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Als Durante kam

von: Andrea De Carlo

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257602074 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

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Als Durante kam


 

[7] Am 19. Mai nachmittags um vier Uhr zwanzig

Am 19. Mai nachmittags um vier Uhr zwanzig saß ich bei einer Arbeitspause auf der Wiese vor dem Haus, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Das Thermometer, das in dem Bogen zwischen Haus und Werkstatt hing, zeigte siebenundzwanzig Grad im Schatten, doch in der Sonne waren es mindestens dreißig. Mein Kopf brannte, die Augen schmerzten beinahe. Das zum Teil schon verdorrte Gras pikte mich an Fußsohlen und Knöcheln. Mücken, Bienen und andere Insekten unterschiedlicher Größe ließen sich auf mir nieder oder summten um mich herum. Ab und zu wedelte ich mit den Händen, um sie zu verjagen; ich atmete langsam. Manchmal fuhr auch ein leichter Lufthauch durch die Schwüle und kräuselte die schwache Welle von electric blues, die aus den Fenstern drang. Stieglitze, Buchfinken und Turteltauben mit Halsband sangen in den Bäumen und Büschen; die Hügellandschaft rundherum war bezaubernd wie immer, obgleich die Farben durch die lange Trockenheit und das grelle Licht schon etwas verblasst waren. Insgesamt hätte ich sagen können, dass negative und positive Empfindungen sich die Waage hielten, vielleicht überwogen die negativen ein ganz klein wenig, was der Hitze und der Langeweile geschuldet war, die sich hinter meiner Gedankenlosigkeit anstauten.

[8] Dann hörte ich ein Auto die Schotterstraße herunterkommen und sprang auf. Oscar, der Hund, begann zu bellen: kurze, tiefe Laute, in rhythmischen Abständen. Astrid, meine Freundin, streckte den Kopf aus einem der offenen Fenster und fragte: »Wer ist das?«

»Keine Ahnung!«, antwortete ich, während ich im Gras herumstolperte und nach meinen Filzschlappen tastete, die am großen Zeh schon ganz durchlöchert waren.

Ich ging an die Stelle, wo das steile Sträßchen die Ebene des Hauses erreicht, mit den zwiespältigen Gefühlen dessen, der weitab von der Geschäftigkeit der urbanen Gesellschaft lebt und die ständige Begegnung mit Menschen nicht mehr gewohnt ist: genervt, beunruhigt, neugierig, instinktiv auf Verteidigung meines Reviers eingestellt. Oscar bellte aufgeregter und zerrte an der gestrafften Kette. Zwischen den Sauerkirschbäumen, Heckenrosen, dem wilden Fenchel und dem hohen Gras tauchte ein kleines weißes Auto auf und hielt ein paar Meter vor mir. Auch ich blieb abrupt stehen, alle Muskeln meines Körpers und meines Gesichts angespannt, mir plötzlich meines verwaschenen militärgrünen T-Shirts und meiner ausgebeulten schwarzen Leinenhose bewusst, den Kopf schon voller verneinender und abwehrender Gesten und Sätze.

Die Autotür öffnete sich. Ein großer magerer Typ stieg aus, schmales Gesicht, auf dem Kopf einen Cowboyhut aus Stroh. »Ciao«, sagte er.

»Hallo«, erwiderte ich, ohne die geringste Andeutung eines Lächelns.

»Weißt du, wo der Reitstall Valle della Luna ist?«, fragte er etwas lauter, um Oscars Gebell zu übertönen.

[9] »Nein!« Ich sprach ebenfalls lauter und schüttelte den Kopf, die Hände in den Hosentaschen vergraben. »Nie gehört!«

Der Typ pflückte einen Fenchelhalm ab, kaute ein bisschen darauf herum. Sein Blick schweifte über die Landschaft: die welligen Hügelketten, auf denen sich das Gelb schon gemähter Felder mit dem Grün der Wälder abwechselte. Er atmete tief, als sei er zu Fuß gekommen und nicht im Auto. Er trug ein zu weites Hemd und zu weite Baumwollhosen, dazu ein provenzalisches Halstuch, einen enggeschnallten abgenutzten Ledergürtel und ausgetretene Cowboystiefel.

»Übrigens ist das hier eine Privatstraße«, sagte ich. »Die Schilder sind nicht zu übersehen.«

Er antwortete nicht, sondern betrachtete den Hund Oscar, der ihn mit gesträubtem Nackenfell aus etwa zehn Meter Entfernung ankläffte. »Warum haltet ihr ihn an der Kette?«, fragte er.

»Weil er sonst durch die Gegend streunt und sie ihn vergiften«, sagte ich, verärgert über die Einmischung.

»Wer?«, fragte der Typ und ging auf Oscar zu.

»Die Jäger, die Trüffelsucher«, sagte ich und fragte mich gleichzeitig, ob er einer dieser beiden Kategorien angehörte. Ich folgte ihm und legte mir im Geist einige Gesten zurecht, um ihn aufzuhalten und zu seinem Auto zurückzudrängen. Ich hob die Stimme: »Es ist schon mal vorgekommen, vor zwei Jahren. Ein Wunder, dass es uns gelungen ist, ihn zu retten. Vorher lief er frei herum, so viel er wollte, kilometerweit, jeden Tag.«

»Schweine«, sagte der Typ halblaut; ob er uns oder die [10] Jäger und Trüffelsucher meinte, war unklar. Ein Meter trennte ihn noch von Oscar, der immer wütender bellte und seine weißen Zähne fletschte und die Stirn in Falten legte und an der Kette riss, bis er auf den Hinterbeinen stand.

