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Von mir an Dich… - Stadtgeschichten

Von mir an Dich… - Stadtgeschichten

von: Jakob Welik, Tobias Link

Jakob Welik, 2010

ISBN: 9783839140819, 58 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 3,95 EUR

Ersparnis: 1,05 EUR

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Von mir an Dich… - Stadtgeschichten


 

Manfred Lafrentz (S. 28-29)

Herr Jordan und der Zehn-Cent-Mond

Herr Jordan starrte verträumt auf die Kassiererin an der Supermarktkasse. Eigentlich starrte er nicht wirklich, ließ nur den Blick hin und wieder zu ihr hinüberschweifen und tat zwischendurch so, als prüfte er den Inhalt seines Warenkorbs. Es handelte sich aber um eine Asiatin, deshalb kam es ihm so vor, als starrte er. Es wäre ihm peinlich gewesen, wenn man es bemerkt hätte. äußerlich war er ganz der strenge Prüfer seines Warenkorbs, während sein innerer Blick in den fernsten Osten seins Bewusstseins gerichtet war.

Die Kassiererin verrichtete ihre Arbeit bedächtig, jedes Produkt auf dem Laufband gedankenvoll betrachtend, bevor sie es in die Hand nahm und vorsichtig über den Scanner schob, als hätte ein aus Unachtsamkeit entstandener Fehler fatale Folgen. Herr Jordan beobachtete es versonnen. Vielleicht war sie eine chinesische Prinzessin, zwischen den Zeitläuften herausgerutscht und zufällig an diese Supermarktkasse geplumpst und nun gezwungen, diese ungewohnte, ihren herrschaftlich zarten Händen unwürdige Arbeit zu verrichten. Er kam an die Reihe und riss sich zusammen.

Es gibt keine chinesischen Prinzessinnen, dachte er. Schon lange nicht mehr. Und mitten in einer norddeutschen Großstadt schon überhaupt gar nicht. Neunzehn Euro neunzig”,, sagte sie, als sie mit dem Prüfen und Scannen seiner Ware fertig war. Es klang fremdartig, fand Herr Jordan. Die Worte kitzelten ihn im Kopf. Es war, als hätten sie sich verkleidet und warteten gespannt ab, ob er sie erkennen würde. Er gab ihr zwanzig Euro. Sie gab ihm zehn Cent. Dann ging er nach Hause und tat so, als hätte er niemals vom Orient geträumt. Abends bemerkte er, dass ein Licht aus seinem Portemonnaie herausleuchtete.

Er öffnete die Börse und stellte fest, dass eine der Zehncentmünzen darin silbrig strahlte. Ein Dime, dachte Herr Jordan zerstreut, und er staunte darüber, wie alles so zusammengerückt war in der Welt. Er dachte an all die Geschichten aus Amerika, die er gelesen hatte, an all die Figuren, die er beim Ausgeben von Quarters und Nickels und Dimes begleitet hatte. Diesen Münzen, die den heimatlichen Pfennigen und Groschen überlegen waren, weil sie in den Geschichten aus Amerika vorkamen.

Und nun hielt er ganz selbstverständlich eine Zehncentmünze in der Hand, einen Dime, sozusagen, den ihm eine Kassiererin im Supermarkt an der Ecke gegeben hatte. Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl, eine Figur in einer Geschichte zu sein. Es war ein schönes Gefühl. Dann merkte er, dass es sich bei der Zehncentmünze um den Mond handelte. Irritiert betrachtete er sie genauer. Unter der Prägung waren ganz klein die bekannten Flecken zu sehen: Augen, der Mann mit dem Reisigbündel und ein Hase. Je nachdem, welche Geschichten man darüber gelesen hatte.

Der kleine Mond war ein Vollmond und leuchtete hell. "Der Mond ist eine Kugel und keine Scheibe!”,, sagte Herr Jordan erbost und warf den Zehncentmond aus dem Fenster. Später am Abend strahlte es hell durch eben dieses Fenster herein. So hell, dass die Qualität des Fernsehbilds litt, was Herrn Jordan sehr verärgerte. Er schaute hinaus. Der Zehncentmond lag auf der Straße, aber er war größer geworden. Viel größer. Herr Jordan war besorgt."