Suchen und Finden
Service
Infos und Kontakt
Mehr zum Inhalt
Fotoreportage: Afghanistan Leben & Sehen - Ungewöhnliche Bilder des Alltags, Widersprüche und Kontraste
Mitten unter Afghanen (S. 91-92)
„Die gefährlichste Zeit ist eigentlich dann, wenn die Lage zu ruhig ist."
Leben in Afghanistan bedeutet psychische und physische Belastung, egal für welches Geschlecht oder welche Nationalität. Frauen müssen außerdem ständig die oft frivolen Blicke und Sprüche der Männer ertragen und sich in dieser Männerwelt regelrecht durchkämpfen, um sich überhaupt behaupten zu können. Männer haben es etwas einfacher. Bis auf kurze Hosen können sie sich mehr oder minder kleiden, wie sie wollen, und bekommen von Anfang an Respekt von den Einheimischen, einfach weil sie dem „richtigen" Geschlecht angehören. Diesen müssen Frauen sich erst mühsam erarbeiten. So steht man ständig unter Strom, ist permanent angespannt, selbst noch im Schlaf. Wirklich bewusst wird das aber einem erst dann, wenn man wieder „draußen" und zurück in seiner eigenen Umgebung ist. Solange man sich im Land befindet, nimmt man diese Anspannung nicht wirklich wahr, sie gehört einfach zum Alltag. Trotz der oft schönen Erlebnisse und der zumindest phasenweise ruhigen Lage in einigen Teilen des Landes lebt man eben doch in einem Krisen- beziehungsweise sogar Kriegsgebiet.
Diese Tatsache kann man aber nicht permanent an sich heranlassen, sondern lebt dort sein für afghanische Verhältnisse „normales" Alltagsleben. Anders würde es auch gar nicht funktionieren. Wer nach Afghanistan geht und ständig Sorgen und Ängste vor Entführung oder Terroranschlägen mit sich herumträgt, überlebt dort keine Woche. Trotzdem sind diese Gedanken natürlich im Unterbewusstsein immer präsent und man muss jeden Tag immer wieder aufs Neue aufmerksam sein, beobachten, wahrnehmen, was direkt um einen herum passiert, um sich in keine gefährliche Lage zu bringen. Das gilt ganz besonders für die Fortbewegung, denn in Afghanistan legt man als Ausländer besser keine Strecken zu Fuß zurück, sondern erledigt alles mit dem Auto.
Die gefährlichste Zeit ist eigentlich dann, wenn die Lage (zu) ruhig ist. Nehmen wir an, es gab seit einigen Monaten weder eine Entführung noch einen Anschlag, die Stimmung in der Bevölkerung ist, relativ, entspannt. Bestes Indiz dafür ist, so absurd das auch klingen mag, die Länge des Kopftuchs. Hüllt sich die moderne Frau in Kabul komplett in das Kopftuch ein, ist die Lage eher angespannt. Liegt es dagegen nur lässig über dem Haar, kann man auch relativ beruhigt sein. Man sollte sich jetzt natürlich nicht nur an diesem Beispiel orientieren. Es ist ein Indiz unter vielen, um die Gesamtsituation einzuschätzen, aber keine Garantie. Die Beurteilung der Situation muss auf einer breiten Masse von Informationen basieren, die am besten nicht aus ausländischen Quellen stammen, denn niemand hat ein so untrügliches Gespür für die Lage wie die Menschen, die jeden Tag damit leben müssen.
Daher sollte man sich nicht unbedingt auf Fernsehen oder Zeitungen verlassen, sondern lieber die Menschen auf der Straße beobachten, wie verhalten sie sich, sind wenige oder viele auf der Straße, wie gehen sie miteinander um, wie fühle ich mich mitten drin? Ist die Lage ruhig, dann neigt man ebenfalls dazu, sich sicher zu fühlen und sich entsprechend zu verhalten. Und das ist eigentlich das Gefährlichste, denn dies kann dazu führen, unvorsichtig zu werden und weniger auf die Regeln dieses Landes zu achten. Mit Regeln meine ich die „Überlebensregeln" – also nie allein als Frau unterwegs sein, nie allein Taxi fahren, eigentlich sogar überhaupt nicht mit dem Taxi fahren. Nicht spät in der Nacht unterwegs sein. Fortbewegung nur im Auto. Aber eins nach dem anderen.
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion









