dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Die linke Hand Gottes - Roman

von: Paul Hoffman

Goldmann, 2010

ISBN: 9783641046286 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Die linke Hand Gottes - Roman


 

ERSTES KAPITEL
Hört her. Shotover, die Ordensburg des Erlöserordens in Shotover Scarp ist nichts weiter als eine Lüge, denn Erlösung gibt es dort nicht. In der umliegenden Gegend wächst nur Gestrüpp und Unkraut und die Sommer und Winter unterscheiden sich kaum – mit anderen Worten, dort ist es immer scheußlich kalt, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Die Burg sieht man schon aus vielen Meilen Entfernung, wenn nicht gerade schmutziger Dunst die Sicht trübt, was selten vorkommt. Der Bau ist aus Feuerstein, Beton und Reismehl errichtet. Das Reismehl macht den Beton härter als Fels, und das ist ein Grund, weshalb das Gefängnis – denn nichts anderes ist es – viele Belagerungen überstanden hat. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Versuche vermessen, und tatsächlich hat schon seit Jahrhunderten keiner mehr Shotover erstürmen wollen.
Es ist ein übel riechender, unwirklicher Ort, an den niemand freiwillig geht, ausgenommen die Kriegermönche des Erlöserordens. Wer sind dann die Gefangenen? Das ist das falsche Wort für diejenigen, die nach Shotover gebracht werden, denn Gefangener sein heißt ein Verbrechen begangen haben, aber jene haben weder gegen menschliche noch göttliche Vorschriften verstoßen. Auch sehen sie nicht wie Gefangene aus, es sind durchweg kleine Jungen unter zehn Jahren. Je nachdem, in welchem Alter sie eintreten, verlassen die Hälfte von ihnen die Ordensburg erst nach fünfzehn Jahren. Die andere Hälfte ist dann schon, eingewickelt in blaues Sackleinen, mit den Füßen zuerst nach draußen getragen und auf Ginky’s Field, einem Friedhof gleich hinter den Burgmauern, begraben worden. Das Gräberfeld dehnt sich so weit das Auge reicht und vermittelt einen Eindruck von den ungeheuren Ausmaßen Shotovers und wie schwierig dort das Überleben ist. Keiner der Insassen überblickt das Ganze, nur zu leicht verirrt man sich in den endlosen Gängen, die auf mehreren Stockwerken ein Labyrinth bilden. Vor allem aber sieht alles gleich aus, überall ist es düster, braun und riecht modrig.
In einem dieser Gänge steht ein Junge. Er hält einen dunkelblauen Sack in der Hand und schaut aus dem Fenster. Er könnte vierzehn, fünfzehn Jahre alt sein, genau weiß er es selbst nicht. Seinen wahren Namen hat er vergessen, denn alle Neuen erhalten beim Eintritt den Namen eines Märtyrers des Erlöserordens. Davon gibt es viele, weil seit unvordenklichen Zeiten alle, die sich nicht von den Erlösern haben bekehren lassen, einen tödlichen Hass auf sie entwickelten. Der Junge am Fenster heißt Thomas Cale, obwohl ihn niemand beim Vornamen nennt, denn das wäre eine schwere Sünde.
Der Junge war vom Geräusch des nordwestlichen Tores aufmerksam geworden, das sich nur höchst selten und unter lautem Ächzen öffnete. Nun beobachtete er vom Fenster aus, wie zwei Erlösermönche in schwarzen Kutten hinaustraten und einen vielleicht achtjährigen Jungen, gefolgt von zwei weiteren, noch jüngeren, ins Burginnere wiesen. Cale zählte insgesamt zwanzig neue Zöglinge. Den Schluss bildeten zwei Mönche ebenfalls in Schwarz.
Währenddessen schaute Cale durch das offene Tor hinaus auf das Ödland. In den zehn Jahren, die er schon hier war – und es hieß, er sei das jüngste Kind gewesen, das jemals aufgenommen worden war -, hatte er nur sechsmal die Burg verlassen. Jedes Mal war er bewacht worden, als ob das Leben seiner Wächter daran gehangen hätte – und so war es tatsächlich. Hätte er eine dieser Prüfungen nicht bestanden, wäre ihm der sofortige Tod sicher gewesen. An sein früheres Leben hatte er keine Erinnerung mehr.
Das Tor wurde wieder geschlossen. Cale lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Jungen. Keiner von ihnen war dick, aber alle hatten noch runde Kindergesichter. Staunend betrachteten sie den Bergfried mit seinen mächtigen Mauern, und obgleich sie von der fremden Umgebung beeindruckt waren, zeigten sie Furcht. In Cales Brust wallten Gefühle auf, die er nicht hätte benennen können, die ihn jedoch zutiefst verwirrten. Nur seine Fähigkeit, in jeder Lage mit einem Ohr auf alles zu hören, was um ihn herum geschah, rettete ihn, wie so oft in der Vergangenheit.
Er riss sich vom Fenster los und lief den Gang entlang.
»Du da! Warte!«
Cale hielt an und wandte sich um. Ein Erlösermönch mit feistem Gesicht und schwer über den Kragenrand hängenden Hautfalten stand in einer Türöffnung. Aus dem Raum hinter ihm drangen Dampf und merkwürdige Geräusche. Cale sah ihn gleichmütig an.
»Tritt näher.«
Der Junge ging auf ihn zu.
»Ach, du bist das«, sagte der dicke Mönch. »Was machst du hier?«
»Der Zuchtmeister schickt mich, das hier zur Trommel zu bringen.« Und dabei hob er den blauen Sack hoch, den er in der Hand hielt.
»Was hast du gesagt? Sprich lauter!«
Cale wusste selbstverständlich, dass der dicke Mönch auf einem Ohr taub war, und hatte absichtlich leise gesprochen.
Also wiederholte er diesmal laut, was er gesagt hatte.
»Machst du Witze, Kleiner?«
»Nein, gnädiger Vater.«
»Was hast du da am Fenster gemacht?«
»Am Fenster?«
»Halte mich nicht zum Narren. Was hast du da gemacht?«
»Ich habe gehört, wie das nordwestliche Tor geöffnet wurde.«
»Wirklich?«
Das schien ihn zu interessieren.
»Die sind aber früh dran.« Er knurrte ärgerlich, dann wandte er sich ab und schaute wieder in die Küche. Das war sein Reich. Unter seiner Aufsicht wurde dort für das leibliche Wohl der Mönche gesorgt, während die Jungen kaum etwas zu beißen bekamen.
»Zwanzig zusätzliche Portionen zum Abendessen«, schrie er in die Dampfschwaden hinter ihm. Dann widmete er sich abermals Cale.
»Hast du dir beim Hinausschauen Gedanken gemacht?«
»Nein, gnädiger Vater.«
»Hast du geträumt?«
»Nein.«
»Wenn ich dich hier wieder herumbummeln sehe, Cale, gerbe ich dir das Fell. Hast du mich verstanden?«
»Jawohl.«
Der Küchenmeister trat in die Küche zurück und schloss die Tür hinter sich, während Cale leise, aber für jeden mit guten Ohren noch deutlich vernehmbar sagte: »Wohl bekomm’s, alter Fettarsch.«
Den Sack hinter sich herziehend, setzte Cale seinen Weg fort. Obwohl er die meiste Strecke im Laufschritt zurücklegte, dauerte es fast eine Viertelstunde, bis er die Trommel erreichte. Sie hieß so, weil sie tatsächlich so aussah, wenn man einmal außer Acht ließ, dass sie einen Durchmesser von zwei Metern besaß und in eine Ziegelmauer eingelassen war. Auf der anderen Seite der Trommel lag ein Bereich, der vom übrigen Kloster abgetrennt war. Es hieß, dort lebten zwanzig Nonnen, die nur für die Erlösermönche kochten und deren Kleidung wuschen. Cale wusste nicht, was eine Nonne war und hatte auch nie eine zu Gesicht bekommen, obgleich er hin und wieder mit einer durch die Trommel hindurch sprach. Er wusste auch nicht, was Nonnen von den übrigen Frauen unterschied, über die ebenfalls nur selten und wenn dann mit Abscheu gesprochen wurde. Allerdings mit zwei Ausnahmen: die heilige Schwester des Gehenkten Erlösers und die Selige Imelda Lambertini, die im Alter von acht Jahren in der Ekstase über ihre erste Heilige Kommunion aus dem Leben geschieden war. Die Mönche hatten nicht erklärt, was Ekstase bedeutete, und niemand war so töricht, danach zu fragen. Cale gab der Trommel einen Schubs, worauf sie sich um ihre Achse drehte und eine Öffnung freigab. Er warf den blauen Sack hinein und versetzte ihr erneut einen Schubs. Dann pochte er dagegen und es schepperte laut. Er wartete etwa eine halbe Minute, dann ließ sich eine gedämpfte Stimme auf der anderen Seite der Trommel vernehmen: »Was gibt es?«
»Der Kriegsmeister Monsignore Bosco möchte das hier bis morgen früh gewaschen haben.«
»Wieso ist das nicht zusammen mit den anderen Sachen gekommen?«
»Woher soll ich das wissen?«
Auf der anderen Seite gab eine schrille Frauenstimme einer kaum verhaltenen Wut Ausdruck.
»Wie lautet dein Name, du gottloses Bübchen?«
»Dominic Savio«, log Cale.
»Nun, Dominic Savio, ich werde dich beim Zuchtmeister melden. Der wird dir eine Tracht Prügel verabreichen.«
»Das kümmert mich herzlich wenig.«
 
