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Die Erde ist uns anvertraut. Eine ökologische Spiritualität

von: Leonardo Boff

Butzon & Bercker GmbH, 2010

ISBN: 9783766641267 , 256 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: frei

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Preis: 9,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Die Erde ist uns anvertraut. Eine ökologische Spiritualität


 

Zweites Kapitel: Die Erde als Gaia und Gemeinsames Haus (S. 47-49)

Nachdem wir die Biographie der Erde in groben Zügen betrachtet haben, wollen wir uns einer ihrer ganz besonderen Eigenschaften zuwenden. Die Erde ist „unsere Heimat“, „Lebensraum für eine einzigartige und vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen“ – so ruft es uns die Erdcharta in Erinnerung (Erdcharta 2001, 7). Die Erde beherbergt nicht nur Leben innerhalb ihrer Atmosphäre und bringt es auf diese Weise hervor, sie ist vielmehr selbst ein lebendiger Großorganismus.

Bis zur Entstehung der modernen Wissenschaften mit den Gründungsvätern des herrschenden Paradigmas (Descartes, Galileo und vor allem Francis Bacon) wurde die Erde als eine lebendige Wirklichkeit empfunden und erlebt, die eine Ausstrahlung hat und zu Furcht, Respekt und Verehrung Anlass gab. Sie erwies sich als großzügige Mutter, aber auch als grausame Stiefmutter.

Mit dem Aufkommen der instrumentellen analytischen Vernunft der Vertreter der Moderne und der technisch orientierten Wissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Erde nur mehr als res extensa betrachtet, als ein Gegenstand mit den physikalischen Eigenschaften Ausdehnung und Trägheit, der den Menschen als Mittel an die Hand gegeben ist, damit er seinen Willen zur Macht verwirklichen und schöpferisch oder zerstörerisch mit ihr umgehen könne. Eine solche Sichtweise machte es möglich, alle Reichtümer der Erde rücksichtslos auszubeuten, bis das aktuelle Ausmaß einer wahrhaften Vernichtung der Artenvielfalt, des Raubbaus an den nicht erneuerbaren Ressourcen und der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts des Systems Erde erreicht wurde. Wenn wir gemäß dieser Logik fortfahren, ist es möglich, dass wir am Ende des 21. Jahrhunderts der Biosphäre schwersten Schaden zugefügt haben werden, wovor uns bereits zahlreiche Wissenschaftler und offizielle Studien gewarnt haben (vgl. z. B. die Daten des IPCC, des Intergovernmental Panel on Climate Changes, das ist der wissenschaftliche Beirat der UNO für die Fragen des Klimawandels).

Im Gegensatz zu diesem Zerstörungsprozess entsteht überraschend ein neues Gespür dafür, dass die Erde und die Menschheit dasselbe Schicksal haben und dass es die notwendigen Voraussetzungen gibt, um aus der möglichen Tragödie eine Krise des Übergangs von einem prometheischen Paradigma der Eroberung und Zerstörung hin zu einem anderen Paradigma der Sorge und der Erhaltung allen Lebens zu machen. Es eröffnet sich also eine einmalige Chance zur Veränderung. Dieses neue Bewusstsein hat seine Grundlage in den Erkenntnissen der Wissenschaften, die sich mit der Erde beschäftigen, der neuen Biologie, der modernen Kosmologie, der Astrophysik und nicht zuletzt der Tiefenökologie. Daraus entsteht eine neue Mystifizierung im Hinblick auf die Erde, eine neue Utopie, die uns Hoffnung geben und uns zu einer Praxis der Rettung, Erhaltung und Förderung des Lebens ermutigen kann. Und schließlich wird Raum geschaffen für eine neue spirituelle Erfahrung, die dem Leben neuen Sinn verleiht und die Verantwortung für die gemeinsame Zukunft weckt.

1. Die Entdeckung der Erde

Eine überzeugende Einführung in diese neue Utopie stellt der Beitrag der Astronauten dar, deren Zeugnis wir bereits weiter oben erwähnten. Das Zeugnis des Astronauten Russel Scheikhart bringt all diese Berichte auf den Punkt: „Wenn du die Erde von außerhalb siehst, dann bemerkst du, dass all das, was für sie wichtig ist: die gesamte Geschichte, die Kunst, Geburt, Tod, Liebe, Freude, Tränen . . . all das in diesem kleinen weißen und blauen Punkt enthalten ist, den du mit deinem Daumen verdecken kannst.