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Erinnerung (S. 7)
Immer ging das Bild mit ihr. Sie war oft umgezogen, zuletzt von der Stadt aufs Land. Auch hier zu Haus hing neben ihrem Tisch das Bild. Vom Tisch aus sah sie draußen Ferkel auf der Weide gegenüber liegen, schwarzrosa gefleckt, dicke Blüten im Gras. Am Abend ihres neununddreißigsten Geburtstages saß Marie Buhr an ihrem Tisch, sah drinnen neben sich das Bild in einem schmalen dunklen Holzrahmen, die Fotografie einer Frau, sie geht im Schatten, es ist Sommer auf dem Bild, im Hintergrund die Berge, ein Gebirgsbach, Steinbrocken, Geröll.
Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, Zeit fließt, zu messen an den Fältchen um meine Augen, schon damals hatte sie die Falten. Man könnte sagen, sie war eine Lehrerin zu dieser Zeit. Mir hat es sich so dargestellt, oder wie sagt man. Einmal war ich bei ihr im Büro, später fuhren wir zusammen auf die Tagung, es war nur eine kleine Zeit.
Es gingen insgesamt neun Briefe hin und her, vorher und nachher, ihre flüssig kugelige Handschrift in weißgrünen Briefen, ja, auch wegen unserer Gärten weiße grüne Briefe. Wir sprachen miteinander von zu Haus, von unsern Gärten draußen, bei ihr warfen die vielen alten Bäume grüne Schatten. Wie viel Helligkeit man braucht, sie schrieb mir davon später, auf der Tagung zählte sie an ihren Fingern Namen auf, die Pflanzen, die mit wenig Licht auskommen, Fuchsien und Schlangenbart und Spindelstrauch.
Fingerhut, Jasmin, Holunder, Springkraut, Nachtkerze. Sie geht im Schatten, wäre sie jetzt hier, könnte sie unsern Garten sehen. Wir führten Fachgespräche über Moos während der Tagung. Fachfremde Gespräche waren das doch wohl. Es war das erste Mal, daß ich bei einer Tagung vorgelesen habe, nicht nur im Publikum dabei war. Vorher Jobs, und dann dies Geld als erste Anerkennung dafür, daß man schreibt.
Ich kaufte davon Büsche für den Garten, kindlich, eine neue Waschmaschine wäre damals sinnvoller gewesen. Sie schrieb in einem Brief, seid Ihr viel draußen in den Büschen, Rupert und Du? Ich schrieb ihr nicht, wir heiraten bald, es sollte eine Überraschung werden. Sie geht im Schatten, was weiß sie jetzt. Sie sagte von sich selbst, meine Ehe ist rund bis auf eins. Fragt man den Lehrer, was das heißt? Auf dem Bild ist ihre schmale, lange, strenge Nase im Profil zu sehen. Man wollte keine ihrer Grenzen überspringen. Wir haben ja das ganze Leben Zeit, so war meine Empfindung damals. Sie selbst nahm sich auch Zeit.
Ihre Sorgfalt und Genauigkeit gingen auf alle über, die mit ihr zusammen waren. Sie beurteilte die Dinge unbestechlich und gewissenhaft. Selbst ein schwacher Ansatz war ihr manchmal einen langen Kommentar wert. Zu meinen ersten Texten schrieb sie unbeirrbar nein. Ihre Einladung kam also überraschend. Diese Arbeit spiegelt Sie in der Balance, schrieb sie, besuchen Sie mich einmal. Sie war die Ältere, Erfahrene. Sie geht im Schatten, sie lächelt.
Großmutter, was hast du für, damit ich dich, wie wenn die Wolken aufreißen ein Lächeln und mit Wolf dabei. Was weiß man von Leuten vorher, nachher, seither weiß ich ihre bloßen Füße, die sie nach der Tagung auf der Heimfahrt in den Sitz stemmte. Vorher die erste Einladung in ihr Büro, ich war unruhig, zu früh. Streunte durchs Gelände, es war ein Nebeltag, November. Durch den Nebel fuhr auf einem dünnen alten Fahrrad eine dünne lange Ältere, der sah ich nach in dunklen Träumen.
Sie geht im Schatten, ich war pünktlich im Vorzimmer bei einer einladenden Sekretärin, die brachte mich zur Chefin. Die war die Ältere. Die riß die Wolken auf, das also sind Sie. Sie riß die Wolken auf, ihr Haar war lang und glatt und dunkelblond, im Nacken hochgesteckt, sie hatte einen Parka über die Schultern gelegt. Das war schon damals nicht gerade modern.
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