Zwanzig Minuten später stand Cale im Amtszimmer des Kriegsmeisters. Im Zimmer war niemand außer dem Kriegsmeister selbst, der aber nicht aufschaute oder erkennen ließ, dass er Cale bemerkt hatte. Für weitere fünf Minuten fuhr er fort, in sein Buch zu schreiben. Ohne die Augen zu heben, fragte er schließlich: »Warum hast du so lange gebraucht?«
»Der Küchenmeister hat mich im Gang bei den Außenmauern aufgehalten.«
»Was wollte er?«
»Er hat ein Geräusch von draußen gehört, glaube ich.«
»Was für ein Geräusch?« Jetzt sah der Kriegsmeister Cale an. Er hatte helle, wasserblaue Augen, denen so gut wie nichts entging.
»Man hat das nordwestliche Tor geöffnet, um die Novizen einzulassen. Er hat heute nicht mit ihnen gerechnet. Offenbar ist auf seine Nase kein Verlass mehr.«
»Halte deine Zunge im Zaum«, sagte der Kriegsmeister, aber verglichen mit seiner sonstigen Strenge in eher mildem Ton. Cale wusste, dass der Kriegsmeister den Küchenmeister nicht ausstehen konnte, daher war es nicht so gefährlich, über diesen Mönch derart zu reden.
»Ich habe einen deiner Freunde gefragt, was es mit dem Gerücht von der Ankunft der Novizen auf sich habe«, fuhr der Kriegsmeister fort.
»Ich habe keine Freunde, gnädiger Vater«, erwiderte...