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4. Erst vertraut, dann verfolgt:
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (S. 89 - 90)
»Ich habe Hitler unterstützt.« Das bekennt Dr. Fritz Thyssen in dem von den alliierten Siegermächten angeordneten Entnazifizierungsverfahren 1948 in Königstein im Taunus. Aber! Das Bekenntnis muss mit einer Vielzahl von »aber« gelesen werden. Wahr ist: Thyssen ist Nazi. Wahr ist auch: Thyssen ist vehementer Nazigegner.
In einem Lebensbericht, den er für seine Enkel schreibt, erklärt er: »Hitler sicherte mir zu das Bündnis mit England, das Bündnis mit Polen, ein neues Konkordat mit dem Papst, die Wiederherstellung der Hohenzollern, den Ständestaat, um den erzielten Frieden zu bewahren.« Er glaubt, sich auf Hitler verlassen zu können. Hitler hingegen droht: »Von diesen Industriekapitänen wie Thyssen lasse ich mir nichts vormachen.« Umso größer ist Thyssens Enttäuschung, als sein Vertrauen und das, wie er sagt, des deutschen Volkes verraten wird. Da klagt Thyssen Hitler an. Thyssen glaubt und hofft, mit den Nationalsozialisten käme eine neue und gerechtere Wirtschafts- und Sozialordnung, sieht sie als »einen aktiven Faktor bei der Gesundung Deutschlands«. Doch als der einflussreichste deutsche Schwerindustrielle und oberste deutsche Stahlmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke AG, das Verbrecherische in der Ideologie und in den Taten der Nationalsozialisten erkennt, macht er nicht mehr mit. Er zieht sich zurück, um dann, von ihnen ausgestoßen, ihr Gegner zu werden. So ist er der einzige Industrielle, der sich offen gegen die Kriegsabsichten Hitlers stellt. Er ist auch der einzige deut sche Industrielle, der nicht aus Hitlers Krieg Profit zieht. Sein Leben verläuft zwar ambivalent. Gespeist durch ein übersteigertes Nationalund rheinisches Gefühl, fällt er »uneigennützig, gutwillig, gläubig, beeinflussbar«, wie ein Historiker ihn charakterisiert, auf großspurige politische Versprechen herein. Letztlich jedoch ist sein Handeln auch von seinem Gewissen und Verantwortungsbewusstsein bestimmt, eine Haltung, die in der Zeit der Naziherrschaft vielen abhanden kommt. Fritz Thyssens Leben ist ein traumatisches und sehr deutsches Schicksal, das kaum bekannt ist.
Sechs Mal tritt der Industrielle Fritz Thyssen, August Thyssens Erstgeborener, ins grelle Licht der Öffentlichkeit. In zwei Fällen sind es dramatische Gerichtsverhandlungen. Als er sich 1923 gegen die französische Ruhrbesetzung stellt, verurteilt ihn ein Militärgericht. Als nach dem Tode des Vaters 1926 wichtige deutsche Stahlwerke zur Vereinigten Stahlwerke AG zusammengeschmiedet werden, steht er als Aufsichtsratsvorsitzender an der Spitze. Zum dritten Male wird die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam, als der mächtigste deutsche Industrielle Thyssen Adolf Hitler vor dem »Industrieclub« in Düsseldorf Anfang 1932 hofiert, der dort auf seine Partei, die NSDAP, aufmerksam machen will. Jahre später macht sein Name im westlichen Ausland Schlagzeilen: Deutschlands einflussreichster Kapitalist sagt sich von Hitler los und geht ins Exil. Im Ausland erscheinen seine anklägerischen Briefe an die Nazifunktionäre. Unter seinem Namen erscheint im Ausland das Buch I paid Hitler. Dass er zum Erscheinen des Buches bereits Hitlers Häftling in einer Irrenanstalt ist, erfährt die Öffentlichkeit erst nach dem Krieg.
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