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Boston Common
12. OKTOBER 1713, 10:33:52 UHR
Enoch biegt gerade in dem Moment um die Ecke, als der Henker die Schlinge über den Kopf der Hexe hebt. Und die Menge auf dem Common hört genau so lange auf zu beten und zu schluchzen, wie Jack Ketch mit durchgedrückten Ellbogen dasteht, beinahe wie ein Zimmermann, der einen Firstbalken an seinen Platz hievt. Die Schlinge fasst ein Oval blauen New-England-Himmels ein. Die Puritaner starren sie an und machen sich, wie es scheint, Gedanken. Enoch der Rote zügelt sein Pferd, als es sich den Ausläufern der Menge nähert, und sieht, dass der Henker nicht etwa die Absicht hat, ihnen seine Knüpfkunst vorzuführen, sondern vielmehr ihnen allen einen kurzen - für einen Puritaner durchaus verlockenden - Blick auf das Portal zu gewähren, das sie alle eines Tages werden durchschreiten müssen.
Boston ist ein Klecks von Hügeln in einem Löffel voller Sümpfe. Der Weg, der sich von hier aus den Löffelstiel hinaufzieht, wird zunächst von einer Mauer versperrt, außerhalb derer der übliche Galgen steht, und am Stadttor sind Opfer, oder Teile von ihnen, aufgeknüpft oder angenagelt. Enoch ist auf diesem Weg gekommen und hatte geglaubt, dass er dergleichen nun nicht mehr würde sehen müssen - und es hinfort nur noch Kirchen und Schänken gäbe. Aber die Toten draußen vor dem Tor waren gemeine Räuber, hingerichtet wegen irdischer Verbrechen. Was hier auf dem Platz passiert, hat eher etwas Sakramentales.
Die Schlinge liegt wie eine Krone auf dem grauen Kopf der Hexe. Der Henker streift sie ihr über. Ihr Kopf dehnt sie wie der eines Kindes den Geburtskanal. Als die weiteste Stelle erreicht ist, fällt ihr die Schlinge plötzlich auf die Schultern. Die Knie der Frau beulen ihre Schürze vorne aus, und ihre Röcke schieben sich, als sie zusammenzubrechen droht, auf dem Gerüst ineinander. Um sie aufrecht zu halten, umfängt der Henker sie mit einem Arm wie ein Tanzlehrer und schiebt dabei den Knoten zurecht, während ein Gerichtsschreiber das Todesurteil verliest. Es klingt so nichts sagend wie ein Pachtvertrag. Die Menge scharrt ungeduldig mit den Füßen. Das ablenkende Beiwerk einer Hinrichtung in London gibt es hier nicht: keine Pfiffe und Buhrufe, keine Jongleure oder Taschendiebe. Unten am anderen Ende des Platzes exerziert eine Schwadron Infanteristen und marschiert rund um den Fuß eines kleinen Hügels, auf dessen Kuppe ein steinerner Pulverturm aufragt. Ein irischer Sergeant kommandiert - gelangweilt, aber auch empört - mit einer Stimme, die vom Wind ewig weit getragen wird wie der Geruch von Rauch.
Enoch ist nicht hergekommen, um Hinrichtungen von Hexen beizuwohnen, doch jetzt, wo er in eine hineingeraten ist, wäre es ungehörig, einfach wieder zu gehen. Es ertönt ein Trommelwirbel, dem eine plötzliche ungute Stille folgt.Was Hinrichtungen angeht, hat er schon wesentlich Schlimmeres erlebt - es gibt kein Strampeln oder Sichwinden, keine reißenden Stricke oder sich lösende Knoten - alles in allem eine ungewöhnlich fachmännische Arbeit.
Im Grunde hatte er nicht gewusst, was er von Amerika zu erwarten hatte. Aber die Leute hier scheinen alles - Hinrichtungen eingeschlossen - mit einer unverblümten, nüchternen Zielstrebigkeit zu erledigen, die bewundernswert und enttäuschend zugleich ist. Wie springende Fische machen sie sich mit einer blutleeren Leichtigkeit an schwierige Aufgaben. Als wüssten sie alle von Geburt an Dinge, die sich andere, zusammen mit Märchen und Aberglauben, erst von ihren Familien und Dörfern aneignen müssen. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten von ihnen auf Schiffen herübergekommen sind.
