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Wilde Emotionen, totes Gewebe.
Als polare Gegensätze hatte Jeremy Carrier sie immer angesehen.
Im Rahmen eines Krankenhauses gab es keine zwei Disziplinen, die weniger miteinander gemein hatten als Psychologie und Pathologie. Als jemand, der die Erstere ausübte, hatte sich Jeremy immer seine Aufgeschlossenheit zugute gehalten; ein guter Psychotherapeut arbeitete hart daran, Vorurteile zu vermeiden.
Aber in all den Jahren seiner Ausbildung und seiner klinischen Arbeit am City Central Hospital hatte Jeremy wenige Pathologen getroffen, die nicht nach demselben Muster geschaffen waren: verschlossene, vor sich hin murmelnde Typen, die sich mit Brocken nekrotischen Fleisches, dem abstrakten Expressionismus von Abstrichen und im Kühlhaus-Ambiente der Leichenhalle im Souterrain wohler fühlten als mit lebenden, atmenden Patienten.
Und seine Kollegen in der psychologischen und psychiatrischen Zunft und alle anderen Soldaten der geistigen Gesundheitsarmee waren überaus zart besaitete Naturen, die der Anblick von Blut abstieß.
Dabei war es nicht so, als hätte Jeremy tatsächlich irgendwelche Pathologen kennen gelernt, obwohl er ein Jahrzehnt lang in den Korridoren an ihnen vorbeigegangen war. Die gesellschaftliche Struktur des Krankenhauses war zu High-School-Empfindsamkeiten regrediert: Wir-Sie als Religion, eine kräftige Vermehrung von Kasten, Cliquen und Intrigen, endlose Rangeleien um Macht und Territorium. Hinzu kam die Verkehrung von Zweck und Mittel, diejede Bürokratie erobert: Das Krankenhaus hatte sich von einem Ort der Heilung, der Gelder benötigte, um Patienten zu behandeln, zu einem städtischen Arbeitgeber in großem Maßstab entwickelt, der Patientenhonorare brauchte, um die Löhne und Gehälter seiner Belegschaft zu bezahlen.
All das schuf einen gewissen asozialen Beigeschmack. Ein Bündnis der Isolierten.
Am City Central gesellte sich Gleich gern zu Gleich, und nur die allerletzten Notwendigkeiten ärztlicher Versorgung führten zu Fremdbestäubung: Internisten, die schließlich ihre Niederlage zugaben und Chirurgen hinzuzogen, Allgemeinmediziner, die tief Luft holten, bevor sie sich in den Sumpf der Therapie stürzten.
Welchen Grund konnte es für einen Pathologen geben, einen Psychologen zu Rate zu ziehen?
Aufgrund all dessen - und weil eine teuflische Wendung des Schicksals Jeremy Carrier in einen gequälten, zerstreuten jungen Mann verwandelt hatte - brachte ihn Arthur Chess' Eröffnung aus dem Gleichgewicht.
Vielleicht bildete Jeremys Zerstreutheit die Grundlage für alles Folgende.
Seit fast einem Jahr sah Jeremy Arthur einmal pro Woche, aber die beiden Männer hatten nie ein Wort miteinander gewechselt. Trotzdem blieb Arthur jetzt im Speisesaal der Ärzte Jeremy gegenüber stehen und fragte ihn, ob es ihm recht sei, wenn er sich zu ihm setze.
Es war kurz vor 15 Uhr, die eigentliche Mittagspause war längst vorüber und der Speiseraum beinahe leer.
Jeremy sagte: »Klar«, und merkte dann, dass das eine krasse Übertreibung war.
Arthur nickte und ließ seinen schweren Körper auf einen kleinen Stuhl sinken. Auf seinem Tablett standen zwei Portionen Brathähnchen, ein Berg Kartoffelpüree mit Soße, ein vollkommenes Quadrat Maisbrot, eine kleine Schüssel Succotash - junger Mais mit Bohnen - und eine Dose Coca-Cola, auf der sich Kondenswasser gebildet hatte.
Jeremy starrte auf das Essen und fragte sich: Kommt er aus den Südstaaten? Er versuchte sich zu erinnern, ob Arthurs Stimme einen entsprechenden Akzent hatte, und glaubte, das verneinen zu können. Wenn überhaupt, lag im Bariton des älteren Mannes ein Hauch von Neuengland.
