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Deutschland aus der Vogelperspektive

Deutschland aus der Vogelperspektive

von: Bernhard Vogel, Hans-Jochen Vogel

Verlag Herder GmbH, 2010

ISBN: 9783451333194, 319 Seiten

Format: ePUB

Mac OSX,Windows PC Bookeen Cybook Orizon,Ectaco Lite,Odys Media Book Scala,Aluratek Libre,eLyricon EBX-500.TFT,PocketBook 302,IREX Digital Reader,FlatReader,BeBook 'One',iRiver Story,Sony Reader PRS-3xx,Bookeen CyBook Opus,Hanvon/Hexaglot N518,PocketBook 301+,COOL-ER eReader,Inves-Book 600,eLyricon EBX-600.E-Ink, Bookeen CyBook Gen3 ab Rev: 1.9,Italica Reader,Sony Reader PRS-505, -6xx, -7xx,Pocketbook 360,Hanvon N516 Weltbild Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,49 EUR

Ersparnis: 2,46 EUR

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Deutschland aus der Vogelperspektive


 

18. Mai 1945 – Als der Krieg zu Ende ging (S. 14-15)

Kriegsgefangener in Italien
Hans-Jochen Vogel

Das Kriegsende habe ich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager bei Coltano in der Nähe von Pisa erlebt. Soldat war ich seit Ende Juli 1943. Ich hatte mich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, weil mein Jahrgang besonders nachdrücklich von der Waffen-SS „umworben“, das heißt zum Eintritt in die Waffen-SS gedrängt wurde. Erst der Annahmeschein der Wehrmacht schützte einen vor weiteren Behelligungen. Ich war damals 17 ½ Jahre alt. Auch ohne freiwillige Meldung wäre ich wenig später einberufen worden.

Nach Ausbildungszeiten in Frankreich und Mitteldeutschland und einem Fronteinsatz in Italien, der wegen einer komplizierten Verletzung vorzeitig endete, kehrte ich nach längerem Lazarettaufenthalt im Januar 1945 als Unteroffizier zu meiner Einheit nach Italien zurück. Anfang März 1945 wurde ich bei dem Versuch, eine verloren gegangene Berghöhe südlich von Bologna wieder in Besitz zu nehmen, durch einen Bauchschuss verwundet. Unser Gegner war dort eine brasilianische Einheit.

Heute wissen nur noch wenige, dass sich an dem von Hitler begonnenen Krieg an der Seite der drei Hauptalliierten USA, Sowjetunion und Großbritannien am Ende 44 weitere Staaten beteiligt haben – darunter neben acht anderen südamerikanischen Staaten eben auch Brasilien, das als einziges Land auch Truppen in Stärke einer Division nach Europa entsandte. Eben diese kam dann um die Jahreswende 1944/45 in Norditalien zum Einsatz. US-Verbindungsoffizier bei dieser Division war übrigens ein Major namens Vernon Walters. Ich habe ihn später in Bonn während meiner Zeit als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion als Botschafter der Vereinigten Staaten persönlich kennengelernt und mit ihm die Befriedigung darüber geteilt, dass aus Feinden, die sich 40 Jahre zuvor an der Front gegenübergestanden hatten, Bundesgenossen geworden waren. Bundesgenossen, die ungeachtet einiger Meinungsverschiedenheiten – etwa in der Nachrüstungsfrage – in den Grundpositionen übereinstimmten.

Nach erneutem Lazarettaufenthalt fand ich mich im April wieder bei meinem Bataillon ein. Das Bataillon – in Friedenszeiten 600 bis 1000 Mann, jetzt aber höchstens noch 80 Mann stark – befand sich südlich des Po auf dem Rückzug. Ein Hauptfeldwebel, der es gut mit mir meinte, schickte mich mit den Handwerkern der Einheit (das waren etwa zehn Mann) und 15 Kühen (das war die letzte Verpflegungsreserve von Belang) nach Norden auf den Marsch. Ich sollte die Männer und die Kühe über den Po in Sicherheit bringen und dann irgendwo zwischen Po und Etsch oder auch nördlich der Etsch wieder mit dem Bataillon zusammentreffen. Wahrscheinlich wollte der Hauptfeldwebel so dem jüngsten Unteroffizier seiner Einheit eine Chance geben, zu überleben und früher als andere nach Hause zu kommen.