Als sie die schlaffe Hexe vom Galgen schneiden, fegt ein böiger Nordwind über den Platz. Auf Sir Isaac Newtons Temperaturskala, wo der Gefrierpunkt bei null und die Wärme des menschlichen Körpers bei zwölf liegt, ist es jetzt vermutlich vier oder fünf. Wenn Herr Fahrenheit mit einem seiner neuen, aus einer verschlossenen Röhre mit Quecksilber bestehenden Thermometer hier wäre, würde er wahrscheinlich eine Temperatur um die fünfzig feststellen. Aber diese Art von Herbstwind, der aus dem Norden kommt, ist eisiger, als es irgendein bloßes Instrument anzeigen kann. Dieser Wind erinnert jeden hier daran, dass man, wenn man nicht in ein paar Monaten tot sein will, schleunigst Feuerholz stapeln und Ritzen abdichten muss. Auch von einem heiseren Prediger am Fuße des Galgens wird der Wind wahrgenommen; er hält ihn für Satan persönlich, der gekommen ist, die Seele der Hexe in die Hölle zu befördern, und verkündet diese Meinung auch unverzüglich der Schar seiner Anhänger. Während er spricht, starrt der Prediger Enoch unverwandt an.
Enoch verspürt die erhöhte, nervenaufreibende Anspannung, die ein Vorläufer der Furcht ist. Was sollte sie daran hindern, ihn wegen Hexerei zu hängen?
Was für ein Bild gibt er für diese Leute wohl ab? Ein Mann von undefinierbarem Alter, aber offensichtlich großer Lebenserfahrung, silbernes Haar, das ihm in einem Zopf den Rücken herabfällt, kupferroter Bart, blassgraue Augen und eine Haut, die wettergegerbt und narbig ist wie die rindslederne Schürze eines Schmieds. Gekleidet in einen langen Reiseumhang, hat er am Sattel eines bemerkenswert schönen Rappen einen Wanderstab und ein altmodisches Rapier festgeschnallt. In seinem Gürtel zwei Pistolen, so auffällig, dass Indianer, Wegelagerer und französische Marodeure, die im Hinterhalt lauern, sie deutlich sehen können (er würde sie gerne den Blicken entziehen, aber jetzt nach ihnen zu greifen erscheint nicht ratsam). Satteltaschen (sollten sie durchsucht werden) voller Instrumente, Flakons mit Quecksilber und noch seltsameren Inhalten - manche davon, wie sie erfahren würden, ziemlich gefährlich -, Bücher in Hebräisch, Griechisch und Latein, die übersät sind mit den geheimnisvollen Symbolen der Alchimisten und Kabbalisten. In Boston könnte es schlecht für ihn ausgehen.
Doch die Menge versteht das Eifern des Predigers nicht als Ruf zu den Waffen, sondern als Signal, sich unter allgemeinem Gemurmel abzuwenden und zu zerstreuen. Die Rotröcke feuern mit einem tiefen Zischen und Donnern, wie wenn Hände voll Sand auf eine Kesselpauke geschleudert werden, ihre Musketen ab. Inmitten der Kolonisten steigt Enoch vom Pferd. Er wirft sich den Umhang über die Schulter, verbirgt auf diese Weise die Pistolen, zieht sich die Kapuze vom Kopf und gleicht so einfach einem weiteren müden Pilger. Er vermeidet es, irgendjemanden direkt anzuschauen, lässt aber aus den Augenwinkeln seinen Blick über ihre Gesichter huschen und wundert sich, nicht mehr Selbstgerechtigkeit darin zu entdecken.
»So Gott will«, sagt ein Mann, »war das die Letzte.«
»Meint Ihr, die letzte Hexe, Sir?«, fragt Enoch.
»Die letzte Hinrichtung meine ich, Sir.«
Wie Wasser den Fuß steiler Hügel umfließt, überqueren sie einen
Friedhof am südlichen Rand des Common, der schon voll ist mit verstorbenen Engländern, und folgen dem Leichnam der Hexe die Straße hinunter. Die Häuser bestehen zum größten Teil aus Holz, ebenso die Kirchen. Die Spanier hätten hier eine einzige große Kathedrale aus Stein erbaut, mit Goldverzierungen im Innern, aber die Kolonisten können sich auf nichts einigen, sodass man sich eher wie in Amsterdam vorkommt: kleine Kirchen in jedem Häusergeviert, manche davon kaum von Scheunen zu unterscheiden, in denen ganz sicher gepredigt wird, dass alle anderen in die Irre gehen. Immerhin können sie einen Konsens darüber erzielen, eine Hexe zu töten. Sie wird zu einem neuen Friedhof gebracht, den sie aus irgendeinem Grund unmittelbar neben dem Kornspeicher angelegt haben. Es fällt Enoch schwer zu entscheiden, ob dieses Zusammentreffen - dass sie ihre Toten und ihr wichtigstes Nahrungsmittel am selben Ort aufbewahren - eine Art Botschaft der Stadtältesten oder einfach nur geschmacklos ist.
