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9 (S. 90-91)
Madrid, Gebäude von La Nación 18. September 1999
Mit übernächtigten Augen und Francis Harleys Worten, der durch jenen merkwürdigen Brief aus dem Grab zu ihm sprach, im Ohr fand sich David Ribes bei Gerard Sebastián ein. Der Chefredakteur von La Nación, der größten Zeitung des Landes mit einer Auflage von einer halben Million Exemplaren, hatte ihn mit einer vielsagenden Nachricht auf seinem Anrufbeantworter zu sich gerufen.
Ribes hatte Gerard Sebastián vor Jahren kennengelernt, noch als Student. Einmal hatte er sogar Gelegenheit gehabt, mit ihm zu essen, zusammen mit anderen Kollegen, bei einem dieser unzähligen Journalistenessen. Aber das war schon lange her. Jetzt stand er in seinem Büro, einer neutralen Zone innerhalb eines Geländes, auf dem ein ständiger Krieg im Gange war. Das Büro war mit Stellwänden aus Kunststoff abgeschirmt, aber der Chefredakteur arbeitete gerne bei offener Tür, um die Kontrolle über die rund hundert Text- und Fotoredakteure zu haben, die in dem weitläufigen Geschoß verteilt saßen – andererseits konnten diese nicht sehen, mit wem ihr Chef sprach, wenn der die Tür schloß. Die Sekretärin stand auf, um Ribes zu begrüßen, und führte ihn zum Büro des Großen Kapitäns, wie sein respektvoller Spitzname lautete.
Sebastián schien guter Laune zu sein und zündete sich gerade eine Zigarre an, als der junge Mann die Tür öffnete. »Ah, David, hervorragend! Komm her, setz dich. Wir haben viel zu bereden.« Gerard Sebastiáns Aussehen täuschte. Niemand hätte gesagt, daß er bereits die Fünfzig überschritten hatte, wären da nicht die verräterischen grauen Strähnen gewesen, die sein üppiges schwarzes Haar durchzogen. Dazu kam ein leichter Bauchansatz, der nur schwer zu verbergen ist, wenn man die Last der Jahre nicht mehr einfach so an sich abgleiten lassen kann. Allerdings waren die Leute, die ihn kannten, immer ganz verwundert, wenn sie ihm nach Jahren wieder begegneten. Die Gesichtszüge wiesen kaum Veränderungen auf, als wären sie in Formol konserviert.
Es war klar, daß Sebastián irgendwelche Geheimmethoden anwandte, um sich im Rahmen des Möglichen diesseits der Schwelle der Jugendlichkeit zu halten. Man konnte sich verdächtige Sonnenbanksit- zungen vorstellen, lange Stunden der Meditation nach irgendeiner orientalischen oder noch ausgefalleneren Technik. Jedenfalls bot Sebastián seinen Gesprächspartnern immer noch einen beeindruckenden Anblick, und er hatte nicht im Geringsten das Gespür für den jeweils richtigen Satz verloren, auch nicht die Fähigkeit, jemanden durch eine Schmeichelei zu beleidigen oder das Geschick, seinen Stolz immer gerade auf der Höhe zu halten, daß es nicht lästig fiel. Er trat auf als der Siegertyp, der er war, und war es gewohnt, daß man bereit war, dafür zu sterben, um an seiner Seite zu arbeiten. Seine Art zu sprechen und seine zynischen Attacken zu reiten verdankte er langen Jahren im Schützengraben, wo er mit sämtlichen Kollegen, die er zugleich respektierte und haßte, um den Sieg kämpfte. Um diesen Preis war er an die Spitze gelangt.
»Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet«, eröffnete der Chefredakteur das Gespräch. »Du hier, vor mir, in meinem Büro sitzend, von allen beruflichen Verpflichtungen befreit und mit einem brillanten Interview unter dem Arm. Genial!« Sebastián zündete sich eine Zigarre an und tat einen langen Zug. Ribes wartete schweigend. »Ich komme also gleich zur Sache«, fuhr Sebastián fort. »Ich biete dir einen festen Vertrag, dazu Sonderzahlungen, Tagegelder und Reisespesen. Ich möchte, daß du voll in mein Team einsteigst. Am besten du arbeitest in der Redaktion der Wochenendbeilage. Du hättest einen leitenden Redakteur und Zeit im Überfluss, um alle Wissenschaftsgeschichten zu schreiben, die du interessant findest. Schluß mit dem Kleinkram. Was sagst du dazu?«
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