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Ich liebe einen Vampir (S. 22-23)
Laut Meinungsumfrage glauben achtundachtzig Prozent aller Deutschen an Gott. Aber kennen Sie einen, der an den Teufel glaubt? Das ist erstaunlich, denn wie der polnische Papst in seinem erst kürzlich erschienenen Bestseller bekräftigt, schließt der Glaube an Gott den Glauben an den Teufel unabdingbar mit ein. Kein Licht ohne Schatten. Da der Papst in Glaubensfragen unfehlbar ist, muss es ihn geben, den Teufel. Malen wir ihn also an die Wand. So wie Gott die himmlischen Heerscharen befehligt – und wer wollte an diesen zweifeln –, so verfügt der Leibhaftige über seine heidnischen Hilfsgeister: Höllenhunde, Hexen und Vampire. Wie kommt es, dass man diese nur so selten zu Gesicht bekommt, während fast täglich irgendwo auf der Erde fliegende Untertassen gesichtet werden? Liegt es an der guten Tarnung der Teuflischen, die das Mondlicht der Wälder mit dem Rotlicht des Asphaltdschungels vertauscht haben? Die guten alten Nymphen wurden zu schlimmen jungen Nymphomaninnen. Und die Feen, die man früher zu Hilfe rief, nennen sich heute Callgirls, Mädchen, die man rufen kann, damit Wünsche erfüllt werden – und seien sie noch so ausgefallen.
Den größten Wandel aber haben die Vampire erfahren. In der Antike Lamia geheißen, avancierten sie im Mittelalter zum »lebenden Leichnam «. Mit der Aufklärung wurden sie zu Vampiren und dank Hollywood zu Draculas. Im Mittelalter glaubte man, die lebenden Leichname würden ihre Opfer zwei Finger unterhalb der linken Brustwarze aussaugen, dort, wo der Gekreuzigte den Lanzenstich empfangen habe. Heutige Horrorfilmregisseure demonstrieren den Draculabiss an blassen Mädchenhälsen. So wie es keine Hexen mehr gibt, die auf Besenstielen zum Blocksberg fliegen, wie es nicht mal mehr Bauern gibt, die hinter Pferd und Pflug herlaufen, so gibt es auch keine Vampire mehr, die in Adelsgrüften darauf warten, dass es vom Schlossturm Mitternacht schlägt, um in den Schlafgemächern unschuldiger Mädchen zu landen. Der moderne Vampir arbeitet als Arzt in der ambulanten Blutspendeabteilung des Roten Kreuzes oder als Nachtschwester auf der Intensivstation eines Unfallkrankenhauses. Wem fällt es hier schon auf, wenn man mal einen Schluck aus der Blutkonserve nimmt oder eine offene Schlagader mit den Lippen verschließt? Andere freunden sich mit Blutern und Stigmatisierten an, arbeiten als Hausschlachter, Hebammen oder Boxtrainer. Wieder andere verleihen Blutegel, die sie nach dem Ansetzen wieder abholen und ausquetschen. Die Elendsten unter ihnen streichen nachts um die Mülltonnen der Hospitäler, um ein abgeschnittenes Bein, eine Fehlgeburt, eine herausgerissene Krampfader oder wenigstens eine Monatsbinde zu ergattern.
Wenn Sie das entsetzt, so lassen Sie sich sagen, dass der Ekel vor Andersartigem der erste Schritt zu Fremdenhass und Rassismus ist. Der aber kommt nirgendwo so eklatant zum Ausbruch wie unseren blutsaugenden Mitbürgern gegenüber. Ihre Benachteiligung auf allen Ebenen zwischenmenschlicher Beziehungen ist ein schreiendes Unrecht. In einer Gesellschaft, die Milliardenbeträge für Hundefutterkonserven und Vogelfutter ausgibt, die für Negerkinder und Kroatenmütter spendet, gibt es nicht eine mildtätige Organisation, die sich der Minderheit im eigenen Land annimmt. Es existiert in der Republik nicht ein einziges Vampirasyl, keine Venenzapfstelle, weder Blutbar noch Behörde, die obdachlosen Vampiren bei der Sargsuche behilflich wäre. Keiner ist bereit, auch nur einen einzigen Tropfen herauszurücken. Und das, obwohl die meisten von uns an erhöhtem Blutdruck leiden. Regelmäßiger Aderlass erhöht die Lebenserwartung. Das wussten schon unsere Urgroßeltern. Auch ich habe unter erhöhtem Blutdruck gelitten, bis ich begann, mein Blut mit einem Ubo zu teilen (Ubo = unliving bloodsucking organic object). Ich tue das gern und mit Hingabe, denn es handelt sich um einen weiblichen Vampir. Wir sind gewissermaßen Mann und Frau, nicht nach dem Gesetz, aber blutsmäßig. Ich bin nicht dafür, dass man sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreitet. Wenn ich es dennoch tue, dann nur aus Verbundenheit mit unseren blutsaugenden Mitbürgern.
Caecilie ist eine geborene Freifrau von Falkenstein. Als sie vierundzwanzigjährig vom Pferd fiel und sich das Genick brach, spielte Friedrich der Große noch Querflöte. Den Biss, durch den sie zum Vampir geworden war, hatte sie sich im Beichtstuhl von ihrem Beichtvater, dem blinden Monsignore Alucard, einem Großneffen des Grafen Dracula, eingehandelt.
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