Enoch, der mehr als eine Stadt hat brennen sehen, erkennt entlang der Hauptstraße die Narben einer großen Feuersbrunst. Man ist dabei, Häuser und Kirchen aus Ziegeln oder Steinen wieder aufzubauen. Er gelangt an die vermutlich größte Kreuzung in der Stadt, wo die vom Stadttor kommende Straße eine andere, sehr breite kreuzt, die geradewegs zum Meer führt und in einen langen Kai mündet, der weit in den Hafen hinausragt und einen zerfallenen Wall aus Steinen und Baumstämmen quert: die Überreste eines nicht mehr benutzten Deichs. Der lange Kai ist von Baracken gesäumt. Er reicht so weit ins Hafenbecken hinaus, dass eins der allergrößten Kriegsschiffe der Navy an seinem Ende anlegen kann.Wenn er den Kopf in die andere Richtung dreht, sieht er, dass an einem Hang Artillerie in Stellung gegangen ist und blau berockte Kanoniere einen fassartigen Mörser bedienen, bereit, eiserne Bomben in hohem Bogen auf das Deck einer jeden französischen oder spanischen Galeone zu werfen, die sich unbefugt in die Bucht wagt.
Indem er nun im Geist eine Linie von den toten Verbrechern am Stadttor zum Pulverturm auf dem Common, zum Hexengalgen und schließlich zu den Verteidigungsanlagen am Hafen zieht, entsteht das Bild einer kartesischen Zahlengeraden - der Ordinate bei Leibniz: Er versteht, wovor die Leute in Boston Angst haben und wie die Kirchenmänner und Generäle den Ort unter der Knute halten. Allerdings bleibt abzuwarten, was in den Raum oberhalb und unterhalb davon eingezeichnet werden kann. Die Hügel von Boston sind von endlosen flachen Sümpfen umgeben, die sich, gemächlich wie die Dämmerung, im Hafen oder im Fluss verlieren und unbebaute Flächen frei lassen, auf denen Männer mit Schnüren und Linealen die sonderbarsten Kurven konstruieren können, die ihnen in den Sinn kommen mögen.
Enoch weiß, wo der Ursprung dieses Koordinatensystems zu finden ist, denn er hat mit Handelskapitänen gesprochen, die Boston kennen. Er geht hinunter an die Stelle, wo der lange Kai sich am Ufer festhält. Zwischen den feinen Steinhäusern der Seekaufleute gibt es eine ziegelrote Tür, über der eine Weinrebe baumelt. Enoch tritt durch diese Tür und befindet sich in einer ordentlichen Schänke. Männer mit Degen und teurer Kleidung drehen sich zu ihm um. Sklavenhändler, Männer, die mit Rum, Melasse, Tee und Tabak Handel treiben, und die Kapitäne der Schiffe, die diese Waren transportieren. Es könnte an jedem beliebigen Ort auf der Welt sein, denn dieselbe Schänke gibt es in London, Cadiz, Smyrna und Manila, und es verkehren dieselben Männer darin. Keinen von ihnen kümmert es, sofern sie überhaupt davon wissen, dass nur fünf Gehminuten entfernt Hexen aufgehängt werden. Hier drinnen fühlt sich Enoch viel wohler als dort draußen; aber er ist nicht hergekommen, um sich wohl zu fühlen. Der Schiffskapitän, den er sucht - van Hoek - ist nicht da. Bevor der Schankwirt ihn in Versuchung führen kann, geht er rückwärts wieder hinaus.
Wieder in Amerika und unter Puritanern, bewegt er sich durch schmalere Gassen nordwärts und führt sein Pferd auf einer wackligen Holzbrücke über einen kleinen Mühlbach. Flottillen von Holzspänen vom Hobel irgendeines Zimmermanns segeln wie Schiffe, die in den Krieg ziehen, den Wasserlauf abwärts. Darunter schiebt die schwache Strömung Exkremente und Teile von geschlachteten Tieren zum Hafen hinunter. Es riecht entsprechend. Kein Zweifel, nicht weit in Windrichtung gibt es eine Seifensiederei, in der nicht zum Verzehr geeignetes Tierfett zu Kerzen und Seife verarbeitet wird.
