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Thomas Krause
„We’re di forces of victri" – Konstruktion von ethnischer Gewalt zur Verwirklichung von Bürgerrechten. Ein Essay (S. 59-60)
Manchmal ist es so, dass Menschen glauben, eine Mode zu verstehen oder sich etwas Fremdem verbunden fühlen, das ihnen eigentlich verschlossen ist. Es gibt in der Forschung genügend Beispiele für dieses Missverständnis und der Einwand, das könne ein Forschungsgegenstand der Soziologie sein, ist natürlich richtig. Doch andererseits beschäftigen sich andere Teildisziplinen mit diesem Gegenstand und stellen sich dieser Frage. Auch die Vertreter der komparatistischen Imagologie haben sich dieser Auseinandersetzung nicht gescheut und sie angenommen. Diese Missverständnisse sind natürlich sehr verbreitet. Man denke an eine Kunstgalerie, in der moderne Werke ausgestellt sind. Beim Betrachten dieser Werke wird der Zuschauer bestimmte Gefühle, Empfindungen und vielleicht auch Lebenserfahrungen gespiegelt sehen, welche sein Nachbar ganz anders ausdrücken würde.
Fragt jedoch der Künstler des Werkes, welcher den Originaleindruck auf seine Art und Weise verarbeitet hat, was diese Menschen über dieses moderne, vielleicht auch schwer verständliche Werk aussagen würden, so entdeckt er häufig ein Phänomen, welches auch der Mode, dem Geschmack unterworfen ist. Die Zuschauer haben eine relativ einheitliche Meinung, unterworfen dem Zeitgeschmack und beeinflusst von der eigenen Vergangenheit. Mit anderen Worten, der Künstler lässt eine Freiheit der Interpretation, aber die Angesprochenen reagieren mit relativ einheitlicher Meinung. Auf dieses Problem stößt man auch, wenn man sich mit Literatur beschäftigt. Noch mehr, wenn man sich mit Texten auseinandersetzt, welche komplizierte Sachverhalte, beispielsweise zwischen Völkern oder Nationen, anhand von literarischen Bildern nachspüren möchten. „Political Correctness", Scheu vor dem Aussprechen unbequemer Dinge oder zu starke Parteinahme für eine Betrachtungsweise behindern manchmal die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit Literatur.
Die Forschungsgruppe „Imagologie" hat auf dieses Problem schon hinsichtlich der „Supranationalität" aufmerksam gemacht, welche die möglichst vorurteilsfreie Betrachtung von literarischen Texten beinhaltet. Dass das ein Idealzustand ist, welcher eigentlich nie erreicht werden kann, ist uns in der Auseinandersetzung mit dieser Problematik bewusst. Aber die Auseinandersetzung mit Literatur ist eben diesen Zwängen der Interpretation oft unterworfen. Ein aktuelles Beispiel ist die deutsche Literaturkritik zum Werk „Disgrace" von J.M. Goetzee. In diesem Roman des Nobelpreisträgers wird die tragische Geschichte eines Hochschullehrers für „Romantic Poetry" erzählt, der als „Womanizer" sein gewähltes Leben zwischen Wissenschaft und Sex genießt. Als der wegen einer sexuellen Beziehung zu einer Studentin die Technische Universität Kapstadt verlassen muss, zieht er zu seiner lesbischen Tochter aufs Land. Als sie eine brutale Gruppenvergewaltigung marodierender Landloser ertragen muss und sich entschließt, die daraus resultierende Schwangerschaft auszutragen, kulminiert in ihrem Vater die Erkenntnis, dass Südafrika ein brutales gesetzloses Land ist, an dessen Entstehung die Weißen beteiligt waren, aber dessen Opfer sie ebenfalls sind. Um überhaupt leben zu können, muss man sich den für uns „kulturlosen archaischen Gesetzen" der schwarzen Bevölkerungsmehrheit unterwerfen.
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