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Normale und perverse Sexualität als Einheit (S. 75-76)
Nichts wird so schlechtgemacht wie die Perversion. »Pervers« wird als Schimpfwort schlechthin benutzt, wenn das Abscheulichste bezeichnet werden soll. Im 20. Jahrhundert war das in allen deutschen politischen Systemen so. Die Monarchisten und die Republikaner, die Nazis und die Stalinisten, die Demokraten und die Liberalen verfuhren so, und auch heute wird noch so verfahren. Drei Beispiele aus dem Mund besonders reflektierter, aber offenbar normal verwirrter Zeitgenossen: Der Bundespräsident von Weizsäcker nannte die Apartheid eine Perversion. Der politische Stratege Egon Bahr stufte die Neutronenbombe als »Perversion des Denkens« ein. Und der Bundespräsident Herzog meinte, die Vernichtung von Menschen in der NS-Zeit sei »in perverser Perfektion« erfolgt.
Warum sind diese leitenden Herren so verwirrt? Warum leiten sie in diese Irre? Einige Erklärungen, die dem Bewusstsein aus sehr unterschiedlichen Gründen mehr oder weniger entzogen sind, bieten sich sogleich an:
Die Wortwahl stammt aus einer Zeit, in der die Sexualität die Metapher der Harmonie, der Selbstverwirklichung und des Glücks war, sodass ihre angebliche Verkehrung ins Gegenteil, die Perversion, mit Chaos, Selbstvernichtung und Unglück schlechthin gleichgesetzt wurde.
Weil das, wenngleich durch den historischen Prozess abgemildert, immer noch so ist, darf nicht in aller Deutlichkeit ins Bewusstsein dringen, dass Liebe und Perversion, dass die so genannte normale und die so genannte abweichende Sexualität zusammengehören. Sie bilden sowohl in psychologischer wie in soziologischer wie überhaupt in logischer Hinsicht eine Einheit. Ohne das Eine kann vom Anderen nicht einmal gesprochen werden. Im Kern ist das normale Sexualleben pervers und das perverse normal. Die partiellen Lüste gehören zum normalen Liebesleben wie dieses zu jenen. Alle Sphären des Sexuellen, von der hohen Liebe bis zum niederen Sexualdelikt, bilden eine Einheit, die der Separation. Psychogenetisch, das heißt entwicklungspsychologisch gesehen, ist der Verliebungsprozess nicht unnatürlicher als die suchtartige Perversion. Soziogenetisch, das heißt normierungssoziologisch gesehen, ist das sexuell Abweichende oder moralisch Verpönte ohne das sexuell Übliche oder moralisch Akzeptierte weder zu denken noch zu verfolgen. Das Hohe Lied der Liebe ist das Niedere der Onanie, das Lob der Ehe ist der Tadel des Reizes, der Tadel der Ehe ist das Lob der Perversion und immer umgekehrt, also dem Wortsinne nach »pervers«.
Das Perverse als Grund und Boden
Wie falsch und ungerecht die Pathologisierung und Entmenschlichung des Perversen ist, hat Sigmund Freud, einer der ersten kritischen Sexualforscher, bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt. Seine Sexualtheorie widersprach auf eine bemerkenswert unaufgeregte Weise zentralen Annahmen der herrschenden psychiatrischen Perversions- und Sexuallehre. Seine Einsichten sind bis heute theoretisch und klinisch von größter Bedeutung.
Das isolierte und verteufelte Perverse band Freud zurück an die gesunde Entwicklung des Kindes, indem er bei allen Menschen eine »polymorph-perverse Anlage« postulierte, die sich im Verlauf der libidinösen und sexuellen Entwicklung und Organisierung zum Beispiel als exhibitionistische, voyeuristische, koprophile, masochistische, sadistische oder homosexuelle Tendenz und Lust zu erkennen und zu erleben gäbe. Während Freud in seinen frühen Arbeiten (Partial-)Triebe und Perversionen konstitutionell-naturalistisch als unbearbeitete und nichtverdrängte zusammenfallen ließ, sodass die menschliche Sexualität ihrem Ursprung nach pervers war, betonte er später, dass der so genannte Ödipuskomplex der Kernkomplex beider sei, der Neurose und der Perversion, dass also auch die Perversion das Resultat einer Entwicklung sei, des Konfliktes von Gefühlen des Hasses und der Liebe und seines Ausganges. Noch später interessierte er sich für Mechanismen der Umwandlung und Abwehr, die für Perversionen charakteristisch seien, insbesondere eine Regression auf frühe Fixierungen der Libido sowie der Abwehrvorgang der Verleugnung und die so genannte Ichspaltung im Abwehrvorgang.
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