»Seid Ihr aus Europa gekommen?«
Er hat gespürt, dass jemand ihm folgte, jedoch, wenn er sich umschaute, nie etwas gesehen. Jetzt weiß er warum: Sein Beschatter ist ein Knabe, der sich wie ein Tropfen Quecksilber bewegt, den man niemals zu fassen bekommt. Zehn Jahre alt, schätzt Enoch. Dann fällt dem Knaben ein zu lächeln, und seine Lippen teilen sich. Sein Zahnfleisch trägt die Stümpfe bleibender Zähne, die sich in rosafarbene Lücken schieben, und Milchzähne, die wie Tavernenschilder an Hautscharnieren baumeln. Er dürfte eher um die acht sein. Doch dank Mais und Dorsch ist er groß für sein Alter - jedenfalls nach Londoner Maßstäben. Und bis auf seine Umgangsformen ist er in jeder Hinsicht frühreif.
Enoch könnte antworten: Ja, ich komme aus Europa, wo ein Junge einen alten Mann, wenn überhaupt, mit Sir anredet. Stattdessen bleibt er an der eigenartigen Nomenklatur hängen. »Europa«, wiederholt er, »nennt ihr es hier so? Dort sagen die meisten Leute Christenheit.«
»Aber wir haben hier doch auch Christen.«
»Du meinst also, das hier sei die Christenheit«, sagt Enoch, »aber wie du siehst, bin ich von woandersher gekommen. Vielleicht ist Europa tatsächlich der bessere Ausdruck, wenn ich es mir recht überlege. Hmm.«
»Wie nennen es denn andere Leute?«
»Erscheine ich dir etwa wie ein Schulmeister?«
»Nein, aber Ihr sprecht wie einer.«
»Du verstehst etwas von Schulmeistern, wie?«
»Ja, Sir«, antwortet der Junge und zögert ein wenig, als er merkt, dass die Klemmbacken der Falle auf sein Bein zuschwingen.
»Andererseits ist jetzt heller Montag
»Es war niemand da, wegen der Hinrichtung. Ich wollte nicht bleiben und^«
»Und was?«
»^ noch mehr Vorsprung vor den anderen gewinnen, als ich bereits habe.«
»Wenn du einen Vorsprung hast, solltest du dich daran gewöhnen - und nicht einen Dummkopf aus dir machen. Komm, du gehörst in die Schule.«
»Schule ist da, wo man lernt«, erwidert der Junge. »Wenn Ihr so gut wäret, meine Frage zu beantworten, Sir, dann würde ich doch etwas lernen, und das würde bedeuten, ich wäre in der Schule.«
Der Junge ist offensichtlich gefährlich. Deshalb beschließt Enoch, den Vorschlag anzunehmen. »Du kannst Mr. Root zu mir sagen. Und du bist?«
»Ben. Sohn von Josiah. Dem Seifensieder. Warum lacht Ihr, Mr. Root?«
»Weil in den meisten Gegenden der Christenheit - oder Europas - die Söhne von Seifensiedern nicht zur Schule gehen. Das ist eine Besonderheit von deinem Volk.« Enoch wäre fast das Wort Puritaner
herausgerutscht. Zu Hause in England, wo die Puritaner als Reminiszenz an ein vergangenes Zeitalter oder schlimmstenfalls als Plage an den Straßenecken gelten, dient der Begriff dazu, sich über die Hinterwäldler der Massachusetts Bay Colony lustig zu machen. Doch wie er hier immer wieder erkennen muss, ist die Wahrheit viel komplexer. In einem Kaffeehaus in London kann man munter über den Islam und die Muselmanen plaudern; aber in Kairo haben solche Begriffe keine Gültigkeit. Hier ist Enoch im Kairo der Puritaner. »Ich werde deine Frage beantworten«, sagt Enoch, bevor Ben ihm noch mit etwas anderem kommen kann. »Wie nennen die Menschen in anderen Teilen der Welt die Gegend, aus der ich komme? Nun, der Islam - eine größere, reichere und in fast jeder Hinsicht höher entwickelte Kultur, die die Christen Europas im Osten und im Süden einschließt - teilt die ganze Welt in nur drei Teile: den ihren, den sie Dar al-Islam nennen; den Teil, dem sie freundlich gesonnen sind und der Dar as-Sulh oder Haus des Friedens heißt; und alles Übrige, genannt Dar al-harb oder Haus des Krieges. Letzteres ist, das muss ich leider sagen, ein viel passenderer Name als Christenheit für den Teil der Welt, in dem die meisten Christen leben.«
»Ich weiß über den Krieg Bescheid«, sagt Ben gelassen. »Er geht zu Ende. In Utrecht ist ein Friedensvertrag unterzeichnet worden. Frankreich bekommt Spanien. Österreich bekommt die Spanischen Niederlande. Wir bekommen Gibraltar, Neufundland, St. Kitts und^«, er senkt die Stimme, »^ den Sklavenhandel.«
»Ja - das Asiento.«
»Pst! Hier gibt es einige, die dagegen sind, Sir, und die sind gefährlich.«
»Habt ihr denn Barkers hier?«
»Ja, Sir.«
Jetzt betrachtet Enoch aufmerksam das Gesicht des Jungen, denn der Bursche, nach dem er sucht, ist eine Art Barker, und es wäre hilfreich zu wissen, welchen Ruf sie hier unter ihren weniger wahnsinnigen Glaubensbrüdern besitzen. Ben wirkt eher vorsichtig als herablassend.