Am Abend vor dem Abmarsch – es war der 19. April 1945 – hörte ich zusammen mit einer Handvoll Kameraden in einem halb zerstörten Bauernhaus Joseph Goebbels' Rede zu Hitlers 56. Geburtstag. Obwohl wir wussten, dass die westlichen Alliierten und auch die sowjetischen Truppen schon tief nach Deutschland vorgestoßen und die Heimatorte der meisten von uns bereits besetzt waren, und obwohl auch in unserem Frontabschnitt der endgültige Zusammenbruch schon begonnen hatte, gelang es diesem teuflischen Verführer noch einmal, uns für einen Augenblick in seinen Bann zu ziehen. Ob nicht doch im letzten Moment noch die Wunderwaffen eine Wende brächten? Und ob nicht doch vielleicht der Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, den er wohl mit dem Tode der russischen Zarin Elisabeth während des Siebenjährigen Krieges verglich, zum Auseinanderfallen des Bündnisses der Westmächte mit der Sowjetunion führen würde, so wie der Tod der Zarin das Ausscheiden Russlands aus der Allianz gegen Friedrich den Großen zur Folge hatte? So fragten wir uns. Aber die Wirkung dieses letzten Versuchs einer Massensuggestion verflog binnen weniger Minuten. Einschläge in nächster Nähe und der Anblick einzelner oder auch in Gruppen zurückflutender Soldaten brachten uns rasch auf den Boden der Realität zurück.

Meine kleine Gruppe erreichte in den folgenden Tagen mit einiger Mühe den Po. Tiefflieger und Partisanen machten jede Bewegung am Tage und auch in der Nacht überaus riskant. Am Po gab es keine intakten Brücken mehr, sondern lediglich noch Fähren, die wegen der ständigen Luftangriffe nur während der Dunkelheit übersetzen konnten. Als wir versuchten, auch unsere Kühe auf eine solche Fähre zu bringen, erklärte mich der Fährenkommandant für verrückt und drohte, uns insgesamt vom Transport auszuschließen. So ließen wir die Kühe zurück und waren froh, dass wir selber über den Fluss kamen. Von dort marschierten wir zwischen Versprengten anderer Einheiten in Richtung Vicenza. Plötzlich umringten uns an einem Ortseingang bewaffnete Zivilisten in großer Zahl. Wir hielten Widerstand für sinnlos und nahmen die Hände hoch. Einige Minuten war die Situation angespannt. Die Partisanen – um solche handelte es sich – schienen unschlüssig, was sie mit uns anfangen sollten. Dann erschien ein katholischer Priester, der begütigend auf sie einredete und uns – inzwischen war die Zahl der Gefangenen auf über 50 angewachsen –, von den Partisanen bewacht, auf den Dorffriedhof führte. Dort saßen wir acht Stunden zwischen den Grabsteinen, bis eine amerikanische Einheit eintraf und uns zu einer Gefangenensammelstelle auf einer großen Wiese brachte.

Binnen Kurzem versammelten sich auf dieser Wiese etwa 5000 Gefangene, und zwar nicht nur Deutsche, sondern auch Dienstverpflichtete, Freiwillige und sogenannte Hilfswillige aus vieler Herren Länder, die meisten in einem ziemlich kläglichen Zustand. Auf der anderen Seite der Wiese zogen in einer nicht abreißenden Kolonne amerikanische Einheiten mit Panzern, Lastwagen und Jeeps vorbei. Im Vergleich zu unseren armseligen Resten eine schier erdrückende Fülle an Menschen und Material, die uns den ganzen Wahnsinn der Hitler'schen Kriegsverlängerung aufs Drastischste vor Augen führte. Von Vicenza wurden wir nach einem kurzen Aufenthalt in einem Zwischenlager mit Lastwagen über den Futa-Pass nach Pisa transportiert. Die Ladeflächen waren mit 40 bis 50 Männern pro Fahrzeug dicht besetzt. In den Passkurven schwankten die Fahrzeuge bedenklich. Durch Pisa marschierten wir am frühen Morgen am Schiefen Turm vorbei in ein ausgedehnteres Gefangenenlager, in dem etwa 25.000 Mann untergebracht waren. Die Lebensbedingungen waren einigermaßen erträglich. Da ich von der Schule her etwas Englisch konnte, wurde ich als Dolmetscher eingesetzt.