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Der neue Generationenvertrag

Der neue Generationenvertrag

von: Helmut Bachmaier, René Künzli

Wallstein Verlag GmbH, 2010

ISBN: 9783835307032, 142 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 11,00 EUR

Ersparnis: 3,00 EUR

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Der neue Generationenvertrag


 

Generationenbeziehungen in der neueren Literatur (S. 13)

von Helmut Bachmaier

Für alle Generationen gilt dasselbe: Wer nicht mit der Zeit geht, wird mit der Zeit gehen müssen. Helmut Qualtinger

Wie Lachen und Weinen oder das Altern – so gehören offenbar auch die Auseinandersetzungen zwischen den Generationen zu den Konstanten im Leben der Menschheit. Es gibt frühe Erzählungen, wie ein Geschlecht oder eine Generation von Göttern eine andere Generation ablöst.

Dabei kommt es zum Kampf, zur Entmannung, zur Kastration des Vaters, damit der Sohn dessen Herrschaft, bei Göttern die Weltherrschaft, antreten kann. Die Beziehungen zwischen den Generationen sind seit dem antiken Mythos ein Thema der Literatur und Gegenstand der literarischen Anthropologie (Frage nach anthropologischen Konstanten). Dies bedarf der näheren Ausführung. In Texten des Mythos wird der Konflikt und Kampf zwischen verschiedenen Generationen von Göttern behandelt, so in der »Theogonie« des Hesiod (ca. 700 v. Chr.), einem großen Gedicht über die Weltentstehung und über den Ursprung der Götter.

Nach Hesiod gibt es 5 Zeitalter des Weltlaufes, wobei jede Epoche einen Niedergang des Menschengeschlechts bedeutet, also eine Entwicklung nach dem Dekadenzmodell. Allein der Glaube an die versöhnende Macht des Rechts mildert den Pessimismus des Hesiod. Die erste große Auseinandersetzung zwischen den Generationen ist der Kampf der Titanen. Die Titanen, das sind die 6 Söhne und die 6 Töchter des Uranos (das ist der Himmel und Ahnherr aller Götter) und der Gaia (das ist Mutter Erde) – also die Titanen sind die Kinder des Himmels und der Erde.

In der »Theogonie« wird nun folgendes geschildert: Unter der Führung des Jüngsten, Kronos, stürzen die Titanen ihren Vater Uranos, und sie befreien ihre Brüder, u.a. die Kyklopen aus dem Tartaros (der Unterwelt und dem Totenreich). Kaum zur Macht gelangt, schleudert Kronos aber seine Brüder wieder in den Tartaros hinab. Also zuerst der Sturz des Vaters mit Unterstützung der Brüder, dann die Gefangenschaft der Brüder, um die eigene Macht zu festigen.

Zu diesem Aufstand gegen den Vater hat Gaia, die Gattin und Mutter, den Sohn Kronos angestachelt. Der Kampf zwischen Vater und Sohn ist blutig: Der Sohn schneidet mit einer Sichel dem Vater die Geschlechtsteile ab – diese Sichel hat er von der Mutter erhalten – und tritt seine Weltherrschaft an. Die Kastration des Vaters, seine Verstümmelung und Entmachtung sind notwendig, damit eine neue Generation zum Zuge, zur Macht kommen kann, um ihre eigene Welt zu errichten.

Mythologisch wird dieser Vorgang allerdings oft mit der Trennung von Erde und Himmel in Zusammenhang gebracht. Um dem Schicksal des Vaters zu entgehen, damit er nicht auch von den eigenen Kindern entmachtet wird, verschlingt Kronos diese, allein Zeus überlebt (statt seiner hat er einen in Windeln gewickelten Stein hinuntergeschlungen). Zeus wächst dann, von Nymphen umsorgt, in einer Grotte auf Kreta heran, bis er nun seinerseits zum Kampf gegen Kronos ansetzt.

Von seiner Kindheit, dem göttlichen Kind, werden die späteren Kindermythen ihren Ausgang nehmen (vor allem die Vorstellung von der Erlösung durch ein Kind – eine dann im Christentum wirksame Idee). Zeus besiegt Kronos, und das Reich der olympischen Götter bricht an. Wir haben also eine Generationenfolge von Uranos über Kronos zu Zeus – jeder Sohn stürzt den Vater und tritt seine Herrschaft an – und damit folgt ein Wechsel in der Vorstellungswelt der Menschen und der Religionen und jeweils eine neue Epoche.

Das System der einander ablösenden Göttergenerationen hat sich schon Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends ausgebildet, etwa im hethitischen Kumarbi-Epos, das erst vor einigen Jahrzehnten entdeckt wurde1 – und dies ist wohl das früheste Modell von Generationenbeziehungen überhaupt. Die Titanen der Mythologie stehen jedenfalls für den Kampf gegen jede Unterordnung und Unterdrückung durch Uranos, durch den Vater (Rubens hat dies in einem gewaltigen Gemälde dargestellt).