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Kapitel 3: Eskalationsprozesse (S. 63-64)
Bei jeder Konfrontation mit Gewalt ist es unabdingbar, die mit ihr verbundenen Eskalationsprozesse zu verstehen.Wie schon erwähnt, lassen sich hier zwei Arten unterscheiden, die symmetrische (reziproke) und die komplementäre Eskalation (Bateson 1981; Orford 1986, s. a. Omer u. v. Schlippe 2002). In Eltern-Kind-Beziehungen können sich diese beiden Typen gegenseitig anstoßen und verstärken. Ein fortwährendes Pendeln zwischen Nachgeben und Austeilen ist als gemeinsames Charakteristikum von Familien mit gewalttätigen und selbstzerstörerischen Kindern nachgewiesen worden (Bugental et al. 1989; Patterson et al. 1984; Schweitzer 1987, 1997). In diesem Kapitel wollen wir versuchen, die Prozesse aufzuspüren, die diese beiden Arten von Eskalation antreiben, und mögliche Wege vorschlagen,wie man sie abwenden kann.
Unterwerfung
Eltern unterwerfen sich, um Ruhe zu erkaufen. Diese Hoffnung wird sich jedoch langfristig als illusorisch erweisen, weil das Kind zugleich mit der zunehmenden Unterwerfung der Eltern den Preis für die Ruhe durch neue Forderungen und weitere extreme Handlungen erhöht. Die Mechanismen sind in der sozialen Lerntheorie (Patterson 1980, 1982; Patterson et al. 1984, 1992) intensiv untersucht worden. Es entsteht eine Art »Trainingssituation« für gewalttätiges Verhalten, die dazu führt, dass sich die Eltern zunehmend hilfloser fühlen. Trainiert wird die Position einer allgegenwärtigen Unterwürfigkeitshaltung; die aggressiven Forderungen des Kindes werden verstärkt bis hin zu einem Grad, in dem Eltern selbst Opfer kindlicher Gewalt werden können (das so genannte »battered parent syndrome«, Harbin u. Madden 1979). Das Kind wird für sie »zur Quelle permanenter traumatischer Erfahrungen« (Pleyer 2003).
Die Eltern glauben zunehmend, dass es für sie keinen Weg des Widerstehens gibt, sondern dass sie das Familienleben – einschließlich des Verhaltens ihrer anderen Kinder – den Forderungen des aggressiven Kindes anpassen müssen. So werden die Eltern zu Erfüllungsgehilfen des Willens ihres aggressiven Kindes, wobei sie nicht nur sich selbst, sondern langfristig auch ihren anderen Kindern schaden. Aus der Unterwerfung aufzutauchen ist ein allmählicher Prozess und keinesfalls dasselbe wie »sich auf den Kriegspfad zu begeben«.Tatsächlich hat der Versuch, von Unterwerfung auf Kriegspfad umzuschalten, meist fürchterliche Folgen – und ist ein Aspekt der eben angesprochenen Pendelbewegung: Versuche, sich durchzusetzen, sich »nichts mehr gefallen zu lassen«, und Hilflosigkeit wechseln sich ab. Denn die Intensität der Aggression in der Familie wird erhöht und paradoxerweise der Weg der Eltern zu erneuter Unterwerfung damit gebahnt. Eine Haltung gewaltlosen Widerstands hingegen hat einen völlig anderen Effekt.
Dann sagt der Elternteil nicht zu sich: »Ich werd’s ihm zeigen!« oder »Das kriegt er zurück!«, sondern eher: »Ich kann Widerstand leisten, ohne zurückzuschlagen!« Der Übergang von der Unterwerfung zum GLW gibt den Eltern Spielraum, die Situation jeweils neu einzuschätzen und, wenn nötig, von fruchtlosen Forderungen Abstand zu nehmen. Paradoxerweise können genau die Eltern widerstehen, die auch Konzessionen machen können! Viele Eltern meinen, dass sie sich vor jedem Verhalten hüten müssten, das wie Schwäche anmutet, und dass es einer Niederlage gleichkäme, einen Fehler zuzugeben.
Diese Einstellung widerspricht dem Geist des gewaltlosen Widerstands, der die Bereitschaft zu einem Richtungswechsel und Rückzug von unguten Aktionen fordert. Mahatma Gandhi zögerte nicht, eine Widerstandsaktion aufzuschieben, wenn Gewalt auf der Seite der Anhänger zu befürchten war. Seiner Ansicht nach war nichts dem gewaltlosen Widerstand fremder als Versuche, der anderen Seite zu zeigen »wer der Stärkere ist.« Eltern wappnen sich gegen Unterwerfung, indem sie aus der Isolation auftauchen, das Siegel der Geheimhaltung aufbrechen und das Bewusstsein entwickeln, dass die Gewalt des Kindes keine unausweichliche Determinante ist. Diese Prozesse sind jedoch schwer in Gang zu setzen, solang die Eltern von der Furcht gelähmt sind, das Kind könne selbst zusammenbrechen, weglaufen oder sich umbringen.
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