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Sterben im Hospiz - Der Alltag in einer alternativen Pflegeeinrichtung

Sterben im Hospiz - Der Alltag in einer alternativen Pflegeeinrichtung

von: Stefan Dreßke

Campus Verlag, 2005

ISBN: 9783593377179, 248 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 20,99 EUR

Ersparnis: 3,91 EUR

  • Freud und das Sexuelle
    Klinische Sozialarbeit
    Handbuch Sozialarbeit /Sozialpädgogik
    Einführung in die Selbstevaluation. Ein Leitfaden zur Bewertung der Praxis Sozialer Arbeit
    Instrumentenkoffer für den Praxisforscher
    Problemsoziologie. Eine Einführung
    Anthony Giddens
    Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften
  • Kommunitarismus
    Pädagogisches Grundwissen
    Neosexualitäten - Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion
    Judith Butler
    Coming out - Die Inszenierung schwuler Identitäten zwischen Auflehnung und Anpassung
    Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Sterben im Hospiz - Der Alltag in einer alternativen Pflegeeinrichtung


 

3. Leben im Hospiz (S. 50-51)

Der Eintritt des Patienten in das Hospiz markiert die abschließende Phase seiner Krankenkarriere und seiner Biographie. Die Bedingung zur Aufnahme in ein Hospiz ist eine unheilbare Krankheit, an der er voraussichtlich innerhalb von sechs Monaten stirbt. Es wird zudem verlangt, daß der Patient über seine unheilbare Krankheit aufgeklärt ist. Für alle Beteiligten besteht also (zumindest auf kognitiver Ebene) Klarheit darüber, daß der Patient sterben wird. Die Arbeit im Hospiz findet demnach unter den Bedingungen eines »offenen Bewußtheitskontextes« (Glaser und Strauss 1974) statt. Patienten, Angehörige und Mitarbeiter brauchen sich nicht rituellen Täuschungen hinzugeben, in denen eine Maskerade des gesundenden Kranken und die Illusion der Heilung aufrechterhalten wird. Dies bedeutet zugleich, daß das Ende des Aufenthalts der Patienten im Hospiz ihr Tod ist und die Erwartung einer Entlassung oder Verlegung nicht mehr besteht.

Die Sozialformen im Hospiz, also Normen, Interaktionen, gegenseitige Erwartungen und geteiltes Wissen, sollen hier anhand der zeitlichen Strukturierung der Arbeit am Patienten dargestellt werden. Vorerst soll es um die formalen Bedingungen der Karriere des Hospizpatienten gehen. Es lassen sich folgende Fragen stellen: Welche Anforderungen müssen vom Patienten und seinen Angehörigen erfüllt werden? Wie lernt ein Patient, sich in der neuen Einrichtung einzufinden? Und welche Hilfestellungen und Vorkehrungen hat das Hospiz dafür zu bieten? Die Arbeit am Patienten ist die Arbeit an seinem Fallverlauf, der Detailstrukturierungen und Minipassagen enthält. Um bei aller Verschiedenartigkeit und Individualität der Verläufe deren Gemeinsamkeiten hervortreten zu lassen, sollen sie in drei Phasen getrennt betrachtet werden: Die Phase des Ankommens ist die Zeit, in der sich der Patient mit dem Hospiz und seinen Normen bekannt macht. In der Phase des Sich- Einrichtens macht es sich der Patient in seiner neuen Welt bequem und versucht so weit es geht, Normalität zu leben. Die Phase des Sterbens kennzeichnet schließlich durch die Transformation vom Lebenden zum Toten das Ausscheiden aus der Institution. Diese drei Phasen stellen eine Heuristik dar, in der Verläufe geordnet werden können.

Während der jeweils achtwöchigen Beobachtungen in den zwei Hospizen lernte ich insgesamt 69 Patienten kennen. In diesen beiden Zeitfenstern konnte ich den Werdegang von 20 Patienten von ihrem Eintritt in das Hospiz bis zu ihrem Tod verfolgen. Zwei Patienten wurden entlassen. Bei vielen Fallverläufen konnte ich die Hospizbiographie nicht vollständig miterleben. Sie sind durch die begrenzte Beobachtungsdauer gewissermaßen am Anfang (17 Patienten, wovon zwei entlassen wurden) oder am Ende (23 Patienten) abgeschnitten. Sieben Langzeitpatienten waren zu Beobachtungsbeginn schon geraume Zeit im Hospiz und wurden zum Abschluß der Beobachtung noch betreut. Durch Nachfragen wurde versucht, die fehlenden Karriereteile zu vervollständigen. Durch die Dreiteilung des Patientenverlaufs können auch die unvollständig aufgezeichneten Karrieren wichtige Informationen und Hinweise für ihre Strukturierung liefern.

Die richtigen Patienten

Sterben ist ein Vorgang, der auch im Hospiz weitgehend als medizinischer Ablauf kontrolliert wird. Es hat seinen Ursprung in einer Krankheit, die nicht mehr hinreichend behandelt oder geheilt werden kann. Man kann also sagen, daß mit dem Eintritt in das Hospiz ein durchaus erfolgreich gehandhabtes Etikett für den Patienten vergeben wird: »Sterbend, innerhalb von sechs Monaten und über die Krankheit aufgeklärt«. Dieses Etikett ist ein Ergebnis diagnostischer und therapeutischer Abläufe, in denen die Ärzte zu der Prognose der Unheilbarkeit und des Fortschreitens einer zum Tode führenden Krankheit kommen. Die ärztliche Prognose- und Diagnoseerstellung verläuft nicht gleichförmig und ist von Ungewißheiten und Unsicherheiten durchzogen (vgl. Kirschning 2001 für die Diagnoseerstellung bei Brustkrebs). Für die Einordnung des Hospizes im Rahmen der Patientenkarriere scheint wichtig zu sein, daß erst die ärztliche Sterbeprognose die Hauptbedingung für den Hospizaufenthalt darstellt. Wieder fungiert, wie auch in anderen Bereichen des Sozial- und Gesundheitssystems, der Arzt als Gatekeeper für die Gewährung von solidarisch konzipierten Dienstleistungen.