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5 Schrecken und Trost – Wenn der Mandelkern aktiv wird (S. 75-76)
Die Gefühle haben eine „Spezialfunktion“ beim Wahrnehmen und Erinnern, die über das Beschriebene hinausgeht. Für diese Funktion spielt der Mandelkern (Amygdala) eine zentrale Rolle, ein besonderer Teil des Limbischen Systems im Gehirn. Der Mandelkern wird aktiv, wenn es um existenziell bedrohliche Erfahrungen geht. Jede Wahrnehmung des Menschen wird nicht nur nach wichtig und unwichtig bewertet und mit früheren Erfahrungen in Verbindung gesetzt, sondern wird darüber hinaus überprüft, ob sie mit etwas existenziell Bedrohlichem in Verbindung stehen kann. Nehmen wir als Beispiel den vorhin erwähnten Rosenstrauß.
Wenn ein Mensch einmal in die Dornen einer Rose gegriffen hat und die Verletzung zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung führte, wird bei jedem Anblick von Rosen und jedem Wahrnehmen eines Rosenduftes die Amygdala dafür sorgen, dass alle Alarmglocken angehen. In dieser Funktion ist die Amygdala auch tätig, wenn zum Beispiel alte Menschen einen Gewitterdonner hören, diese Geräusche als näherkommenden Artilleriebeschuss oder Bombenhagel interpretieren und in Panik geraten.
Es geht nicht darum, ob frühere Erfahrungen in dem Sinne existenziell bedrohlich waren, dass es buchstäblich um Leben und Tod ging, oder dass andere Menschen sie als existenziell bedrohlich einstufen, sondern dass sie als existenziell bedrohlich erlebt wurden.Wesentlich ist, dass unser Organismus über ein Schutzsystem verfügt, dass alle neuen Erfahrungen auf solche möglichen Bedrohungen „abklopft“ und entsprechende Schutzmaßnahmen einleitet (Flucht, Erregung, „Hab-Acht- Stellung“, aggressives Abwehren …). Viele Menschen haben existenziell bedrohliche Erfahrungen gut verdrängt und gut „weggeschlossen“.
Im zunehmenden Alter und vor allem bei zunehmender Demenz werden die Möglichkeiten, solche Erfahrungen zu verdrängen, geringer, sie brechen häufiger auf, der Mandelkern wird in zahlreicheren Situationen aktiv. All dieses verstärkt die ohnehin schon in der Demenz häufig vorhandene Erregung und Unruhe. Auslöser (in der Fachsprache „Trigger“ genannt) für solche Aktivierung über den Mandelkern können unterschiedliche Eindrücke sein:
Frau L. lief rastlos den Flur entlang. Dabei blickte sie immer wieder auf die Uhr. Ein Mitarbeiter kam ihr entgegen – er hatte Frau L. heute schon mehrmals gesehen – und ging wortlos an ihr vorbei. Frau L. blickte auf, als er auf gleicher Höhe war, und fing an zu zittern und zu schimpfen, als er wort- und grußlos vorbeiging. „Ach, das ist doch! Das ist doch!“ Ihre Gesichtsmimik spannte sich an, sie drehte sich abrupt weg, schwankte dadurch ein wenig und ging zitternd und schimpfend weiter. Offenbar hatte sie in ihrem Leben die schlimme und bedrohliche Erfahrung gemacht, von einem wichtigen Menschen ignoriert worden zu sein.
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