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Wo geht's denn hier nach Königsberg? - Wie Kriegstraumata im Alter nachwirken und was dageben hilft
5 Scham und Schuld (S. 71-72)
Ich kenne, solange ich kriegstraumatisierte Menschen begleite, keinen Prozess, in dem nicht Scham- und Schuldgefühle zum Thema wurden. Nie stand dies am Anfang unserer Begegnung, immer brauchte es Zeit der Annäherung und Vertrauen, bis diese Gefühle an- und ausgesprochen werden konnten – und immer war es das erste Mal, dass die Betroffenen diese so belastenden Gefühle in ihrer Tiefe und oft verzweifelten Widersprüchlichkeit teilen konnten. Deswegen sind beide Gefühle es wert, etwas ausführlicher betrachtet zu werden.
Beginnen wir mit der Scham. Ich habe schon erwähnt, dass hunderttausende Frauen und Mädchen während der Kriegs- und Nachkriegszeit vergewaltigt worden sind. Wenn Menschen sexuelle Gewalt erfahren, werden die Grenzen der Intimität gewaltsam durchbrochen und verletzt. Also tritt die Scham auf den Plan. Wir Menschen haben eine natürliche Scham, die wie jedes Gefühl nützlich ist. Sie warnt uns, wenn wir Intimes preisgeben. Sie ist die Wächterin unserer Intimität.
Bei einer Vergewaltigung wird die Wächterrolle außer Kraft gesetzt, gewaltsam durchbrochen. Die Schamgefühle können nicht mehr den Impuls zu Schutz und Abwehr setzen, Verteidigung ist nicht möglich – also bleiben die Schamgefühle wie eine Flut ohne Dämme. „Danach war ich nur noch Scham. Ich habe mich versteckt, bin nur noch nachts aus dem Versteck, wenn niemand mehr unterwegs war. Ich war sicher, dass mir jeder ansah, was geschehen war“, drückt eine Frau ihre Not nach dem traumatischen Ereignis aus. Viele Opfer der sexuellen Gewalt versuchten, sich zu verstecken. Wenn dies irgendwann nicht mehr ging, versteckten sie das traumatische Ereignis, versuchten, sich selbst und der Welt gegenüber die Illusion aufrecht zu erhalten, als sei es nie geschehen.
Doch die Scham blieb. Wir wissen, wie schon erwähnt, aus Untersuchungen über die Erfahrungen von Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, dass zum traumatischen Ereignis nicht nur die Tat selber gehört, sondern auch die Zeit unmittelbar danach. Dies zu betonen ist mir wichtig. Denn wenn die Betroffenen in dieser Zeit Schutz und Halt, Parteilichkeit und Unterstützung erfuhren, dann konnten sie nach einiger Zeit die Folgen des schlimmen Ereignisses als Teil ihrer Lebenswirklichkeit verarbeiten.
Blieben sie jedoch allein, konnten und mussten sie „allein damit fertig werden“, dann entstanden tiefe Spurrillen und die meisten litten ihr Leben lang unter den Folgen. Und wie war es in den Kriegs- und Nachkriegsjahren? Eine andere Frau antwortete auf meine Frage nach der „Zeit danach“:
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