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Die Königin der Herzen (S. 98-99)
»Wir alle haben Grund zur Buße.« Baldwin, Bruder Torhüter
1.
Raymond sah durch die Fensteröffnung im Obergeschoss des alten Palas auf die Vorburg hinaus: Hühner, Schweine, Hunde, dazwischen die ihrer Arbeit nachgehenden Bediensteten. Als er das ehemalige Herrenhaus in Augenschein genommen hatte, hatte sich herausgestellt, dass sein Innenleben weniger baufällig war, als es von außen den Anschein gehabt hatte – mit weniger Aufwand, als den steinernen Bergfried zu errichten, hätte Robert es wieder in Schuss bringen können.
Das Gebäude hatte einen Obst- und Gemüsegarten verdeckt, der ideal zum Haus lag, ebenso der Backofen. Vom Bergfried aus, wo sich jetzt die Küche befand, war es jedes Mal ein weiter Weg. Vielleicht hatte sich Robert mit seiner aufwendigen Baumaßnahme doch in Wahrheit nicht verbessert, und der beeindruckende äußere Schein verblasste vor den nicht beachteten Anforderungen des täglichen Lebens. Doch das war es nicht, woran Raymond hauptsächlich dachte.
Etwas, oder besser gesagt jemand anderer, nahm den eigentlichen Teil seines Denkens ein, jemand, der jetzt vom Bergfried her mit raschen, kurzen Schritten in die Vorburg herunterstürmte, den Saum des Rocks hoch genug gerafft, dass er nicht im Schlamm schleifte. Suzanne Ambitien. Was von ihren Beinen zu sehen war (und bei ihrer hastigen, resoluten Gangart war es nicht wenig, sie musste den Rock bis über die Knöchel heben, um sich so rasch bewegen zu können), war von Stiefeln bedeckt.
Die Mode, hochhackige Pantoffeln unter dem Kleid zu tragen, die die Gestalt reckten und sie möglichst den kunstvoll überhöhten schlanken Figuren der Teppichsticker und Bildermaler angleichen sollten, war noch nicht bis in diese einsame Enklave vorgedrungen; oder vielleicht schien sie Suzanne nicht praktisch genug.Suzanne hielt an, um mit einem der Dienstboten zu sprechen. Raymond erwartete, dass der Mann zusammenzuckte, doch er verbeugte sich nur knapp und zuckte dann mit den Schultern.
Suzanne sah sich in der Vorburg um. Ihr Gesicht war finster. Der Knecht nahm seine Arbeit wieder auf. Suzanne steuerte auf die Stallungen zu. Als sie dort verschwand, fühlte Raymond sich unwillkürlich erleichtert. Das unvermutete Auftauchen Guiberts und seine Versuche, Raymond mit den Blicken zu ermorden, hatten Raymond weniger erschüttert als Suzannes hitziger Auftritt. Er hatte noch niemals erlebt, dass eine Frau sich ihrem Mann derart entgegenstellte, und schon gar nicht vor Gästen. Noch nicht einmal Odile de Chatellerault hatte mehr getan, als ihrem tiefen Missfallen durch eine ernste Miene Ausdruck zu verleihen, und sie hätte weiß Gott genügend Gründe gehabt, eine Szene zu machen.
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