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Kapitel 1 Die teuerste Krise aller Zeiten (S. 17)
Die Federal Reserve Bank in New York in der Liberty Street, einer schmalen Parallelstraße zur Wall Street, ist eines der Wahrzeichen des Bankenviertels von Manhattan. Im Vergleich zu den verglasten Wolkenkratzern der großen Geschäfts- und Investmentbanken in der Gegend wirkt das Gebäude mit seinen zehn Stockwerken und der hellbraunen Steinfassade jedoch recht unauffällig.
Hinter seinen Mauern verbirgt sich eine der wichtigsten Schaltzentren der internationalen Finanzwelt. Zwar fallen die grundlegenden Entscheidungen über die Anhebung oder Senkung von Leitzinsen am Sitz des Federal Reserve Board, dem höchsten Gremium der amerikanischen Notenbank, in der Bundeshauptstadt Washington, aber die tagtägliche Steuerung der Geldpolitik liegt in den Händen der New York Fed.
Und deren Präsident gilt als fast ebenso mächtig wie der Vorsitzende der Fed, ob dies nun der legendäre Alan Greenspan war oder sein diskreterer Nachfolger Ben Bernanke. Am Wochenende herrscht meist Ruhe in den Straßen rund um die Wall Street.
Die New Yorker Börse (NYSE) hat geschlossen, die Bankmanager und Händler fahren meist schon am Freitagabend auf ihre Landsitze auf Long Island oder in Connecticut. Dieses traditionelle Büro- Viertel hat nicht viele Wohnungen und der gesamte Stadtteil von Lower Manhattan hat sich immer noch nicht ganz vom Schock des 11. September 2001 erholt, als Terroristen zwei entführte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten und diese zum Einsturz brachten.
Deshalb hätte es Fußgängern, die am Samstag, den 13. September 2008, kurz vor 9 Uhr am Eingang der Federal Reserve Bank vorbeigingen, auffallen können, dass hier etwas Ungewöhnliches geschieht. Eine schwarze Limousine nach der anderen fuhr vor, Männer im dunklen Anzug stiegen aus und verschwanden rasch hinter der mächtigen Eingangstür.
Wer zum Frühstück bereits das Wall Street Journal oder die New York Times gelesen hatte, konnte sich vorstellen, was diese Leute hier an einem Samstagmorgen herführte. Das amerikanische Bankenwesen stand auf der Kippe – und mit ihm das gesamte Weltfinanzsystem.
Ende eines Booms
Ein Vierteljahrhundert lang hatte der amerikanische Finanzsektor einen dramatischen Aufschwung erlebt und dabei die wirtschaftlichen Realitäten auf allen Kontinenten verändert.
Offene Kapitalmärkte, boomende Börsen und ständig neue Finanzinstrumente beeinflussten das Leben des Eigenheimbesitzers in Kansas genauso wie das eines Vorarbeiters in der südchinesischen Industriestadt Shenzhen oder das einer Kleinstunternehmerin in Ghana. Millionen von Menschen hatten über die Jahre von der Finanzrevolution profitiert, aber niemand so stark wie die kleine Schicht an Bankdirektoren, Wertpapierhändlern und Geldmanagern, die in New York und London die globalen Spielregeln vorgaben.
Von Jahr zu Jahr waren die Einkommen an der Wall Street gestiegen und hatten Mitte dieses Jahrzehnts unvorstellbare Höhen erreicht. So verdiente der New Yorker Hedgefonds-Eigentümer John Paulson im Jahr 2007 etwa 3,3 Milliarden Dollar und übertraf damit den Rekordhalter des Vorjahres, James Simons, um mehr als das Doppelte. Aber auch abseits dieser ausgewählten Stars waren Jahreseinkommen von mehr als 50 Millionen Dollar im Finanzsektor keine Seltenheit.
Seit 1982 waren die amerikanischen Aktienkurse fast ohne Unterbrechung gestiegen. Zwar war es immer wieder zu schweren Rückschlägen gekommen, aber stets wurden diese Schwächephasen dank des ungebrochenen Optimismus der Märkte und einer flexiblen Zinspolitik der Fed rasch überwunden. Rückblickend erwiesen sich die massiven Kursverluste, die alle paar Jahre an den Aktien- und Rentenmärkten auftraten, als Kaufgelegenheit für jene, die den letzten Aufschwung verpasst hatten. Doch die Krise, mit denen sich an diesem Wochenende die Spitzen der Notenbank, des Finanzministeriums und der amerikanischen Großbanken beschäftigen mussten, war anders.
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