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Äon - Roman

von: Andreas Brandhorst

Heyne, 2010

ISBN: 9783641042301 , 608 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Mehr zum Inhalt

Äon - Roman


 

2
Hamburg
Sebastian saß beim dritten Bier und dem ersten Whisky, von Kopfschmerzen geplagt, als der Typ in der Ecke ausflippte.
Der Kerl schrie seine Begleiterin an – eine Brünette um die dreißig, übertrieben gestylt -, aber leider war die Musik in »Rudis Karussell« so laut, dass Sebastian kein Wort verstand. Sein Instinkt meldete sich und flüsterte ihm zu, dass es hier vielleicht eine interessante Story gab, wenn er aufpasste.
»Gregor ist heute spät dran«, sagte Steffen und kippte den vierten Wodka. Er trank das Zeug wie Wasser. »Aber er kommt bestimmt, glaub mir.«
Gregor, das war ein besserer Laufbursche der Russenmafia, die einen Teil von St. Pauli weiter im Süden kontrollierte. Kein großes Licht beim Iwan, eher eine kleine Laterne in einer abgelegenen Seitengasse. Aber Sebastian hatte seine Quellen und wusste, dass in dieser Nacht bei den Landungsbrücken irgendein Ding steigen sollte. Möglich war alles, von Drogen aus Kolumbien oder dem Iran bis hin zu Waffengeschäften mit Afrika, und Sebastian hatte sich extra eine Digitalkamera ausgeliehen, mit der man auch Infrarotaufnahmen machen konnte.
»Was tut der Bursche da?«, fragte er.
»Welcher Bursche?«
»Dort hinten in der Ecke. Neben Madame Was-bin-ichschön.«
Steffen sah am Karussell mit den Go-go-Girls vorbei, das sich neben der Tanzfläche drehte. Sechs oder sieben Meter trennten sie von dem Kerl in der Ecke, aber Sebastian sah deutlich die Sehnen an seinem Hals, und das Gesicht war rot angelaufen.
»Streitet mit seiner Freundin«, sagte Steffen und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie ihm das Hemd falsch gebügelt.«
»Sie scheint mir nicht der Bügeltyp zu sein. Sieh dir den Kerl nur an. Steht wie unter Strom. Kennst du ihn?«
Steffen sah noch einmal hin. »Nie gesehen. Ein Normalo, wenn du mich fragst. Hat sich mit Pretty Woman hierher verirrt.« Sein Blick kehrte zum Eingang zurück, auf der Suche nach Gregor.
Steffen konnte andere Menschen gut einschätzen; er verstand es fast immer, sie den richtigen Kategorien zuzuordnen. Aber er legte dabei seine eigenen Maßstäbe an, und die unterschieden sich von denen Sebastians. Der Mann in der Ecke – Mitte dreißig, gepflegt, gut gekleidet – war tatsächlich ein »Normalo«, wie Steffen alle nannte, die nichts mit Drogen und Prostitution zu tun hatten, aber er war keineswegs normal. Ob er wirklich unter Strom stand, wusste Sebastian nicht zu sagen – er konnte sich was reingezogen haben, bevor er ins Karussell gekommen war. Aber am Alkohol lag es nicht. Auf dem Tisch standen nur zwei Martini-Gläser, und mehr hatte der Kellner nicht gebracht. Sebastian achtete auf solche Dinge; vielleicht lag es daran, dass die Kellner bei ihm immer mehr Arbeit hatten.
»Ich verstehe das nicht«, sagte Steffen. »Sonst ist Gregor immer pünktlich. Er wollte um zehn hier sein.« Er drehte den kahlen Kopf mit dem Drachen-Tattoo und sah Sebastian an. »Nur zeigen, Kumpel, mehr nicht. Ein persönlicher Gefallen. Wegen der guten alten Zeiten.«
»Und wegen der zweihundert, die ich dir gegeben habe.«
»Nur zeigen«, wiederholte Steffen und hob sein leeres Wodkaglas, als ein Kellner vorbeikam. »Ich zeige dir, wer Gregor ist, und ich nenne dir den Ort. Der Rest liegt bei dir. Bau keine Scheiße, Bastian. Wir wollen hier keinen Ärger. Und die Russen verstehen keinen Spaß, denk dran.«
Sebastian beobachtete noch immer das Pärchen in der Ecke. »Sag mal … Irre ich mich, oder hat der Bursche wirklich ein Messer in der Hand?«
Das weckte Steffens Aufmerksamkeit. »Ich kümmere mich darum«, sagte er drei Sekunden später und stand auf. »Bin gleich wieder da.« Wieselflink huschte er durch die Lücken zwischen den Tischen und an den Tanzenden vorbei, verschwand dann hinter der Theke.
Sebastian trank einen Schluck Whisky und spülte mit Bier nach, während er weiterhin den Ecktisch im Auge behielt. Die Frau wirkte nicht nur eingeschüchtert, sondern auch verblüfft vom Verhalten ihres Begleiters; der hatte gerade telefoniert und sich anschließend merkwürdig verändert verhalten. Wieder das Blitzen in der linken Hand unterm Tisch – ja, der Kerl hatte tatsächlich ein Messer. Wollte er Jack the Ripper spielen?
Ausgerastete Typen gab es genug. Man brauchte in Hamburg nur zu bestimmten Zeiten durch bestimmte Straßen zu gehen, und man sah sie massenweise. Aber irgendetwas sagte Sebastian, dass der Fall bei diesem Mann anders lag.
