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Der Teufel von Mailand

von: Martin Suter

Diogenes, 2013

ISBN: 9783257603347 , 304 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

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Der Teufel von Mailand


 

[7] 1

Es roch nicht mehr schieferblau, und auch die Stimmen konnte sie nicht mehr sehen.

Das Zimmer lag im Halbdunkel. Durch die Jalousien drang gerade soviel Tag, wie Sonia brauchte, um ihren Weg durch die Möbel und Kleidungsstücke zur Tür zu finden.

Sie öffnete sie und stand in einer Diele. Durch die verzierten Milchglasscheiben der Wohnungstür drang das Licht vom Treppenhaus – und ging aus.

Sie tastete sich an der Wand entlang zu der ersten der drei Türen, die sie im Treppenhauslicht hatte erkennen können. Eine davon mußte die Toilette sein.

Die Türklinke fühlte sich kühl an. Nichts weiter. Nicht zartbitter oder süßsauer, einfach kühl.

Sie betrat ein verdunkeltes Zimmer und hörte tiefe, regelmäßige Atemzüge. Hörte. Nicht hörte und sah. Immerhin.

Leise schloß sie die Tür, tastete sich zur nächsten und stand in einer hell erleuchteten Küche.

Am Küchentisch saßen zwei Männer. Sie tranken schweigend Kaffee und rauchten. Überall standen halbleere Gläser und Teller mit Essensresten herum. Im Spülbecken türmte sich das Geschirr.

[8] Die Männer schauten zur Tür, und an der Art, wie sie sie anstarrten, merkte sie, daß sie nackt war.

»Die Toilette?« fragte sie. Wo sie nun schon einmal hier war.

»Nächste Tür«, sagte der eine. Der andere starrte nur.

Sonia gönnte ihnen auch einen Blick auf ihre Rückseite und verließ den Raum.

In der Toilette stank es nach Erbrochenem, das jemand von der Brille zu wischen versucht hatte. Papier war keines mehr da.

Sie schaute in den Spiegel, um herauszufinden, ob sie so schrecklich aussah, wie sie sich fühlte.

Nein, ganz so schlimm war es nicht. Aber etwas beunruhigte sie: Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, weckte keinerlei Gefühle in ihr. Weder Sympathie noch Vertrautheit, noch Nachsicht, noch Mitleid. Sie hatte nichts zu tun mit der Frau in diesem Spiegel.

Sie prüfte den Zustand des Handtuchs und sah davon ab, es sich um die Hüften zu schlingen. Sie verließ die Toilette so, wie sie sie betreten hatte.

Das Licht im Treppenhaus war wieder angegangen und leuchtete ihr den Weg zum Zimmer.

Dort fand sie einen Schalter und betätigte ihn. In den vier Ecken zuckten vertikale Leuchtstoffröhren auf. Die rote, die gelbe und die blaue brannten nach ein paar Sekunden. Die grüne fuhr fort zu flackern.

Außer den vier Röhren besaß das Zimmer keinen Wandschmuck. Auf dem Parkettboden herrschte eine Unordnung, die älter sein mußte als eine Nacht.

Sonia fand ihren Slip und zog ihn an.

[9] »Haben wir miteinander geschlafen?«

In der Tür stand einer der Männer aus der Küche. Er war barfuß, trug eine schwarze Hose und ein weißes T-Shirt. Sein Gesicht war unrasiert und seine schwarzen Haare zerzaust. Bei beidem war sie sich nicht sicher, ob es zu seinem Styling gehörte.

»Ich kann mich nicht erinnern.«

Der Mann grinste und zog die Tür hinter sich zu. »Vielleicht fällt es uns dabei wieder ein.«

»Noch einen Schritt, und ich trete dir in die Eier.« Sonia fuhr fort, ihre Kleider zusammenzusuchen. Der Mann blieb stehen und hob die Hände, als wollte er zeigen, daß er unbewaffnet war.

Sonia fand ihren BH und zog ihn an. »Was war das für ein Zeug?«

»Acid.«

»Ihr habt gesagt, es sei California Sunshine.«

»Blue Mist, Green Medge, Instant Zen, White Lightning, Yellow Dimples, California Sunshine: alles Namen für Acid.«

Daß Sonia sich nicht erinnern konnte, war gelogen. Ihr fiel es schwerer, etwas zu vergessen, als etwas zu behalten. Ihr Gedächtnis war ein gewaltiges Archiv von Bildern, die sie nach Bedarf abrufen konnte. Auch Wörter hatte sie als Bilder archiviert, Konjugationstabellen, Gedichte, Namen.

Und auch Zahlen. Die Einer-, Zweier-, Dreier-, Vierer-, Fünfer- und Sechserreihen waren in roter, blauer, gelber, grüner, violetter und orangefarbener Kreide auf schwarzem Schiefer gespeichert, in der verschnörkelten Schulschrift [10] von Fräulein Fehr, ihrer Lehrerin. Alles die falschen Farben, außer dem Gelb für die Drei. Als sie Fräulein Fehr darauf aufmerksam machte, wies diese sie zurecht. Es gebe keine richtigen und falschen Farben für Zahlen, hatte sie behauptet. Damals hatte Sonia begonnen, diese Dinge für sich zu behalten.

Die Siebenerreihe trug die rundere Handschrift der viel jüngeren, viel netteren Fräulein Keller, deren Namen sie ebenfalls als Bild abgelegt hatte: »Ich bin Ursula Keller« in rosa Kreide auf schwarzer Wandtafel. So hatte sie sich der Klasse vorgestellt, als sie Fräulein Fehr vertreten mußte. Erst für ein paar Wochen, dann für ein paar Monate und, nachdem die ganze Klasse und die ganze Schule eine Blume mitbringen mußte für das arme Fräulein Fehr, für immer.

