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"1683 n. CHR. DIE TÜRKEN VOR WIEN (S. 65-66)
Als Georg Franz Kolschitzky am Abend des 26. August 1683 wie an jedem Donnerstag sein Haus in der Kramergasse verließ und zum Stephansdom hinüber ging, um am Altar in der Timakapelle eine Kerze für seine im Kindbett verstorbene Frau anzuzünden, war er dem Verzweifeln nahe. Die Türken hatten soeben die letzte Verbindung zur Außenwelt über die Leopoldstadt und die Donauinseln versperrt und waren offenbar entschlossen, Wien auszuhungern. Zu allem Überfluss hatte der Magistrat auf seiner letzten Sitzung verfügt, dass wegen der erhöhten Brandgefahr durch den türkischen Beschuss die Dachstühle aller schindelgedeckten Häuser unverzüglich abzutragen seien, und Kolschitzkys Haus war mit Holzschindeln gedeckt.
Auf dem Platz angekommen, stand Kolschitzky einen Moment lang schweigend vor der dunklen Masse des Doms und blickte zur Spitze des Südturms hinauf, wo Stern und Halbmond, die einst als Zeichen der Verständigung mit den Türken dort angebracht worden waren, immer noch prangten, obwohl die türkische Belagerung Wiens nun schon in die siebte Woche ging. Welcher Teufel, fragte er sich, mochte die Gesandten des Kaisers geritten haben, dass sie, als in Eisenburg die Verlängerung des Friedensvertrages anstand, geglaubt hatten, straflos immer neue Forderungen stellen zu können? Nun wurde ihnen die Rechnung präsentiert.
Und er, der Orienthändler Kolschitzky, war so gut wie ruiniert. Kolschitzky, gebürtiger Pole, aber schon seit mehr als zehn Jahren in Wien ansässig, war als junger Mann bei einem der zahlreichen Scharmützel zwischen den Polen und den Osmanen in der Ukraine in türkische Gefangenschaft geraten, später aber, als der Friede von Eisenburg geschlossen wurde, frei gekommen. Er hatte sich in Wien niedergelassen und seine in der Gefangenschaft geknüpften Beziehungen zu den Türken genutzt, um einen einträglichen Orienthandel aufzubauen.
Seine Geschäfte ließen sich gut an, sehr gut sogar. Aber dann war im Jahre 1682 der Friedensvertrag zwischen dem Kaiser und den Türken nicht verlängert worden, und nun hatte er schon seit mehr als sechs Wochen keine Nachricht mehr von seinen Geschäftspartnern in Istanbul, Damaskus und Saana erhalten und seit Monaten schon kamen keine Waren mehr aus dem Osmanischen Reich die Donau herauf nach Wien. Als Kolschitzky, den trübsinnigsten Gedanken nachhängend, vor dem Altar kniete und alle seine Stoßgebete ungehört verhallten, stach ihm plötzlich ein Geruch in die Nase, den er seit den Jahren in türkischer Gefangenschaft nicht mehr wahrgenommen hatte.
Verwundert richtete er sich auf, schnüffelte in alle Richtungen und folgte dann der Geruchsspur, bis er an die Tür zur Sakristei kam. Diese war nur angelehnt, und als er sie einen Spaltbreit öffnete, sah er den Küster und den Hauptmann der Domwache mit zwei türkisch aussehenden Fremden auf runden Kissen sitzen, in ihrer Mitte auf einem Tripod einen Kupferkessel, aus dem einer der Fremden dann und wann eine braune Flüssigkeit in zierliche, buntbemalte Porzellantassen goss."
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