Suchen und Finden
Service
Infos und Kontakt
"KAPITEL 7 Eine neue Marktwirtschaft (S. 210-211)
Im Herbst 2008 standen die Weltwirtschaft oder zumindest ihre hochentwickelten Finanzmärkte am Rande des totalen Zusammenbruchs. Sie befanden sich im freien Fall. Nachdem ich so viele andere Krisen erlebt hatte, war ich fest davon überzeugt, dass der freie Fall bald enden würde. Das geschieht bei jeder Krise. Aber was dann?
Wir können nicht zum Status quo ante - dem Zustand vor der Krise - zurückkehren, und wir sollten es auch gar nicht. Viele der Arbeitsplätze, die verloren gingen, würden nicht zurückkehren. Die amerikanische Mittelschicht hatte schon vor der Krise schwere Zeiten durchgemacht. Wie würde es ihr nach der Krise ergehen?
Die Krise hat die Vereinigten Staaten und viele andere Länder davon abgelenkt, längerfristige Probleme anzugehen. Die Liste ist bekannt: Gesundheitswesen, Energieversorgung und Umwelt - insbesondere der Klimawandel -, das Bildungssystem, die alternde Bevölkerung, der Arbeitsplatzverlust in der Industrie, ein dysfunktionaler Finanzsektor, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte, das Handelsbilanz- und Haushaltsdefizit der USA. Während die Nation die aktuelle Krise zu bewältigen suchte, haben sich diese Probleme nicht erledigt. Einige haben sich sogar verschärft.
Aber aufgrund des Missmanagements der Krise durch die Regierung - insbesondere der Verschwendung von Geldern zur Rettung des Finanzsystems - stehen womöglich zur Bewältigung dieser Probleme deutlich weniger Ressourcen zur Verfügung. Die US-Schuldenquote - Höhe der Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt - stieg von 35 Prozent im Jahr 2000 auf fast 60 Prozent im Jahr 2009, und selbst nach den optimistischsten Projektionen der Regierung Obama, die im Verlauf der kommenden zehn Jahre mit weiteren neun Billionen Dollar an Schulden rechnet, wird die Schuldenquote bis 2019 auf 70 Prozent ansteigen.
Der wirtschaftliche Strukturwandel wird nicht von selbst über die Bühne gehen. Die Regierung wird eine zentrale Rolle spielen müssen. Und hier liegt das zweite große Feld von Reformen: Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Finanzmärkte nicht von sich aus effizient und wohlfahrtssteigernd funktionieren und dass die vermeintlichen Selbstheilungskräfte der Märkte nicht ausreichen. Der Staat hat eine wichtige Funktion. In der »Revolution« unter Reagan und Thatcher war die Bedeutung des Staates (für die Wirtschaft) kleingeredet worden.
Der fehlgeleitete Versuch, den Einfluss des Staates zurückzudrängen, führte dazu, dass die Regierung stärker ins Wirtschaftsleben eingreifen musste, als es selbst zu Zeiten des New Deal als sinnvoll angesehen worden wäre. Wir müssen jetzt eine Gesellschaft mit einer besseren Balance zwischen Staat und Markt aufbauen. Eine bessere Balance kann die Effizienz und die Stabilität unserer Volkswirtschaft erhöhen. In diesem Kapitel lege ich diese beiden, miteinander zusammenhängenden Projekte dar: die notwendigen Maßnahmen zur Erneuerung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Staat und Markt und zur Restrukturierung der Wirtschaft - einschließlich der Rolle des Staates in diesem Strukturwandel. Wenn es uns gelingen soll, Amerika zu erneuern, dann brauchen wir eine klare Vorstellung davon, welche Veränderungen wir anstreben, und wir sollten ganz genau wissen, welche Aufgaben der Staat erfüllen sollte."
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion


















