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7 Vater-Tochter-Inzest (S. 77-78)
Von allen Inzestformen ist der Vater-Tochter-Inzest am häufigsten beschrieben und seine Dynamik am besten bekannt. Zum Vater-Tochter-Inzest gehören auch sexueller Mißbrauch durch Stiefväter und Adoptiv- bzw. Pflegeväter. Da die Blutsverwandtschaft allein keine Rolle spielt, wird sich der sexuelle Mißbrauch durch Ersatzväter demjenigen durch den biologischen Vater um so mehr nähern, je mehr Stiefvater und Stieftochter zusammengelebt und eine enge Beziehung entwickelt haben. Als Schutz vor Inzest wird das Inzesttabu und das enge Zusammenleben seit dem Säuglings- und Vorschulalter beschrieben; das beobachtete höhere Risiko für Stieftöchter (17 % aller sexuell mißbrauchten Frauen, die eine nennenswerte Beziehung zu ihrem Stiefvater entwickelt hatten, im Vergleich zu 2 % der Frauen, die mit dem biologischen Vater zusammengelebt hatten – Russell 1983, 1986; ein erhöhtes Risiko wird auch von Gordon 1989 und Phelan 1986 berichtet) wurde von den genannten Autoren mit diesen Hypothesen begründet. Die Befunde über den Schweregrad des Stiefvater-Stieftochter-Inzests im Vergleich zu dem durch den biologischen Vater sind verschieden [Diskussion s. bei Gordon (1989)]; wegen der nach längerem Zusammenleben identischen Dynamik wird er hier mit dem Vater-Tochter-Inzest gleichgesetzt.
Neben den Daten aus der Literatur steht mir das Material von inzwischen über 40 Patientinnen aus meiner psychoanalytisch-psychotherapeutischen Praxis zur Verfügung, die Inzest mit dem Vater in einem so späten Lebensalter erlebten, daß sie sich eindeutig daran erinnern können. Bei weiteren Patientinnen wurde das inzestuöse Agieren des Vaters nicht als hartes Faktum erinnert, jedoch im Laufe der analytischen Arbeit mit derartiger Evidenz, z. B. durch Träume und Erinnerungen, erarbeitet bzw. in seiner emotionalen Qualität reproduziert, daß für mich kein Zweifel an der Realität besteht. Hier handelte es sich wohl eher um einmalige Ereignisse in relativ sehr früher Kindheit, die der Amnesie verfallen waren. Wie auch bei anderen Berichten aus der ambulanten Praxis (Westermeyer 1978; Rosenfeld 1979 b) ließen sich die Inzestopfer nicht von anderen Patienten unterscheiden, ihre Symptomatik kam auch ohne Inzest vor. Die soziale Schichtzugehörigkeit war noch eher durchschnittlich als bei der Gesamtheit meiner Patienten: fast alle Inzestopfer kamen aus bürgerlichen Mittelschichtfamilien, ihre Väter waren Handwerker, Facharbeiter, zum kleinen Teil Akademiker. Nur in zwei Fällen waren sie ungelernte Arbeiter, manchmal blieb der Beruf unbekannt (nur Vorgespräche). Außerdem wurden hier und zur Erarbeitung der Psychodynamik und Familiendynamik Berichte von ehemaligen Inzestopfern herangezogen, die in dem ein drucksvollen Buch von Gardiner-Sirtl (1983) mit dem Titel Als Kind mißbraucht veröffentlicht wurden.
7.1 Das Inzestgeschehen
ür den Vater-Tochter-Inzest lassen sich einige äußere Charakteristika unterscheiden. Ohne tiefere familiendynamische Untersuchungen feststellbare soziale Merkmale haben zu der oft zitierten Einteilung in promiskuöse, endogamische und pädophile Familien durch Weinberg (1955) geführt. Obwohl Weinberg eine Gruppe von überführten Inzesttätern untersuchte, in der ein Überwiegen der „Asozialität" zu vermuten gewesen wäre, war doch in dieser Gruppe bereits ein zahlenmäßiges Überwiegen des „endogamischen" Inzests zu beobachten, während die des pädophilen Inzests den geringsten Teil darstellte. Weinberg (1955) beschreibt die verschiedenen Inzestfamilien unter besonderer Berücksichtigung der Persönlichkeiten des Vaters.
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