»Aber du sprichst nur von einem Krieg
»Dem Spanischen Erbfolgekrieg«, sagt Ben, »dessen Ursache der Tod Carlos' II. in Madrid war.«
»Ich würde sagen, der Tod dieses armseligen Mannes war der Vorwand, nicht die Ursache«, widerspricht Enoch. »Der Spanische Erbfolgekrieg war nur der zweite und hoffentlich letzte Teil eines großen Krieges, der vor einem Vierteljahrhundert begann, zur Zeit der
»Glorreichen Revolution!«
»Wie manche sie nennen. Du hast gut aufgepasst, Ben, und ich muss dich loben. Vielleicht weißt du auch, dass bei dieser Revolution der König von England - ein Katholik - vor die Tür gesetzt und durch einen protestantischen König nebst Königin ersetzt wurde.«
»William und Mary!«
»Sehr richtig. Aber ist es dir eigentlich schon einmal in den Sinn gekommen, dich zu fragen, warum Protestanten und Katholiken sich überhaupt bekriegt haben?«
»Bei uns im Unterricht sprechen wir öfter über Kriege unter Protestanten.«
»Ja, richtig - eine auf England beschränkte Erscheinung. Das liegt auch nahe, da doch deine Eltern wegen eines solchen Konflikts hierher kamen.«
»Der Bürgerkrieg«, sagt Ben.
»Eure Partei hat den Bürgerkrieg gewonnen«, erinnert Enoch ihn, »aber dann kam es zur Restauration, die eine schwere Niederlage für deine Leute war und sie in Scharen hierher trieb.«
»Ins Schwarze getroffen, Mr. Root«, sagt Ben, »genau deshalb hat mein Vater Josiah England verlassen.«
»Und deine Mutter?«
»In Nantucket geboren, Sir. Aber ihr Vater ist hierher gekommen, um einem bösen Bischof zu entgehen - der sehr laut gewesen sein soll, jedenfalls habe ich das gehört -«
»So habe ich dich endlich doch bei einer Wissenslücke ertappt, Ben. Du sprichst von Erzbischof Laud - unter Charles I. ein schrecklicher Unterdrücker der Puritaner, wie manche deine Leute nennen. Die Puritaner haben es ihm heimgezahlt, indem sie dem nämlichen Charles in Charing Cross im Jahre des Herrn 1749 den Kopf abschlugen.«
»Cromwell«, sagt Ben.
