liegen. Nimmt man diesen wahr, geht die Analyse später auf ihren Papierweg vom Spezialzentrum zum Spezialisten, der dem Patienten einen neuerlichen Termin zuweist, um ihm die abschließende Diagnose mitzuteilen und ihm gegebenenfalls zu einer Operation zu raten. Der Beginn eines weiteren Papierkreislaufs für einen Patienten, der wahrscheinlich längst geheilt oder dem Wahnsinn verfallen ist ...
Ausgehend von diesem Beispiel, fällt es nicht allzu schwer zu verstehen, warum der Spanier ungern zum Arzt geht. Man fühlt sich notverwaltet und dem System hilflos ausgesetzt. Ein Gefühl, das durch die Niedrigstmotivation vieler beamtenmäßig agierenden Mediziner in den centros de salud bestärkt wird und vor allem durch die Tatsache, dass die freie Arztwahl nicht gestattet ist. Als Alternativen bleiben Privatversicherungen bzw. Privatärzte, bei denen man stattliche Beträge hinblättert. Ebenso wie beim Zahnarzt – der nämlich ist in der Seguridad Social gar nicht erst inbegriffen ...
Kinder
Merke: Kinder dürfen alles. Keinem Spanier käme es in den Sinn, die kleinen Lärmer und Plärrer mit Schimpf und Schande in die Schranken zu weisen. Selbst nicht um Mitternacht. Schon ab dem Säuglingsalter stehen Kindern Ganztagskindergärten offen. Die Gebühren sind hoch und hängen vom Einkommen der Eltern ab. Plätze in öffentlichen Kindergärten sind rar, doch die geringen Geburtenraten bescheren vergleichsweise wenig Nachrücker. Zumindest spanische. Vor dem Hintergrund der Emigrantenströme herrscht in vielen Kindergärten längst Multikulti. Nachteil für die arbeitende Elternschaft, die nicht der Lehrergattung oder ähnlichen Vielurlaubern angehört: Kindergärten legen eine mindestens zweimonatige Sommerpause ein. Wohin mit dem Nachwuchs während dieser unverhältnismäßig langen Zeit? Aus staatlicher Sicht bleibt dies Privatangelegenheit wie das Kinderkriegen selber ...
Auf den Kindergarten folgt die Vorschule (ab drei Jahren). Sie ist zwar nicht obligatorisch, doch Kinder, die älter sind als drei Jahre, finden im Kindergarten keine Aufnahme mehr. Also gibt es keine Alternative. Es sei denn, man entscheidet sich für den Verbleib in der häuslichen Umgebung und lässt den Nachwuchs von einem Elternteil oder einem privaten Kindermädchen betreuen.
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