»Vorsicht!« Ich sah schon vor mir, wie ein unerwarteter tiefer Biss seine Hand, seinen Arm oder sein Bein zerfetzte, dann sein Zurückspringen, zu spät, Schmerzensschreie, Blut, helfende Hände, Verbände, Desinfektionsmittel, Klagen, gezwungene Entschuldigungen, Rollenkomplikationen, Erklärungen, die sich ins Gegenteil verkehren.

Doch der Typ ging mit größter Natürlichkeit vor Oscar in die Hocke, bis er auf gleicher Augenhöhe war, und flüsterte etwas. Und Oscar hörte von einer Sekunde zur anderen mit Bellen auf: Gerade wirkte es noch, als wollte er den Typen zerfleischen, und nun lag er auf dem Rücken, der Schwanz bewegte sich hin und her wie ein Scheibenwischer, das Maul halb geöffnet in einem echten Hundelächeln. Der Typ kraulte ihn an der Brust, am Hals, hinter den Ohren, unter den Achseln: »Ja, ja, ja«, sagte er, »hier magst du es besonders gern, und hier, und hier, aaah… Aber selbstverständlich, natürlich…«

Ich war in gleichem Maße erstaunt und beleidigt zu sehen, wie leicht ein Unbekannter den Hüter unseres Hauses erobern konnte, eine fast vierzig Kilo schwere Kreuzung aus Beauceron und Deutschem Schäferhund, vor dem kein Postbote bereit war, aus dem Auto auszusteigen, wenn wir nicht dabeistanden. »Vor vier Jahren haben sie seine Mutter vergiftet«, sagte ich. »Da unten im Gemüsegarten haben wir sie gefunden, tot.«

[11] »Schweine«, sagte der Typ erneut, ohne aufzuhören, Oscar zu kraulen. Aber gleichzeitig warf er mir einen so traurigen Blick zu, und in seinen Augen leuchtete eine so seltsame, innige Betrübnis, dass ich schlucken musste.

Ich wusste nicht recht, wie ich ihn loswerden sollte; unschlüssig drehte ich mich nach seinem kleinen weißen Auto um, berechnete, welches Manöver er machen musste, um zu wenden und die Schotterstraße wieder hinaufzufahren. Die Tür auf der Fahrerseite hatte eine Delle, die ganze Seite war verkratzt, an den Rädern fehlten die Radkappen.

Astrid trat aus dem Bogen heraus, der die Werkstatt mit dem Haus verband, die hellblauen Augen halb geschlossen im grellen Licht, mit weizenblonden kurzen verstrubbelten Haaren, einem buntgestreiften T-Shirt, Leggings an den langen Beinen, roten Sandalen an den Füßen. Sie betrachtete den Typ, der da hockte und Oscar kraulte, dann sah sie mich fragend an. »Alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich.

Der Typ erhob sich, groß und mager, wie er war. »Ciao«, sagte er, den Hut abnehmend.

»Ciao«, sagte Astrid unsicher, mit schräg gelegtem Kopf.

Der Typ ging auf sie zu und deutete eine Verbeugung an, fließend und doch etwas hölzern wie alle seine Bewegungen. Er streckte ihr die Hand hin: »Durante.«

»Wie bitte?«, fragte Astrid, während sie ihm weiter die Hand drückte. Es war heiß, das Licht belagerte uns.

»Durante«, wiederholte der Typ.

»Ach so, Astrid.«

Der Typ, der Durante hieß oder sich so nennen ließ, drehte sich zu mir um; erneut sahen wir uns an, mit einem [12] kurzen Zucken in den Beinen, aber ohne uns zu rühren. Ich hob matt die Hand und sagte: »Pietro.«

Im Tiefflug düste ein Jagdflugzeug über unsere Köpfe, sofort gefolgt von einem zweiten, das ganze Tal bebte und hallte vom doppelten Dröhnen dieser brutalen mechanischen Aggressivität. Wir folgten den Flugzeugen mit dem Blick, während sie am Himmel ostwärts rasten, Astrid mit den Händen auf den Ohren, ich mit einer Hand über der Stirn. Durante tat so, als zielte er mit einer Schleuder auf die Kondensstreifen.

Sobald der Lärm verklungen war, sagte ich zu Astrid: »Er hat sich verirrt.«

»Nicht verirrt«, sagte Durante. »Ich habe bloß ein bisschen die Orientierung verloren.«

»Hier in der Gegend gibt es keinen Reitstall Valle della Luna«, sagte ich gereizt, weil er seine Lage nicht anerkennen wollte. »Wir leben seit sechs Jahren hier, das wüssten wir doch.«

»Val di Lana«, sagte Astrid sofort, ohne zu bedenken, dass sie damit meine Position untergrub. »Der Ferienhof der Morlacchis.«

»Aber das ist doch kein Reitstall«, sagte ich, um meine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. »Und der Name klingt auch etwas anders, gib’s zu.«

Astrid hörte gar nicht auf mich, sie war ganz auf Durante konzentriert. »Es ist da unten, zwischen diesem Tal und dem nächsten. Der Hof heißt Val di Lana, weil es da früher viele Hirten mit Schafherden gab.«

Durante nickte, leicht enttäuscht. »Valle della Luna klang viel schöner.«

[13] »Vor allem ist es kein Reitstall«, sagte ich im vollen Bewusstsein meines nörglerischen Tons.

»Aber Ställe für Pferde haben sie doch«, sagte Astrid.

»Ein paar morsche Holzboxen«, erwiderte ich. »Halb verfallen. Die hat schon ewig keiner mehr benutzt.«

Dieser Aspekt der Frage schien Durante nicht sonderlich zu interessieren: Mit distanzierter Neugier...