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JULES VERNE 22. März 1463 NGZ (S. 4-5)
»NEMO?«, fragte Atlan. »Wie sieht es aus?« »Alle Schiffe der Alliierten haben das Sicatemo-System verlassen und sammeln sich am Treffpunkt.«
»Dann fl iegen wir jetzt auch.« Es klang tonlos und doch voller Schmerz. Shaline Pextrel starrte noch immer in sein Gesicht, das wächsern wie ei-ne Totenmaske war. Gott, was geschieht jetzt? Womit rechnet der Arkonide? Fast gleichzeitig mit diesen Gedanken schlugen die Anzeigen der Hyperorter aus. Die sanften Kurven auf den Monitoren verwandelten sich in steile Zacken, die nach oben zuckten, über die projizierten Skalen und den Rand der Bildschirme hinaus. »Extrem starke Strukturerschütterung im Zentrum von Sicatemo!«, meldete NEMO. Shaline spürte Hitze in ihr Gesicht schießen, zugleich fröstelte sie. Wie gebannt starrte sie auf die Darstellung und dann auf den Arkoniden, der aufgesprungen war.
Etwas passierte mit der Sonne – ohne Vorankündigung. Die positronischen Systeme verkleinerten den Darstellungsmaßstab der Orterdiagramme, aber es reichte nicht, die Ausschläge vollständig abzubilden. »Da brat mir einen Ertruser!«, stieß Ponson Merez im Sessel neben ihr aus. Er hantierte an den Kontrollen für die Kantor-Sextanten. »Das kann nicht sein!« Shaline versuchte die Benommenheit abzuschütteln, die sich wie ein schwerer Teppich auf ihr Bewusstsein legte. Der schicksalhafte Funkspruch hämmerte in ihrem Kopf: »Die Frequenz-Monarchie ist nicht länger gewillt, die lächerlichen Störmanöver des Zwergbrudervolks aus der unbedeutenden Galaxis Milchstraße hinzunehmen«, lautete die in Tefroda gehaltene Botschaft. »Die Frequenz-Monarchie kann und wird ihre Ziele durchsetzen. Was nun folgt, ist eine unmissverständliche Warnung. Es kann jederzeit wieder passieren ... nicht nur in Hathorjan. Auch in der Milchstraße, etwa im Solsystem, wo sich unberechtigterweise ein verlorener Polyport-Hof befi ndet ...«
Die Frequenz-Monarchie drohte ihnen, das ging aus dem Wortlaut unmissverständlich hervor. Die Drohung bezog sich zunächst auf den Ort, in dessen Nähe sie sich noch immer aufhielten. Der Abstand der JULES VERNE von Sicatemo und seinen Planeten betrug zehn Lichtwochen. Shaline hielt unwillkürlich den Atem an. Im Gesicht des Arkoniden zuckte es, seine Augen tränten. Und dann erstarrte er, wirkte plötzlich wie eingefroren. Shaline vermutete, dass er intensiv mit seinem Extrasinn kommunizierte.
Im 17 Meter hohen Holo-Globus tauchte der Kopf von Ella Abros auf, der Ressortchefi n für Schiffsverteidigung. Ihr Gesicht ähnelte einem Holzschnitt, bei dem der Bildhauer die Gesichtszüge überdeutlich modelliert hatte. Die kaum sichtbaren Lippen bewegten sich darin wie eigenständige Lebewesen – zwei dünne Striche, die sich ununterbrochen gegeneinander verschoben.
»Was immer da auf uns zukommt, wir sind vorbereitet«, hörte Sha-line ihre schnarrende Stimme. »Die JULES VERNE ist jetzt eine fl iegende Festung!« Bist du sicher, dass es etwas nützt?, dachte Shaline. Paratronwerfer, MVH-Geschütze, Dissonanz-Geschütze, Transformkanonen, Hyperpulswerfer – alles, was irgendwie zerstörerische Energie auf den Feind schleudern konnte, schaltete automatisch in Schussbereitschaft. Die Konverter und Meiler stellten die Energie bereit, füllten die Puffer und warteten darauf, innerhalb einer Tausendstelsekun-de aus dem Ruhezustand zu erwachen. Paratron- und HÜ-Schirm fuhren auf Maximallast.
»Atlan?« Das war Tristan Kasoms Stimme. Der ertrusische Kommandant der JULES VERNE stand einsatzbereit hinter seinem Sessel, die Fingerspitzen dicht über der halbtransparenten blauen Scheibe des Trafi tron-Antriebs. Der Arkonide antwortete nicht. Er starrte ins Leere.
Shaline Pextrel spürte den harten Griff einer Hand an ihrem Unterarm. »Sieh dir diese Werte an«, ächzte der Pedophysiker. »Ins ultrakurze Hyperspektrum hinein werden sie immer stärker. Ich möchte nicht wissen, wie es jenseits der Messgrenze aussieht.« Shaline ignorierte die oszillierenden Kurvendiagramme der Kantor-Sextanten. Der Meta-Orter zeigte deutlich mehr von dem an, was sich im ultrakurzen Bereich des Hyperbands abspielte. Sie legte ihm die Diagramme des Meta-Orters auf seinen Schirm.
Ähnlich wie die Aura-Zange der SOL deckte der Meta-Orter den gesamten SHFBereich des hyperenergetischen Spektrums bis zu einem Wert von zirka 9,1 mal 10 hoch siebzehn Kalup ab, während das Kantorsche Ultra-Messwerk lediglich bis 8,8 mal 10 hoch fünfzehn Kalup reichte.
Das Zentrum Sicatemos ... In der Vergangenheit hatte der gelbe Normalstern keine Besonderheiten oder Abweichungen gezeigt. Bis zu diesem Tag. In seinem Innern tobte die Hölle.
Die Diagramme der Strukturerschütterung zerfl edderten plötzlich, bildeten Wirbel und Blasen, fi elen in sich zusammen ... Merez ließ ihren Arm schlagartig los. »Die Strukturerschütterung fl aut ab. Was für ein Glück! Sicatemo bleibt stabil.« »Warte!« Shaline rief es lauter als beabsichtigt. »Da ist etw...« Auf der Anzeige des Meta-Orters tauchten Schlangenlinien auf, die kreuz und quer wanderten, übereinanderpurzelten und so spurlos verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Die wirbelnden Zacken und Speere auf dem Schirm bildeten einen Hohlraum, um den sich ein energetisches Gespinst wob, dichter und dichter, bis es eine gleichmäßige weiße Oberfl äche besaß. Ruckartig blähte es sich auf. »Chef!« Das Wort klang aus Kasoms Mund wie ein Pistolenschuss. Als der Arkonide noch immer nicht reagierte, fügte der Ertruser etwas leiser hinzu: »Atlan! Es ist höchste Zeit, zu verschwinden!«
Das Gespinst platzte in einer grellen Lichterscheinung. Shaline schloss geblendet die Augen. Als die Blendwirkung nach ein paar Augenblicken nachließ, tanzten Pixelschauer auf dem Schirm, die langsam nach rechts aus dem Bild wanderten – in jenen Bereich, den nicht einmal der Meta-Orter darstellen konnte.
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