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3. Erste Konzeptionen von Zielgruppenarbeit ‹ZGA› an Volkshochschulen nach der bildungspolitischen Zäsur · 1970 (S. 79-80)
Nach der Begründung einer Arbeit mit von Krisen -schon- betroffenen Menschen sollen anhand der seit 1970 praktizierten Konzeptionen an Volkshochschulen unterschiedliche Ziel- und Aufgabenverständnisse sowie Realisierungsformen vorgestellt und verglichen werden, um daraus einige Erkenntnisse für Integrations-/Interaktions-Konzeptionen abzuleiten. Im Bereich der Bundesrepublik sind Konzeptionen für die Arbeit mit von Krisen -schon- betroffenen Menschen nicht sehr zahlreich. Das hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass die ersten bildungspolitischen Leitlinien erst im Jahre 1973 in Gestalt der eingangs erwähnten Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates erarbeitet wurden, und zudem ohne Einbeziehung des Ausbildungs- und Weiterbildungsbereichs.
Im wesentlichen lassen sich die Konzeptionen zwei Typen zuordnen: zum einen Bildungsarbeit für von Krisen -schon- betroffene Menschen, ‚für’ sog. Behinderte, zum anderen Bildungsarbeit ,mit’ von Behinderung -schon- und - noch nicht- betroffenen Menschen. Das meint im ersten Fall eine Arbeit für die nach sozialbiographischen Daten ausgewählte homogene Adressatengruppe sog. Behinderter, hingegen im zweiten Fall eine gemeinsam mit von Behinderung - schon- und -noch nicht- betroffenen Lernenden betriebene Bildungsarbeit. Zieht man Maders Typologieder Phasen einer Zielgruppenentwicklung heran, so entspricht Typ Ischwerpunktmäßig den Phasen 1 bis 3 des normativen Paradigmas auf makrodidaktischer Ebene, während Typ IIden Phasen 4 bis 6 des interpretativen Paradigmas mikrodidaktischer Ebene zuzuordnen wäre.
Typ I soll im Folgenden anhand von drei Modellen – Nürnberg, Ludwigshafen, Bethel – vorgestellt werden, für Typ IIsind der Autorin nur zwei Modelle – Frankfurt und Hannover – bekannt, die daher eine ausführliche Darstellung erhalten.
3.1 Sonderpädagogik ‚für’ so genannte Behinderte – Nürnberg • 1970
Seit Herbst 1974 hat das Bildungszentrum der Stadt Nürnberg aufgrund der Beschlussfassung des Stadtrates nach langwierigen Vorarbeiten eine eigenständige Abteilung für die Weiterbildung erwachsener Menschen mit Behinderung eingerichtet unter der Bezeichnung ‚ Problembewältigung, Sonderpädagogik, Rehabilitation für Behinderte’. Wenn dafür auch noch nicht Pöggelers Be zeichnung Sonder-Andragogik Anwendung fand, sondern am Begriff der Sonder- Pädagogik angeknüpft wurde, verkörpert die Abteilung doch PöggelersKonzeption.
Leiter der Abteilung wurde ein infolge von Kriegsverletzung -schonvon körperlicher Behinderung betroffener Dozent, der selbst bereits 1962 über , Schicksalsbewältigung – Daseinsermöglichung Körperbehinderter’ promoviert hatte und dessen These der ,Desorientierung mit dem Eintritt einer Behinderung’ zum Ausgangspunkt seiner Bildungsarbeit wurde. So ging und geht es im Nürnberger Projekt in erster Linie um Problembewältigung; das zentrale Anliegen ist dabei, den von Behinderung betroffenen Lernenden aus seiner Desorientierung herauszuführen, indem nach Thoma sein Lageschema gedeutet und verarbeitet wird. Dadurch wird die Beeinträchtigung/Behinderung akzeptiert, die zur Basis möglicher Integration werden kann. Lernziel ist also eine ,Vorbereitung’ auf neue Interaktionszusammenhänge etwa im Sinne von Pöggelers ,propädeutischer’ Weiterbildung, die sich durch individuelle wie gruppenbezogene Verarbeitung der Konfliktsituation Behinderung vollzieht. , Problemverarbeitung, Sonderpädagogik, Rehabilitation’ heißt darum nicht nur Gespräch und Diskussion, sondern auch handwerkliche Arbeit in spezifischen Förderkursen, die jeweils auf die einzelne Beeinträchtigung/Behinderung abgestimmt ist. Die Abteilung umfasst daher drei Arbeitsbereiche:
1. Bereich: Problembewältigung für ‚Behinderte’
2. Bereich: Problemauseinandersetzung für Eltern ‚Behinderter’
3. Bereich: Spezielle Förderkurse für ‚Schwerbehinderte’
Charakteristika der Nürnberger Abteilung Sonderpädagogik sind Individualisierung und Differenzierung. So werden auch Kurse mit nur vier schwerbehinderten Teilnehmern durchgeführt oder ‚geschlechtsspezifische Gesprächskreise für von Krisen betroffenen Männern und Frauen zur Klärung sexueller Problematik’ angeboten sowie ‚gesonderte Kurse für ältere und jüngere behinderte Menschen’, wobei noch eine Aufteilung nach ‚unterschiedlichen Behinderungsarten’ stattfindet. Das Nürnberger Modelllebt von einer intensiven Zusammenarbeit mit Verbänden, Vereinen, Krankenhäusern. So werden z. B. auch ‚Gesprächskreise für Dialyse-Patienten’, die dreimal wöchentlich an eine künstliche Niere angeschlossen werden müssen, oder für solche der ‚Krebs-Nachsorge’ und der ‚Strahlentherapie, differenziert nach Krebsarten’, berücksichtigt. Gegenwärtig befinden sich ferner ‚spezielle Angebote für Gehörlose’ (z. B. Induktionsschleife) und für ‚Sehbehinderte’ in der Planung.
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