»Cromwell. Ja. Der hatte damit zu tun. Alsdann, Ben. Wir stehen schon geraume Weile an diesem Mühlbach. Mir wird kalt. Mein Pferd ist unruhig. Wir haben, wie ich schon sagte, festgestellt, an welcher Stelle deine Gelehrsamkeit der Unwissenheit Platz macht. Ich werde mich gern an meinen Teil unserer Vereinbarung halten - das heißt, dir einiges beibringen, sodass du, wenn du heute Abend nach Hause kommst,
Josiah gegenüber behaupten kannst, du seist den ganzen Tag in der Schule gewesen. Obgleich ihm der Schulmeister vielleicht einen Bericht liefert, der dem deinen widerspricht. Ich verlange jedoch eine kleine Gegenleistung dafür.«
»Nennt sie nur, Mr. Root.«
»Ich bin nach Boston gekommen, um einen bestimmten Mann ausfindig zu machen, der nach letzten Berichten hier leben soll. Es ist ein alter Mann.«
»Älter als Ihr?«
»Nein, aber er wirkt vielleicht älter.«
»Wie alt ist er denn?«
»Er war dabei, als man König Charles I. den Kopf abschlug.«
»Also mindestens vierundsechzig.«
»Aha, wie ich sehe, hast du Addieren und Subtrahieren gelernt.«
»Und Multiplizieren und Dividieren, Mr. Root.«
»Dann beziehe Folgendes in deine Rechnung ein: Der, den ich suche, konnte die Enthauptung sehr gut mitverfolgen, weil er auf den Schultern seines Vaters saß.«
»Kann damals also nicht mehr als ein paar Jahre alt gewesen sein. Oder sein Vater war wirklich stark.«
»In gewisser Weise war er das tatsächlich«, sagt Enoch, »denn Erzbischof Laud hatte zwei Jahrzehnte zuvor in der Sternenkammer dafür gesorgt, dass man ihm Ohren und Nase abschnitt, und dennoch ließ er sich nicht einschüchtern, sondern setzte seine aufrührerischen Reden gegen den König fort. Gegen alle Könige.«
»Er war ein Barker.« Auch diesmal zeigt sich bei dem Wort kein Anzeichen von Verachtung in Bens Gesicht. Verblüffend, wie sehr sich diese Stadt von London unterscheidet.
»Aber um deine Frage zu beantworten, Ben: Drake war nicht besonders groß oder kräftig.«
»Also war der Sohn auf seinen Schultern klein. Mittlerweile müsste er vielleicht achtundsechzig sein. Aber ich kenne hier keinen Mr. Drake.«
»Drake war der Taufname des Vaters.«
»Und wie, bitte schön, heißt die Familie?«
»Das werde ich dir vorläufig nicht verraten«, sagt Enoch. Denn der Mann, den er ausfindig machen will, könnte bei den Menschen hier in sehr schlechtem Leumund stehen - könnte womöglich schon auf dem Boston Common gehenkt worden sein.
»Wie kann ich Euch helfen, ihn zu finden, Sir, wenn Ihr mir seinen Namen nicht sagt?«
»Indem du mich zur Fähre nach Charlestown führst«, sagt Enoch, »denn ich weiß, dass er seine Tage auf der Nordseite des Charles River zubringt.«
»Folgt mir«, sagt Ben, »aber ich hoffe, Ihr habt Silber.«
»O ja, Silber habe ich«, sagt Enoch.
Sie umgehen einen Zipfel Land am Nordende der Stadt. Landungsstege, kleiner und älter als der große Kai, ragen ins Wasser. Steuerbords von Enoch verbinden sich Segel und Takelwerk, Spieren und Masten zu einem riesigen, unüberschaubaren Gewirr, wie es Buchstaben auf einer Seite für einen des Lesens unkundigen Bauern sein müssen. Enoch sieht weder van Hoek noch die Minerva. Er wird, so befürchtet er allmählich, in Schänken gehen und Nachforschungen anstellen müssen, wird Zeit aufwenden müssen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Ben führt ihn direkt zu dem Landungssteg, an dem, zum Ablegen bereit, die Fähre nach Charlestown liegt. Sie ist mit Zuschauern der Hinrichtung überfüllt, und Enoch muss dem Fergen mehr bezahlen, damit er das Pferd an Bord bringen darf. Er öffnet seine Börse und lugt hinein. In unterschiedlichem Maße abgegriffen, abgestoßen und lädiert, starrt ihm das in Silber geprägte Wappen des Königs von Spanien entgegen. Der Name wechselt, je nachdem, welcher König regierte, als die betreffende Münze geprägt wurde, aber dahinter steht auf allen D.G. HISPAN ET IND REX.Von Gottes Gnaden König von Spanien und der Indien. Die gleiche Prahlerei, die alle Könige auf ihre Münzen prägen.
Diese Worte sind jedem gleichgültig - die meisten können sie ohnehin nicht lesen. Nicht gleichgültig aber ist, dass ein Mann, der in Boston im kalten Wind am Flussufer steht und auf einer von einem Engländer betriebenen Fähre übersetzen will, nicht mit den Münzen bezahlen kann, die Sir Isaac Newton in der Königlichen Münzanstalt beim Tower zu London prägt. Die einzigen Münzen in seinem Beutel sind spanische - die gleichen Münzen, wie sie in diesem Moment in Lima, Manila, Macao, Goa, Bandar Abbas, Mocha, Kairo, Smyrna, Malta, Madrid, den Kanarischen Inseln und Marseille von Hand zu Hand gehen.
