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Die Hirnkönigin - Roman - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis

Die Hirnkönigin - Roman - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis

von: Thea Dorn

PeP eBooks, 2010

ISBN: 9783641034719, 288 Seiten

Format: ePUB, OL

Mac OSX,Windows PC Bookeen Cybook Orizon,Ectaco Lite,Odys Media Book Scala,Aluratek Libre,eLyricon EBX-500.TFT,PocketBook 302,IREX Digital Reader,FlatReader,BeBook 'One',iRiver Story,Sony Reader PRS-3xx,Bookeen CyBook Opus,Hanvon/Hexaglot N518,PocketBook 301+,COOL-ER eReader,Inves-Book 600,eLyricon EBX-600.E-Ink, Bookeen CyBook Gen3 ab Rev: 1.9,Italica Reader,Sony Reader PRS-505, -6xx, -7xx,Pocketbook 360,Hanvon N516 Weltbild Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 6,99 EUR

Ersparnis: 0,96 EUR

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Die Hirnkönigin - Roman - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis


 

I

»Verdammte Scheiße, kannste dem Balg nich mal ordentlich den Arsch abwischen!«
Kyra Berg drückte die Stopptaste ihres Aufnahmegeräts und atmete tief durch. Geduld und Ausdauer waren die Waffen der Journalistin. Aber wenn das so weiterging, konnte sie sich mit diesem Interview den Arsch abwischen.
Der Krabbler an der Schwelle zur Stubenreinheit plärrte los, als seine Mutter aufsprang und ihn vom Teppich pflückte.
Sie blickte Kyra entschuldigend an. »Det is immer det Gleiche hier. Um jeden Scheiß muss ick mir kümmern. Der Olle macht jar nüscht. Zum Kotzen is det.«
Kyra nickte ihr beipflichtend zu. Angesichts des verzierten Babyarschs war sie froh, nicht gefrühstückt zu haben.
Die Mutter verschwand mit ihrer Fracht im Bad. Wassergeplätscher und heftigeres Krabblergebrüll legten sich über das Fluchen.
Kyra stützte den Kopf in die Hände und massierte ihre Schläfen. Die Kopfschmerzen, mit denen sie heute Morgen bereits erwacht war, hatten zugenommen.
Warum hörte das Balg nicht mit seinem Geschrei auf. Es brachte doch nichts. Die Mutter würde es sowieso bis aufs Blut schrubben. Und warum hörte die Frau nicht mit ihrem Fluchen auf? Der Fleischkoloss, der im Feinrippunterhemd in der Küche saß und Bier trank, würde sowieso dort hocken bleiben. Es war alles so sinnlos.
»Nur noch n kleenen Moment. Ick bin gleich wieder da«, rief die Frau aus dem Bad. »Nehmense sich doch so lang noch n Kaffee.«
Kyra warf einen Blick in die volle Tasse, die unberührt vor ihr stand. Jetzt meldete sich der Whisky von letzter Nacht doch noch zu Wort. Sie konnte diesen Kaffee nicht trinken. Keinen Schluck, hier in diesem Zwei-Zimmer-Drecksloch zwischen all der Babyscheiße, dem Bierdunst und den Häkelschonern, die im ganzen Raum verteilt waren, als könnten sie das Elend verhüllen.
Es gab Tage, da bereute Kyra, dass sie nicht mehr fürs Feuilleton schrieb.
Die Frau kam zurück. Sie ließ den Krabbler wie eine Katze fallen, streifte die Hände an ihren pinkfarbenen Leggings ab und ging wieder zum Sofa.
»Also was wolltense jetzt zuletzt wissen?«
Geduld und Ausdauer. Geduld und Ausdauer. Kyra drückte die Aufnahmetaste an ihrem Kassettenrecorder. »Ich hatte Sie gefragt, ob Sie sich erklären können, warum Ihre Mutter damals Ihren Vater umgebracht hat.«
Erika Konrad wischte sich über die Stirn. Obwohl sie die Klimaanlage des Wagens voll aufgedreht hatte, war sie in Schweiß gebadet. Das seidene Sommerkleid klebte ihr am Rücken. Wie Schmeißfliegen kreisten ihre Gedanken um den Fleck zwischen ihren Schulterblättern, der ihr Lieblingskleid für immer ruiniert haben würde.
Im Schritttempo ließ sie den Wagen die Einfahrt hinaufrollen. Je näher sie Berlin gekommen war, desto langsamer war sie geworden. Seitdem sie die Autobahn verlassen hatte, war sie nicht mehr schneller als dreißig gefahren. Es kam ihr vor, als ob sich ihr Fuß dagegen sträubte, weiter das Gaspedal zu treten.
Erika Konrad stellte den Motor ab. Mit feuchten Händen hielt sie das Lenkrad umklammert. Natürlich war es nicht ihr Fuß, sondern ihr Herz, das sich dagegen sträubte, heimzukehren. Heimzukehren. Wie höhnisch dieses Wort in ihren Ohren klang. Sie blickte zu der mächtigen Villa, die halb in der Sonne, halb im Schatten der alten Lärchen lag.
Erika Konrad musste sich zwingen auszusteigen. Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Sie bückte sich, um einen Stein zu entfernen, der sich in ihre roten Riemchensandalen geschoben hatte. Als sie mit der Nase in die Nähe ihrer Achselhöhlen kam, roch sie den Schweiß. Nur an den kühleren Tropfen, die auf ihren Handrücken fielen, merkte sie, dass sie weinte. Sie hatte in den letzten Jahren zu viel geweint, um Tränen an der Quelle zu spüren.
Der Stein im Schuh war ihr plötzlich egal. Sie wollte nur noch die Hitze hinter sich lassen. Mit raschen Schritten legte sie die letzten Meter zur Eingangstreppe zurück.
Die massive Holztür war lediglich zugezogen, nicht abgeschlossen. Erika Konrad warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Kurz vor drei. Ihr Mann konnte unmöglich zu Hause sein. Nie kam er vor sechs aus der Zeitung zurück. Es musste die Putzfrau sein.

