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Die Geschichte der Christen

Die Geschichte der Christen

von: Arnulf Zitelmann

Campus Verlag, 2004

ISBN: 9783593400860, 264 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 11,99 EUR

Ersparnis: 7,91 EUR

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Die Geschichte der Christen


 

Siebtes Jahrhundert

Irische Wanderprediger (S. 78-79)

Justinian, der geistige Architekt der Hagia Sophia, war ein gewaltiger Bauherr. Ein goldenes Filigran warf er über Byzanz, deren Hagia Sophia die kühnsten Architektenträume der Antike überbot. Gleich darauf stattete er die Geburtsstadt der Christenheit, Jerusalem, mit Prunkbauten aus. Die Nea-Kirche, der Gottesmutter gewidmet, erstreckte sich fast 120 Meter in die Länge, gegen 60 Meter in die Breite. Ihr war ein Komplex angeschlossen, der eine Bibliothek, ein Gästehaus mit Hospital und ein Kloster beherbergte.

Die Nea ließ Justinian mit der Grabeskirche durch eine von Säulenkolonnaden begleitete Prachtstraße verbinden, einen monumentalen Pilgerweg für die vieltausend Gläubigen, die alljährlich Jerusalem ihre fromme Reverenz erwiesen. Nichts von der ganzen Pracht ist geblieben. Persien, der Erbfeind des alten wie des neuen Roms, überrannte und plünderte Kleinasien, Syrien und eroberte im Jahr 614 die Heilige Stadt und legte sie in Schutt und Asche.

Massakrierte Christen in Jerusalem

Zu den Hilfstruppen der Perser gehörten jüdische Söldner aus dem Zweistromland und Juden Palästinas, die sich den Eroberern angeschlossen hatten. Wollten sie Rache an den Christen nehmen? Oder sahen sie sich als messianische Kämpfer? Wir wissen es nicht. Mit Gewissheit allerdings können wir sagen: Das Alltagsleben der jüdischen Gemeinden im byzantinischen Reich war keine Leidens-, keine Märtyrergeschichte.

Verboten waren zwar jüdisch-christliche Mischehen, doch das hatte keine praktische Bedeutung, für Juden kamen ohnehin keine Ehen mit Christen in Frage. Als Nachbarn und Bürger waren die Juden sogar gern gesehen. Christen begingen oft mit ihnen die großen jüdischen Jahresfeste, Juden besuchten die Theater- und Rennveranstaltungen im Hippodrom, und offenbar legten sie nicht einmal Wert auf eigene Friedhöfe.

Freilich, den christlichen Predigern missfiel der lockere Umgang ihrer Gläubigen mit »Leuten von Abrahams Samen«, doch ausrichten konnten sie mit ihren Hetzpredigten wenig. Man tauschte miteinander Geschenke aus, tanzte, tafelte, speiste zusammen, Christen besuchten jüdische Gottesdienste. Wer einen Zauberspruch, ein Amulett oder einen Liebestrunk brauchte, fand irgendwo im Viertel eine Jüdin, die auf dergleichen spezialisiert war. Byzanz machte seinen Juden das Leben nicht zur Hölle. So war es ein Schock, als sich nach der persischen Eroberung von Jerusalem herumsprach, wie die jüdischen Hilfstruppen in der Heiligen Stadt gehaust hatten.

Offenbar hatten die siegreichen Perser ihren jüdischen Verbündeten die Stadt freigegeben. Zur Plünderung sowieso. Doch die Juden trieben die Christen der Stadt in ein trocken gefallenes Wasserreservoir und schlachteten sie dort ab. »Wie viele Menschen wurden im Reservoir Mamel erschlagen! Wie viele kamen dort um vor Hunger und Durst! Wie viele Priester und Mönche fraß dort das Schwert! Wie viele Eltern kamen über den Leichen ihrer Kinder ums Leben!«, schreibt ein antiker Zeuge. Er spricht von vielen Zehntausenden. Bauarbeiter stießen vor wenigen Jahren an Ort und Stelle noch auf Berge von Knochen. Und sie fanden ein Kreuz, eine Inschrift: »Gott allein kennt alle ihre Namen!« In den übrigen Städten Syriens und Palästinas wird es nicht anders zugegangen sein. Die Perser und ihre Verbündeten steckten Kirchen in Brand, verwüsteten Klöster, ermordeten Nonnen und Mönche, verbrannten Bibliotheken. Quer durch Jerusalem, quer durchs Land. Die Geburtskirche von Bethlehem entkam gerade noch der Zerstörung. Was für eine grausige Geschichte. Das Entsetzen wuchs in Byzanz zur Panik, als dann auch noch bekannt wurde, dass die allerheiligste Reliquie der Christen den Ungläubigen in die Hände gefallen war. Der Kreuzesbalken, an dem Jesus sich für die Menschen geopfert hatte. Kaiser Heraklios gelang es, das Kriegsgeschick zu wenden.

Er besiegte 629 die Perser im Angesicht ihrer Hauptstadt und brachte das heilige Holz im Triumphzug zurück nach Jerusalem. Doch die Zeit reichte nicht, die Stadt wieder aufzubauen. Justinians pompöse Bauwerke verkamen zu Ruinenfeldern. Zehn Jahre später zogen die Muslime zu Jerusalems Toren ein. Und, abgesehen von ein paar Jahren zwischen den Kreuzzügen, blieb Jerusalem fürs nächste Jahrtausend in muslimischer Hand. Der Glanz seiner ehemaligen Größe kehrte nie wieder zurück.