Alle Zahlenreihen ab sieben trugen die Handschrift von Fräulein Keller. Bis zum heutigen Tag konnte Sonia sie bei Bedarf einfach ablesen.

Damals, als sie das in der Schule tat, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Abschreiben war verboten, und was sie tat, war ja nichts anderes. Ihre Rechenaufgaben, ihre Wörter, ihre Verse schrieb oder las sie einfach ab von den Bildern, die sie im Kopf hatte. Sie konnte sich nicht richtig freuen über ihre guten Noten und legte Fräulein Keller eines Tages ein Geständnis ab. Erst als diese ihr versicherte, aus dem Kopf abschreiben sei nicht verboten, verflogen die Gewissensbisse.

Diese Gabe hatte ihr während der ganzen Schul- und Ausbildungszeit mehr geschadet als geholfen. Sie konnte zwar die kompliziertesten Algebraformeln aufstellen, wenn sie sie vorher schon einmal gesehen hatte, aber [11] nachvollziehen konnte sie sie nie. Das gleiche galt für chemische und physikalische Formeln, Flüsse, Städte, Jahreszahlen, Vokabeln und Gedichte. Deswegen galt sie immer als eine phänomenale Begabung ohne jeglichen Ehrgeiz. Sie bestand ihre Matur mit der Minimalnote, die ihr die Lehrer als Denkzettel für soviel Talentverschwendung gaben.

Die Bilder der letzten Nacht hatte sie natürlich auch gespeichert.

Die regennasse Straße, in deren Pfützen sich, neonblau und halogenweiß, Fragmente des Schriftzugs des Meccomaxx spiegelten.

Die Gestalten auf der Tanzfläche, die sich anstatt im gemächlichen Rhythmus des Trance Sounds im Zeitraffer des Stroboskops bewegten.

Die Bar mit den in blutrotes Licht getauchten Gesichtern, unter denen sich auch die der beiden Männer aus der Küche befanden.

Die zwei im blauen Fixerlicht der Damentoilette fast unsichtbaren Tabletten auf ihrer Handfläche.

Und dann plötzlich die Musik als Zeitlupenaufnahme einer Lawine aus silbernen und schlachtschiffgrauen Würfeln, die auf sie zurollten und -hüpften und -taumelten. Und die Stimme des einen Mannes aus der Küche – er hatte einen sandgelben Namen –, die als Muster aus gewellten schwarzen und weißen Bändern perspektivisch in der oberen rechten Ecke der Projektionsfläche verschwand. Muster, die jedesmal, wenn er etwas sagte, vor ihren Augen entstanden.

Und später – wieviel später? – die weiße Tapete, die sich [12] in ihre Pixels auflöste, welche sich zu dunklen Flecken verdichteten oder als Wogen über die Wand zogen wie die Ähren, wenn der Sommerwind über ein Kornfeld weht.

Wie lange hatte sie dem Treiben der Pixels zugeschaut? Minuten? Stunden? Nach wieviel Zeit war der Mann mit dem sandgelben Namen – Pablo? Ja, Pablo –, nach wieviel Zeit war Pablo aufgetaucht und hatte die Pixels vertrieben?

Auch von ihm gab es Bilder. Das Yin-Yang-Tattoo auf der rechten Hinterbacke. Das krause Fell über dem Kreuzbein, das sich dunstblau anfühlte. Und wieder die Stimme, jetzt farbig, aber immer noch graphisch, ein später Vasarely.

»Normalerweise erinnern sich die Frauen, ob sie mit mir geschlafen haben«, sagte Pablo.

»Die Männer normalerweise bei mir auch.« Sonia hatte sich fertig angezogen. »Hast du meine Handtasche gesehen?«

»Wie sieht sie aus?«

»Wie eine E-Gitarre klingt.«

Das Taxi sah aus, als lebte der Fahrer darin. Und auch der Fahrer machte diesen Eindruck. Es stank nach abgestandenem Rauch und dem Big Mac, der zwischen Fahrer- und Beifahrersitz in der offenen Styroporschachtel lag und von dem er bei jedem Rotlicht ein Stück abbiß.

Sonia fingerte am Fensteröffner, aber die Scheibe reagierte nicht.

»Ist Ihnen heiß?«

»Nein.«

[13] »Gut. Ich friere nämlich.«

»Ich will nur verhindern, daß ich Ihnen das Polster vollkotze.«

Der Fahrer drückte auf einen Knopf, und die Scheibe neben Sonia glitt ins Innere der Türverkleidung.

Die kühle Luft eines schmutzigen Apriltages blies ihr ins Gesicht. Der Taxichauffeur schlug vorwurfsvoll den Kragen seines Lumbers hoch.

Erst kurz vor Sonias Fahrziel brach er sein Schweigen. Sie wurden von einem Polizisten angehalten und mußten warten, bis eine der drei Ambulanzen, die am Straßenrand parkten, weggefahren war.

Hinter einer Absperrung stand eine kleine Menschenmenge und starrte auf das Rambazamba, eine Bar mit Live-Volksmusik, deren Eingang nun von zwei Uniformierten bewacht wurde.

»Vielleicht hätten die einen andern Namen wählen sollen«, fand der Fahrer.

»Vielleicht«, antwortete Sonia. Dann wartete sie stumm, bis der Polizist sie durchwinkte.

Vor dem Haus, in dem sie wohnte, stand ein Kastenwagen. »Kohler«, stand auf der Seite, »Umzüge und Selbstumzüge«. Das »O« von »Kohler« war ein gelber Smiley. Auf dem Asphalt hinter der Ladefläche warteten ein paar schäbige Möbelstücke darauf, verstaut...