Der Mann, der Enoch vor Monaten zu den Docks von London begleitet hat, sagte: »Gold weiß Dinge, die kein Mensch weiß.«
Die Fähre nach Charlestown
Enoch durchwühlt seine Börse, sodass die Münzfragmente durcheinander stieben, und hofft, ein Einzelstück zu erspähen - ein Achtel eines Stückes von Achten oder einen Achter, wie man sie nennt. Aber er weiß bereits, dass er seine Achter größtenteils für diesen und jenen Bedarf unterwegs ausgegeben hat. Das kleinste Stück, das er im Augenblick in seinem Beutel hat, ist eine halbe Münze - vier Achter.
Er blickt die Straße entlang und sieht einen Steinwurf weit entfernt die Esse eines Grobschmieds. Der Schmied könnte ihm mit ein paar raschen Hammerschlägen Kleingeld schaffen.
Der Ferge liest Enochs Gedanken. Er hat nicht in den Beutel hineinschauen können, aber er hat das wuchtige Klingen ganzer Münzen ohne das blecherne Geklirr von Achtern gehört. »Wir legen ab«, sagt er vergnügt.
Enoch kommt zu sich, besinnt sich darauf, was er vorhat, und gibt dem anderen einen silbernen Halbkreis. »Aber der Junge kommt mit mir«, sagt er sehr bestimmt, »und Ihr nehmt ihn wieder mit zurück.«
»Abgemacht«, sagt der Fährmann.
Das ist mehr, als Ben sich erhoffen konnte, und dennoch hat er darauf gehofft. Zwar ist der Junge zu selbstbeherrscht, um es zuzugeben, aber diese Überfahrt bedeutet ihm so viel wie eine Fahrt in die Karibik, um im Spanischen Meer auf Piratenzug zu gehen. Er geht vom Landungssteg auf die Fähre, ohne die Laufplanke zu berühren.
Charlestown liegt weniger als eine Meile entfernt auf der anderen Seite der Mündung eines trägen Flusses. Es besteht aus einem flachen grünen Hügel, gedeckt mit langen, schlanken Heuhaufen und eingefasst von Trockensteinmauern. An dem Boston zugewandten Hang, unterhalb der Hügelkuppe, aber oberhalb der endlosen Tidestreifen und mit Rohrkolben bewachsenen Sümpfe, hat sich eine Stadt gebildet: teils von Geometern angelegt, teils aber auch wie Efeu wuchernd.
Die kräftigen Afrikaner des Fergen schreiten kurze, sich wiederholende Bögen auf Deck ab, während sie mit langen, auf Stiepern befestigten Rudern das schwarze Wasser des Charles Basin schaufeln und pflügen und Systeme von Wirbeln erzeugen, die, umeinander kreiselnd, nach achtern abfallen und schwindende, sich abflachende Kegelschnitte beschreiben, welche Sir Isaac wahrscheinlich im Kopf berechnen könnte. Die Hypothese der Wirbel ist vielerlei Schwierigkeiten ausgesetzt. Der Himmel ist ein verfilztes Netzwerk aus straffer Jute und mit dem Speichenhobel blank geschabten Baumstämmen. Der böige Wind lässt die vor Anker liegenden Schiffe hochschrecken und drängeln wie nervöse Pferde, die fernen Geschützdonner hören. Unregelmäßige Wellen lecken neugierig an den übereinander greifenden Planken ihrer Rümpfe, die von Barfüßigen wimmeln, die Pech und Werg in undichte Nähte streichen. Die Schiffe scheinen hierhin und dahin zu gleiten, während die Bewegung der Fähre mit der Parallaxe spielt. Enoch, der das Glück hat, größer als die meisten Fahrgäste zu sein, reicht Ben die Zügel, drängt sich unter Entschuldigungen zwischen den Mitfahrenden hindurch und versucht, die Schiffsnamen zu lesen.