Im Haus war es kühl und still. Erika Konrad legte ihre Handtasche auf dem kleinen Teakholztischchen neben der Garderobe ab. Sie erschrak, als sie ihr Bild im Spiegel sah. Eine Vogelscheuche steckte in ihrem Lieblingskleid. Sie wagte nicht, die Sonnenbrille abzusetzen.
Hier drinnen kam ihr der eigene Schweißgeruch noch widerlicher vor. Sie musste dringend duschen.
»Ilona!« Ihre Stimme hallte durch das leere Haus. Kein Geräusch deutete auf die Gegenwart eines putzenden Menschen hin. Sie ging zu der geschwungenen Treppe, die ins obere Stockwerk führte, und rief noch einmal. »Ilona! Sind Sie da?«
Dieser Gestank. Dieser grässliche Gestank. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nicht so erbärmlich gestunken. Selbstekel krampfte ihr den Magen zusammen. Sie spürte, wie die Übelkeit in ihrem Hals emporstieg. Erika Konrad schlug die Hand vor den Mund.
Sie brauchte dringend eine Dusche. Brauchte dringend einen Cognac.
Hilflos stolperte sie durch den Flur, an dessen Ende das Wohnzimmer lag.
Wäre sie weniger verwirrt gewesen, hätte sie sich möglicherweise gefragt, wieso der grässliche Gestank, der sie vor sich selbst hertrieb, immer stärker wurde, je näher sie dem Wohnzimmer kam. Und hätte sie sich das gefragt, hätte sie möglicherweise gezögert, die Tür zu öffnen.
»Herei-hein.« Kyra versuchte, sich auf dem Bürostuhl umzudrehen, ohne die Beine vom Schreibtisch zu nehmen. Aus dem Kassettenrecorder plärrte es in ungeschnittener Härte: »Sammie, ick warn dir. Beim nächsten Mal fängste eine.« »Jessas, was ist denn bei dir los?«
Kyra grinste den kleinen Mann mit dem grauen Vollbart und der dunklen Hornbrille, der seinen Kopf vorsichtig zur Tür hereinsteckte, freundlich an. »Tja. Kann eben nich jeder uffe Arbeit Mozart hören.«
Franz Pawlak war der lokale Musikredakteur beim Berliner Morgen. Fast drei Jahre lang hatten sie Tür an Tür im Feuilleton gearbeitet. Kyras selbstgewählten Wechsel ins Mord- und Totschlag-Ressort hatte er noch immer nicht verkraftet.