Arthur Chess zeigte kein unmittelbares Interesse an Konversation. Er breitete eine Serviette in seinem Schoß aus und widmete sich dem ersten Hähnchenteil. Er machte rasche und elegante Schnitte mit seinen langen Fingern, deren breite Nägel kurz gestutzt waren. Sein langer weißer Laborkittel war bis auf einen verstörenden rosaroten Spritzer auf dem rechten Ärmel von der Farbe frisch gefallenen Schnees. Unter dem Kittel trug er ein Oxford-Hemd mit blauen Pünktchen und Button-down-Kragen. Arthurs tiefrote Fliege hing auf eine Weise schief, die Absicht vermuten ließ.
Jeremy schätzte den Pathologen auf mindestens fünfundsechzig, vielleicht älter, aber seine rosafarbene Haut strahlte vor Gesundheit. Ein gepflegter weißer Backenbart, der Arthurs langes Gesicht umrahmte, vermittelte einen Eindruck davon, wie der Lincolns ausgesehen hätte, wenn es dem ehrlichen Abe vergönnt gewesen wäre, alt zu werden. Sein kahler Schädel hatte unter der grausamen Krankenhausbeleuchtung etwas geradezu mondähnlich Imposantes.
Jeremy kannte Arthurs Ruf so, wie man sich des Lebenslaufs eines Fremden bewusst ist. Professor Chess, früher Chef der Pathologie, hatte sich vor einigen Jahren seiner administrativen Verpflichtungen entledigt, um sich auf die
Forschung zu konzentrieren. Irgendwas mit bösartigen Bindegewebsgeschwülsten, den Minuzien der Durchlässigkeit von Zellwänden oder was auch immer.
Arthur genoss auch den Ruf eines Weltreisenden und Amateur-Lepidopterologen. Seine Abhandlung über die Aas fressenden Schmetterlinge Australiens hatte in der Krankenhausbuchhandlung neben den üblichen Taschenbüchern mit Unterhaltungsliteratur ausgelegen. Jeremy war der einzelne Stapel schmutzig brauner Bände ins Auge gefallen, weil sie im Vergleich mit den Umschlägen reißerischer Bestseller trist aussahen. Der braune Stapel schien nie kleiner geworden zu sein; warum sollte ein Patient auch etwas über Insekten lesen wollen, die Leichen fraßen?
Arthur vertilgte drei Bissen Hähnchenfleisch und legte die Gabel hin. »Ich hoffe wirklich, Sie halten mich nicht für aufdringlich, Dr. Carrier.«
»Ganz und gar nicht, Dr. Chess. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Behilflich?« Arthur wirkte amüsiert. »Nein, ich suche nur einen Gesprächspartner. Mir ist aufgefallen, dass Sie in aller Regel allein essen.«
»Mein Dienstplan«, log Jeremy. »Absolut unberechenbar.« Seit sein Leben den Bach runtergegangen war, hatte er es vorgezogen, Gespräche nur noch mit seinen Patienten zu führen. Er war an dem Punkt angekommen, wo er den Freundlichen simulieren konnte. Aber manchmal, an den dunkelsten Tagen, war jeder zwischenmenschliche Kontakt schmerzhaft.
Die kleinen Wendungen des Lebens ...
»Natürlich«, sagte Chess. »Angesichts der Art Ihrer Arbeit muss das ja wohl so sein.« »Sir?«, sagte Jeremy.
»Die Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle.« »Das stimmt.«
Arthur nickte ernst, als hätten sie beide ein bedeutsames Einverständnis erzielt. Einen Augenblick später sagte er: »Jeremy - darf ich Sie Jeremy nennen? -, Jeremy, ich habe bemerkt, dass Sie diese Woche nicht an unserer kleinen dienstäglichen Zusammenkunft teilgenommen haben.«
»Mir ist etwas dazwischengekommen.« Jeremy kam sich vor wie ein Kind, das man beim Schuleschwänzen ertappt hatte. Er rang sich ein Lächeln ab. »Unberechenbare Gefühle.«
»Etwas, das sich klären ließ, hoffe ich?«
Jeremy nickte. »Irgendwas Neues aus der T. K.?«
»Zwei neue Diagnosen, ein Adenosarkom und eine CML. Die typische Präsentation, die übliche angeregte Diskussion.
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