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REPORT 01/2010 Vertikale und horizontale Durchlässigkeit im System lebenslangen Lernens - Zeitschrift für Weiterbildungsforschung
Bildung für die Wirtschaftskultur. Eine Analyse der bildungspolitischen Ansätze von Europarat und EU im Spannungsfeld von Kultur und Wirtschaftsorientierung (S. 55-56)
Die Europäische Union (EU) und der Europarat spielen für die europäische Bildungspolitik eine wesentliche Rolle. Sowohl die europäische Identität als auch der Europäische Wirtschaftsraum sollen mithilfe von Bildung gestärkt werden. In diesem Text werden die Bildungskonzeptionen von Europarat und EU im Zeitraum 1994-2003 anhand des Gesellschaftsbildes und des Umgangs mit Diversität in Europa und innerhalb einer Gesellschaft untersucht. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Bildungskonzeptionen von Europarat und EU im Spannungsfeld von Kultur- und Wirtschaftsorientierung einzuordnen sind. Beim Europarat, gegründet als zwischenstaatliche Institution zur Sicherung des Friedens, ist eher eine kulturorientierte, bei der EU, gegründet als supranationales Wirtschaftsbündnis, eine wirtschaftsorientierte Sicht auf Bildung festzustellen. Eine Annäherung wird in der sozialpolitischen Funktion von Bildung deutlich. Aufgrund der abnehmenden Bedeutung des Europarats stellt sich die Frage nach der Zukunft der kulturorientierten Perspektive für Bildung in Europa.
1. Bildung in Europa
Würde er Europa noch einmal beginnen, so würde er mit der Kultur anfangen, soll Jean Monnet, einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, gesagt haben (vgl. Berggreen-Merkel 1993, S. 63). Am Anfang der EU stand jedoch ein Wirtschaftsbündnis: die Montanunion. Seit Beginn der Europäischen Integration stellt sich die Frage nach ihrer Erweiterung und Vertiefung. Bemängelt wird die geringe Beteiligung der Bürger/innen am Projekt Europa.
Aus diesem Grund wurde seit Mitte der 1980er Jahre der Ruf nach einer europäischen Dimension im Bildungswesen laut. Andererseits wird an Projekten, die von der europäischen Ebene ausgehen, z.B. am Bologna- Prozess oder an überlegungen zum Einbezug des Bildungsbereichs in das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (General Agreement on Trade in Services, GATS), eine Tendenz zur ökonomisierung von Bildung (vgl. z.B. Schleicher 2000, Lohmann 1999) kritisiert.
In Bezug auf die Frage nach der Positionierung von Bildungskonzeptionen im Spannungsfeld von Kultur- und Wirtschaftsorientierung ist die europäische Ebene also besonders interessant. Die Idee einer Europäischen Integration entstand aus dem Wunsch nach Friedenssicherung innerhalb Europas und wird seit Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgt. Dabei bildeten sich zwei Fraktionen heraus, die unterschiedliche Integrationsmodelle präferierten: Die Unionisten plädierten für gegenseitige Verständigung und Abstimmung ohne die Abgabe nationalstaatlicher Souveränität an ein supranationales Gremium, also - vereinfachend gesprochen - für das Modell eines Staatenbundes.
Die Föderalisten verfolgten hingegen die Idee einer Angleichung spezifischer Politiken und der Abgabe von Souveränität an ein übergeordnetes Gremium im Sinne eines Bundesstaates. Beide Integrationsmodelle sind in europäischen Institutionen verwirklicht, die für die Bildungspolitik von wesentlicher Bedeutung sind: Die bekanntere und heute auch einflussreichere ist die Europäische Union (EU), die das Modell eines Bundesstaats verfolgt. Die weniger bekannte aber, insbesondere durch ihre Abkommen und Projekte im Bildungsbereich trotzdem einflussreiche Institution, die das Modell des Staatenbundes verfolgt, ist der Europarat.
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