Das Schiff, nach dem er sucht, erkennt er jedoch schlicht an der unter dem Bugspriet befestigten, geschnitzten Frauengestalt: einer grauäugigen Dame mit goldenem Helm, die den Wellen des Nordatlantiks mit einem Schlangenschild und verständlicher Weise steifen Brustwarzen trotzt. Die Minerva hat noch nicht Anker gelichtet - ein Glück -, aber sie ist schwer beladen und macht ganz den Eindruck, als stünde sie unmittelbar vor dem Auslaufen. Männer schleppen Körbe mit Brotlaiben an Bord, die so frisch sind, dass sie noch dampfen. Enoch wendet sich wieder dem Ufer zu, um an einem mit Muscheln besetzten Pfahl den Gezeitenstand abzulesen, und dreht sich dann in die andere Richtung, um Mondphase und Mondhöhe festzustellen. Die Flut wird bald einsetzen, und die Minerva wird sie wahrscheinlich ausnützen wollen. Enoch erspäht schließlich van Hoek, der auf dem Vorderdeck steht und auf einem Fass irgendwelche Schreibarbeiten erledigt, und bringt ihn durch so etwas wie einen Willensakt aus der Ferne dazu, aufzublicken und ihn auf der Fähre zu bemerken.
Van Hoek sieht zu ihm hin und erstarrt.
Enoch lässt sich äußerlich nichts anmerken, starrt dem anderen aber so lange in die Augen, dass dieser erst gar keinen Gedanken daran verschwendet, auf eine rasche Abfahrt zu drängen.
Ein Kolonist mit schwarzem Hut versucht, sich mit einem der Afrikaner anzufreunden, der nicht viel Englisch spricht - aber das ist kein Hindernis, da der Weiße sich ein paar Worte irgendeiner afrikanischen Sprache beigebracht hat. Der Sklave ist von sehr dunkler Hautfarbe, und das Wappen des Königs von Spanien ist ihm in die linke Schulter eingebrannt, also handelt es sich wahrscheinlich um einen Angolaner. Das Leben ist sehr seltsam mit ihm umgesprungen: von Afrikanern, die wilder sind als er, entführt, in einem Loch in Luanda angekettet, mit einem glühenden Eisen gezeichnet, um anzuzeigen, dass Zoll für ihn bezahlt worden ist, auf ein Schiff verfrachtet und an einen kalten Ort voller bleicher Menschen befördert. Nach alldem würde man
Die Fähre nach Charlestown
meinen, dass ihn nichts mehr überraschen kann. Doch was immer der Barker ihm sagt, erstaunt ihn. Der Barker gestikuliert und redet sich ziemlich in Hitze, und das nicht nur, weil er sich nicht verständlich machen kann. Angenommen, er hat mit seinen Brüdern in London Fühlung gehabt (eine durchaus plausible Annahme), so sagt er dem Angolaner wahrscheinlich, er und alle anderen Sklaven hätten jedes Recht, zu den Waffen zu greifen und eine gewaltsame Erhebung ins Werk zu setzen.
»Euer Pferd ist sehr schön. Habt Ihr es aus Europa mitgebracht?«
»Nein, Ben. In New Amsterdam geborgt. In New York, wollte ich sagen.«
»Warum seid Ihr denn nach New York gesegelt, wenn der Mann, den Ihr sucht, in Boston ist?«
»Das nächste nach Amerika gehende Schiff im Pool von London fuhr nun einmal dorthin.«
»Dann habt Ihr es also schrecklich eilig!«
»Ich werde mich gleich schrecklich beeilen, dich über Bord zu werfen, wenn du weiter solche Schlüsse ziehst.«
Das bringt Ben zum Schweigen, freilich nur so lange, wie er braucht, um Enochs Verteidigungsstellungen zu umgehen und ihm aus einer anderen Richtung zu Leibe zu rücken: »Der Besitzer dieses Pferdes muss ein sehr guter Freund von Euch sein, dass er Euch so ein Tier leiht.«
Nun muss Enoch ein wenig auf der Hut sein. Der Besitzer des Pferdes ist ein vornehmer Herr in New York. Wenn Enoch auf seine Freundschaft Anspruch erhebt und die Dinge in Boston dann gründlich verpfuscht, könnte das dem Ruf dieses Herrn schaden. »Befreundet sind wir eigentlich nicht. Ich habe ihn erst kennen gelernt, als ich vor ein paar Tagen auf seiner Schwelle stand.«
Die Sache ist Ben ein Rätsel. »Aber wieso hat er euch dann überhaupt eingelassen? So wie Ihr, mit Verlaub, ausseht, Sir, und dazu noch bewaffnet. Warum hat er Euch einen so wertvollen Hengst geliehen?«
»Er hat mich eingelassen, weil ein Aufruhr im Gange war und ich Zuflucht erbat.«
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