Steffen erschien wieder, in Begleitung von zwei Rausschmeißern. Seriös und würdevoll gingen sie zum Ecktisch und sprachen dort den Mann an, der sehr überrascht war, als er sich plötzlich zwei Muskelpaketen in dunklen Anzügen gegenübersah. Einer von ihnen griff nach dem linken Arm mit dem Messer; der andere legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte zu. Sebastian beobachtete, wie Steffen einige Worte an den Burschen richtete; im Gesicht der Frau rangen Erleichterung und Sorge miteinander. Dann sah sie das Messer, riss die Augen auf und wich zurück.
Die Musik wurde lauter, und der DJ rief etwas ins Mikro. Die Leute auf der Tanzfläche bewegten sich noch hektischer im bunten Lampenlicht, das im Takt der harten Techno-Klänge flackerte. Sebastian hob die Hände zu den Schläfen, als die Kopfschmerzen stärker wurden. Diesmal richtete der Alkohol nichts gegen sie aus.
Die beiden Gorillas nahmen dem Typen diskret das Messer ab, zogen ihn dann auf die Beine und eskortierten ihn in Richtung Ausgang. Pretty Woman blieb am Tisch sitzen und starrte ihnen nach.
Den anderen Leuten im Karussell fiel nichts auf. Sie tranken und tanzten, knutschten und koksten, und niemand von ihnen ahnte, dass es fast zu einer Tragödie gekommen wäre. Nur Sebastians Blick folgte dem Trio und natürlich der der Frau.
Er rieb sich erneut die Schläfen, als das stechende Pochen im Kopf stärker wurde, leerte das Whiskyglas und stand auf. Ein Gefühl veranlasste ihn, den beiden Rausschmeißern und ihrem Klienten zu folgen – diese Sache war noch nicht beendet.
Steffen stand neben der Tanzfläche und warf Sebastian einen fragenden Blick zu. Der deutete auf den verhinderten Ripper und gab ihm dann mit einer Geste zu verstehen, dass er die Rechnung später begleichen würde. Steffen hob kurz die Hände: Wie du willst, Kumpel, aber die zweihundert Mäuse kriegst du nicht zurück.
Draußen regnete es, und der nasse Asphalt glänzte im Licht der Straßenlampen. Die beiden Muskelmänner gaben dem Burschen zwischen ihnen einen Stoß, der ihn in eine Pfütze taumeln ließ. Einer richtete einen warnenden Zeigefinger auf ihn, und dann drehten sich die beiden Men in Black um und kehrten ins Karussell zurück.
Sebastian blieb neben dem Eingang stehen und fragte sich, warum er den Platz im Warmen, bei Bier und Whisky, verlassen hatte. Gregor, die Russenmafia und das Ding bei den Landungsbrücken versprachen eine interessante Story, die sich gut bei Kesslers Zack! unterbringen ließ, am besten mit einigen Fotos von Blut und Gewalt. Dieser namenlose Typ hingegen, der in der Pfütze stand und wie ein Betrunkener schwankte … Welche Geschichte hatte er anzubieten, abgesehen von seinem vermasselten Ripper-Auftritt?
Der Mann drehte sich langsam um, blieb in der Pfütze stehen und sah Sebastian an. Sein Gesicht war seltsam leer, aber in den Augen, ganz tief in ihnen, brannte etwas, das Sebastian schaudern ließ. Dieser Bursche, so begriff er, war nicht nur ausgeflippt, sondern vollkommen über der Kippe – selbst ein Wahnsinniger hätte ihn für irre gehalten.
Einige Sekunden verharrte der Mann wie erstarrt, den feurigen Blick auf Sebastian gerichtet. Dann wandte er sich abrupt ab, ging zu einem in der Nähe stehenden Wagen, einem Japaner, öffnete ihn mit der Fernbedienung und stieg ein. Als wenige Sekunden später der Motor aufheulte, lief Sebastian bereits zum nahen Taxistand und sprang ganz vorn auf den Beifahrersitz eines Opel Vectra. Im gleichen Augenblick rauschte ein dunkler Toyota vorbei.
»Folgen Sie dem Wagen«, sagte Sebastian.
»Zu viele Krimis gesehen, wie?«, scherzte der Fahrer, startete den Motor und legte den ersten Gang ein.
»Im Ernst.« Sebastian zeigte durch die Windschutzscheibe in Hamburgs kalte, verregnete Nacht. Der Japaner hatte bereits die Kreuzung erreicht und bog dort nach links ab, ohne Blinker und ohne auf den Gegenverkehr zu achten. »Folgen Sie dem Wagen, na los.«
Sebastian holte einen Fünfziger hervor – der Abend wurde teuer -, und der Fahrer gab Gas.
Als sie die Kreuzung erreichten und dort ebenfalls nach links abbogen, setzte der Japaner gerade zurück und ließ einen halb demolierten Ford Focus am Straßenrand stehen. Ripper gab Gas und fegte wieder los.
»Hören Sie, ich möchte keinen Ärger«, sagte der Taxifahrer und warf Sebastian einen skeptischen Blick zu.
Sebastian legte den Fünfziger auf die Mittelkonsole. »Sie kriegen keinen Ärger, sondern fünfzig Euro und Abwechslung. Was wäre das Leben ohne ein wenig Aufregung?«
Die Fahrt ging nach Süden, in Richtung Altona und St. Pauli, und wie sich herausstellte, war der Taxifahrer kein zweiter Michael Schumacher. Er hatte alle Mühe, dem Irren im Toyota zu folgen, erst recht, als der Verkehr dichter wurde. Eigentlich verlor er ihn nur deshalb nicht aus den Augen, weil der Typ auf der regennassen Fahrbahn mehrmals ins Schleudern geriet und gegen...